Predigten an den Festtagen des Kirchenjahres

(Dr. Jörg Sieger)

      

26. Dezember - Hl. Stephanus (Apg 6,8-10; 7,54-60)

In jenen Tagen tat Stephanus, voll Gnade und Kraft, Wunder und große Zeichen unter dem Volk. Doch einige von der so genannten Synagoge der Libertiner und Zyrenäer und Alexandriner und Leute aus Zilizien und der Provinz Asien erhoben sich, um mit Stephanus zu streiten; aber sie konnten der Weisheit und dem Geist, mit dem er sprach, nicht widerstehen. Als sie das hörten, waren sie aufs äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen. Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los, trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß. So steinigten sie Stephanus; er aber betete und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er. (Apg 6,8-10; 7,54-60)

Der heutige Tag ist eine Zumutung! Am Tag nach dem Weihnachtsfest einen Märtyrer zu feiern, davon zu berichten, wie sie einen totgeschlagen haben, und das in den Mittelpunkt des Gottesdienstes zu stellen, einen Tag nach Weihnachten, das ist eine Zumutung!

Liebe Schwestern und Brüder,

und nicht nur das!

Die Geschichten der Weihnachtszeit sind durch die Bank ein starkes Stück. Übermorgen ist der Tag der unschuldigen Kinder, der uns vor Augen führt, wie man in Israel Säuglinge abgeschlachtet hat. Und Joseph und Maria sind gezwungen mit ihrem Kind die Flucht zu ergreifen, müssen alles stehen und liegen lassen und nach Ägypten fliehen, weil man dem Kind nach dem Leben trachtete.

Und schon in der Zeit davor, standen Maria und Joseph ja auf der Straße, waren verzweifelt auf der Suche nach einer Herberge - und das hatte nichts, aber auch gar nichts mit einem rührseligen Adventsspiel zu tun, wie wir es von ungezählten Aufführungen der Herbergssuche aus den zurückliegenden Adventstagen nur zur Genüge kennen.

Das ganze Geschehen des Advent und der Weihnacht haben überhaupt nichts mit Rührseligkeit und großen Emotionen zu tun. Im Advent, da geht es um eine nackte, ungeschminkte und recht brutale Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die wir alle aus unserem Alltag auch kennen und die wir doch so gerne in diesen Tagen ein wenig ausblenden würden.

Aber da macht uns die Adventszeit, da macht uns Weihnachten, der Heilige Stephanus und all die Geschichten, wenn wir sie nüchtern und genau betrachten, einen ganz gewaltigen Strich durch die Rechnung. Das wirkliche Weihnachten vertreibt uns die Rührseligkeit und die schöne Stimmung und zwar ganz schnell. Weihnachten selbst ist nämlich schon von sich her eine Zumutung.

So wie Gott uns Menschen schon so oft und so manches zugemutet hat. Gott hat offenbar keine Probleme damit, Menschen vor den Kopf zu stoßen, wenn es darum geht, uns klar zu machen, was ihm wirklich wichtig ist.

Wo Menschen sich erwarteten, dass er selbst auf die Erde kommt, um die Feinde zu verjagen und unsere Probleme zu lösen. Da wird er einfach einer von uns, als wollte er uns sagen, dass wir die Dinge nur dann geregelt bekommen, wenn wir selbst anfangen, nach Lösungen zu suchen.

Und er macht uns darüber hinaus auch noch klar, dass es nicht darum geht, irgendeinen Gott mit noch so vielen und schönen Riten zu verehren, dass man ihm vielmehr dort begegnet, wo man sich der anderen Menschen annimmt.

Und das macht er uns ganz besonders an Weihnachten klar, denn an Weihnachten, da geht es ganz besonders und vordringlich um Menschlichkeit, um Barmherzigkeit, darum, dass sich einer des anderen annimmt und dass wir Licht und Wärme für Menschen verbreiten - und das meint nicht zuerst die Lichter an den Christbäumen und wärmende Getränke.

Wer sich die Weihnachtsbotschaft genau anschaut, der weiß, wie viel von unserem ach so schönen christlichen Abendland mit all seinen Bräuchen mit ihm, dem Christus Jesus, dem menschgewordenen Gott, nichts, aber auch gar nichts zu tun haben. Weihnachtsmärkte mit Glühwein und Punsch sind wunderschön, haben aber mit Christsein kaum mehr zu tun, als ein schöner Rahmen mit dem Bild, das er umgibt. An Weihnachten geht es nicht um Glühwein, nicht einmal um Christbaum und Geschenke, an Weihnachten geht es um Menschwerdung, um echte Menschlichkeit.

Wer in den Tagen des Advents auf Straßen und Plätzen gegen Ausländer demonstriert und sich dabei vorstellt, die christliche Sache hochzuhalten, der hat von Christus nichts, aber auch gar nichts verstanden. Christsein geschieht nämlich dort, wo Menschen Tore und Türen für andere öffnen, und insbesondere für die, die die Heimat verloren haben und auf der Flucht sind, nicht nur auf der Flucht nach Ägypten.

Das christliche Abendland rettet man nicht, indem man die Grenzen dicht macht, um so einer vermeintlichen Islamisierung zu wehren. Denn Christen sind die, die den Hilfesuchenden Herberge, wirkliches Asyl bieten. Diejenigen, die solche Asylunterkünfte anzünden, um vor der Überfremdung unserer christlichen Gesellschaft zu warnen, die sollten sich schämen, das Wort christlich überhaupt in den Mund zu nehmen. Das nämlich sind keine Christen, sondern Verbrecher und von denen droht uns mehr Gefahr als von allen Asylbewerbern dieser Welt.

An Weihnachten, das ist wohl wahr, gilt es sich wieder ganz neu auf die christlichen Werte zu besinnen, diese Werte uns neu vor Augen zu führen und wieder mit Leben zu erfüllen. Aber dazu gilt es genau hinzuschauen, wirklich darauf zu schauen, was dieser Jesus von Nazareth denn auch wirklich wollte, wofür er eingetreten und wofür er letztlich gestorben ist.

Das war nämlich etwas anderes als Brauchtum, etwas anderes als völkische Großmannssucht. Es waren genau die Werte, wegen derer er auch heute, gerade in unserer ach so christlichen Gesellschaft mit ihrer ach so christlichen Politik, genauso wenig gerne gelitten wäre, wie er es damals zu seiner Zeit gewesen ist.

Nein, ans Kreuz würde man ihn hier bei uns mit Sicherheit nicht mehr schlagen. Aber abschieben, das würde man ihn vielleicht, als Ausländer, dem in seinem Heimatland keine wirkliche Verfolgung droht.

Auf jeden Fall würde man versuchen, ihn auf Abstand zu halten. Denn dieser Jesus von Nazareth, der war und der ist zu allen Zeiten unbequem gewesen. Eine Zumutung eben.

Denn das war sie schon immer, die Adventszeit, Weihnachten, das Fest der Geburt des Erlösers, und dieser Erlöser selbst, dieser menschgewordene Gott, letztlich war das schon immer eine regelrechte Zumutung.

Genau das, was Gott uns nämlich zumutet, denen, die auf ihn hören, die ihn wirklich hochhalten. Er mutet es uns zu, er mutet uns die anderen Menschen, den anderen Menschen zu. Er macht uns Mut, Mut zur Menschlichkeit. Mut zur wirklichen Weihnacht.

Amen.

(gehalten am 26. Dezember 2014 in St. Marien, Ettenheimweiler)

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