Predigten zu besonderen Anlässen

(Dr. Jörg Sieger)

      

Fünfzig-Jahrfeier der Pauluskirche

 

Hallo Paul,

klingt vielleicht ein wenig ungewohnt, Dich so anzusprechen - aber ich darf das. Andere sagen St. Paul oder Pauluskirche; ich darf ganz einfach, "Hallo Paul", sagen, denn immerhin sind wir zwei beide ja auch der gleiche Jahrgang - Du und ich. Und mittlerweile feiern wir auch schon zum fünfzehnten Mal Patrozinium zusammen. Das verbindet. Da haben wir schon ein Stück gemeinsame Geschichte. Und deshalb darf ich ganz einfach sagen:

Hallo Paul,

so ein halbes Jahrhundert, das ist Anlass um Zwischenbilanz zu ziehen, um ehrlich zurück zu schauen auf Träume, Sehnsüchte und was daraus geworden ist.

Also halten wir Zwischenbilanz - keinen Nachruf. Nachrufe hält man, wenn der Betreffende bereits verstorben ist. Bei einem Nachruf klingt alles irgendwie verklärt. Bei einer Zwischenbilanz geht es um einen ehrlichen, einen kritischen Blick, einen Blick, der dann auch Perspektiven eröffnet für die Zukunft. Denn mit fünfzig Jahren gehört man ja noch nicht zum alten Eisen, ist man noch nicht einfach ehrwürdiger Jubilar, sondern steht mitten im Leben und vor den Herausforderungen dieser Zeit.

Vor solchen Herausforderungen bist Du allerdings schon immer gestanden. Als Du gebaut wurdest, war deutlich zu spüren, dass das mit unserer Kirche so nicht weitergehen konnte. Den Tabernakel musste man damals noch auf den Altar stellen und zelebriert wurde noch mit dem Rücken zum Volk. Aber es war abzusehen, dass das nur noch eine Frage der Zeit war. Wohlweislich hatte man den Altar bereits so weit nach vorne gerückt, dass es ohne weiteres möglich war, einfach den Tabernakel in die Seitenkapelle zu versetzen und genügend Platz hinter dem Altar für die neue Zelebrationsrichtung zu haben.

Eine neue Richtung - das klingt schon fast, wie das Programm dieser Zeit damals. Eine regelrechte Zeit des Aufbruchs! Nach den langen Jahren des Krieges und der Provisorien in einer zerstörten Stadt wurde regelrecht neu durchgestartet - und das mit einem Schwung und Elan, den unsere Kirche selten hatte.

Als Du gebaut wurdest, war vom Pfarrzentrum noch nichts zu sehen, aber es war nur eine logische Konsequenz, dass eine lebendige Gemeinde auch entsprechende Gemeinderäume brauchte. Und deshalb gab es Jahre später auch ein Pfarrzentrum. Eines das nichts übertrieb und den Bedürfnissen der Gemeinde angemessen war: ein Pfarrzentrum mit Augenmaß!

Das mit dem Augenmaß hat allerdings nicht ganz geklappt, als es um Deine Größe ging. Man hat damals mit den beinahe 900 Sitzplätzen schon recht hoch gepokert. Geht es Dir manchmal auch so wie mir, wenn sich zwei Handvoll Menschen mit möglichst viel Abstand zueinander über die unendlichen Bankreihen verteilen, wenn man beim Friedensgruß eigentlich nur noch mit Zuwinken arbeiten kann? Wünschst Du Dir dann manchmal, zwei Nummern kleiner zu sein?

Aber so war das damals, als die Höhe der Zuschüsse, die von der Diözese gewährt wurden, sich an die Zahl der Sitzplätze band - und je mehr Plätze, desto mehr Geld gab es auch. Oh ja, und im Zuschüsse akquirieren da waren Anton Menzer und der Pfarrgemeinderat damals durchaus erfinderisch. Hatte sich die Gemeinde auch deshalb dafür entschieden, Dich als Garnisonskirche auszuweisen? Dafür gab es schließlich nicht geringe Zuschüsse vom Bund. Und mit dem HdB solltest Du ja auch ein regelrechtes Soldatenheim an Deiner Seite haben.

Ich gestehe, dass ich diesen Einsatz für die Militärseelsorge nie recht verstanden habe. Hatte man das Militär damals so anders gesehen, als in den Jahren an die ich mich bewusst zurück erinnern kann - in denen es für kirchlich engagierte Jugendliche doch schon zum guten Ton gehörte, den Kriegsdienst zu verweigern und sich zivil zu engagieren? Und spätestens heute frage ich mich, ob Du Dich nicht manchmal dafür schämst, immer noch auch eine Militärkirche zu sein, wo unser Militär sein Gesicht so gewandelt hat, inzwischen im Dienste einer fragwürdigen Politik steht und sogar als Besatzungstruppen fungiert. Hätte sich damals, als Dein Grundstein gelegt wurde, jemand träumen lassen, dass jemals deutsche Soldaten in fernen Ländern wieder an Kriegseinsätzen beteiligt sein würden?

Aber damals hätte sich wohl auch kaum jemand träumen lassen, dass wir mal in Dir das Patrozinium der Pfarrei St. Peter feiern. Dass St. Anton wieder mit St. Paul vereinigt sein würde und sogar die Abtrennung "auf ewig" von der Peterspfarrei einmal aufgehoben sein würde, das war damals sicher unvorstellbar.

Und es haben ja selbst heute manche immer noch nicht kapiert, dass wir jetzt nicht ein Gemeindefest, sondern das Pfarrfest aller drei Gemeinden feiern, die in der neuen Pfarrei St. Peter zusammengeschlossen sind. Und sie werden es wohl selbst dann noch nicht begriffen haben, wenn wir schon wieder gezwungen sein werden, uns im Denken neu zu orientieren, weil es für ganz Bruchsal dann nur noch eine Kirchengemeinde geben wird.

Du hast ja bereits erleben müssen, dass selbst die umsichtigsten Planungen nicht ausreichen, um für zukünftige Entwicklungen wirklich gewappnet zu sein. Selbst Dein zukunftweisender Chorraum damals, war für die Anforderungen der nachfolgenden Zeiten nicht ausreichend. Wir haben den Altar ja noch einmal gut zwei Meter nach vorne gerückt und symbolisch den Kreis um ihn geschlossen. Ahnst Du bereits, dass auch das nicht ausreichen wird?

Den Aufbruch im Umbruch haben wir bereits hinter uns. Sollten die recht behalten, die unken, dass jetzt der Umbruch im Zusammenbruch kommt? Wir beide gehören nicht zu den Zeitgenossen, die immer nur den nächsten Tag in den Blick nehmen. Wir beide gehören zu denen, die gerne an den Horizont voraus blicken, um sich darauf einstellen zu können, gewappnet zu sein, für das was kommt. Was würde ich manches Mal um Deinen hohen Turm geben, mit dem Du weit ins Land hinein schaust. Was Du wohl alles am Horizont sehen magst?

Fürchtest Du auch, dass es mal eine Zeit geben wird, in der es Dich und mich gar nicht mehr braucht? Da Pfarrer immer weniger werden, wird es gut möglich sein, dass es Dich da sogar um einiges früher trifft als mich. Wenn wir die Einheiten immer weiter vergrößern, wird es kaum auffallen, dass immer weniger Menschen etwas von einem Pfarrer wollen - bei dem Imageverlust der letzten Monate sowieso.

Dich könnte es da schon früher treffen. Hast Du Dich schon mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass es mal keine Gottesdienste mehr in Dir geben könnte? Hast Du Dir schon mal vor Augen geführt, was aus Dir möglicherweise noch alles wird? Man hat ja schon gewitzelt, dass Du Dich als Spargelrestaurant ganz gut machen würdest. Wer weiß, was momentan alles in der Luft liegt.

Du wirst wie ich manchmal wehmütig auf Zeiten zurück blicken, als unser Ruf noch etwas galt. Wenn in den Anfangsjahren Deine Glocken geläutet haben, gingen in ganzen Straßenzügen fast gleichzeitig die Haustüren auf. Heute können die beiden, die sich noch auf den Weg machen, nur hoffen, dass ihnen jemand die Türe aufhält, wenn sie mit ihrem Rolator hindurch wollen.

Leidest Du auch manches Mal darunter, dass Du noch so laut rufen kannst, aber dieser Ruf allerhöchstens noch als Ruhestörung - nur noch als Störung - wahrgenommen wird? Würdest Du Dir auch manches Mal wünschen, dass selbst diejenigen, die sich noch zugehörig fühlen, nicht ganz so träge wären - träge im Denken und auch träge im Entscheiden? Du siehst ja die Zeiten, die heraufziehen schon von ferne. Ist es nicht schlimm mit anzusehen, wie immer noch allzu viele so tun, als wäre auch heute noch alle Zeit der Welt?

Was alles haben wir schon angestoßen, und haben doch immer wieder das Gefühl, als würden wir Ochsen ins Horn pfetzen. Hatten wir zum Beispiel nicht letztes Jahr gezeigt, dass Pfarrfest auch ganz ohne Kasse geht; einfach im Vertrauen, dass jeder und jede das gibt, was sie kann? Haben wir nicht versucht zu zeigen, dass es auch ganz anders geht? Und alles sagt staunend "Oh" und "Ja", und kaum dreht man sich um, geht es im alten Trott weiter. Wie lange wird es brauchen, bis sich in allen Bereichen das Denken Bahn bricht, dass es nicht nur anders geht, sondern dass man es auch wirklich anders machen muss!

Vielleicht machst Du das einzig richtige. Heute lädst Du ein, an Deinem Jubiläum. Du lädst heute ein, auf Deinen Turm hinaufzusteigen. Du lädst die Menschen ein, sich zu erheben. So wie unsere Gottesdienste ja auch jedes Mal nichts anderes wollen als genau das eine: Menschen zu helfen sich über ihren Alltag zu erheben, neue Orientierung zu finden. Vielleicht hilft das, frei in die Weite zu blicken, auf das zu blicken, was auf uns zukommt. Vielleicht hilft das, das Denken zu weiten, um sich auf das einzustellen, was an Herausforderungen auf uns wartet, uns auf Neues einzustellen, neue Lösungen nicht nur zu suchen, sondern sie auch zu finden. Und sie dann nicht nur zu finden, sondern auch mutig umzusetzen.

Amen.

(gehalten am 4. Juli 2010 in der Paukuskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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