Predigten an den Festtagen des Kirchenjahres

(Dr. Jörg Sieger)

      

4. Dezember - Kolping-Gedenktag

 

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kolpingsfamilie,

eines fasziniert mich an diesem Adolph Kolping ganz besonders. Es gibt einen Punkt, in dem ich ihn bis heute unübertroffen finde und darin ist er mir auch ganz besonders wichtig geworden.

Gut, natürlich ist es faszinierend, dass er selber Schustergeselle gewesen ist, dass er selbst erfahren hat, was denn so ein Wandergeselle damals, vor 150 Jahren, alles mitgemacht hat, und es ist sicher großartig, dass er daraufhin seinen Beruf an den Nagel gehängt hat, Priester geworden ist und sich jetzt genau um diese Handwerksburschen gekümmert hat, das alles ist sicher etwas Großartiges - faszinieren tut mich an ihm etwas anderes.

Faszinierend an ihm ist für mich, dass er damals als Einziger, wirklich als Einziger erkannt hat, was den Gesellen eigentlich fehlte. Und dass er dies nicht nur erkannte, sondern ihnen dann auch versucht hat, genau das zu geben, was sie so dringend brauchten und was sie nirgendwo anders gefunden haben: eine Familie nämlich!

Ich glaube nicht, dass die Gesellen damals in solch großer Zahl zu Adolph Kolping kamen, weil er Sparkassen eingerichtet, oder Wohnheime gegründet hat, nicht in erster Linie deswegen, weil er sich um die Kranken- und Altersversorgung der Gesellen kümmerte; und erst recht nicht deswegen, weil er die Ungerechtigkeit des Systems anprangerte; all das haben schließlich auch andere getan.

Sein Verein hat für mich deshalb diesen ungeheuren Erfolg gehabt, weil die Menschen, die zu ihm kamen, spüren konnten, dass sich hinter seinen Aktivitäten mehr verbirgt, mehr als einfach bloße Abstellung irgendwelcher sozialer Probleme. Adolph Kolping hat die Menschen, die zu ihm kamen, gesammelt und er hat sie um eine Mitte gesammelt, um die gemeinsame Mitte in Jesus Christus nämlich. Und wo Menschen wirklich eine gemeinsame Mitte haben, da entsteht dann Gemeinschaft unter ihnen, eine echte Verbindung untereinander, da wird aus einem Gesellenverein dann eine Familie, die Kolpingsfamilie. Und das war es wohl, was diesen Handwerksburschen damals wahrscheinlich am meisten gefehlt hat.

"Der Mangel an wahrer Familienliebe und gesunder Familienhaftigkeit", so schreibt Kolping, "(das) ist unsere größte Armut..."

Und diese Armut hat er bekämpft. In seinem Gesellenverein haben die entwurzelten Handwerksburschen seiner Zeit wieder etwas von dem Halt zurückgewonnen, der ihnen seit dem Aufbruch von zuhause genommen war. Hier haben sie wieder etwas von der Sicherheit gespürt, die uns Menschen im Letzten das Leben meistern lässt. In seinem Verein hat Kolping diesen Gesellen das gegeben, was sie am meisten brauchten: den Halt im Leben, wie in einer Familie.

Und das ist für mich eine der größten Leistungen Adolph Kolpings überhaupt. Denn der Mangel an Familie, das ist unsere größte Armut, vor 150 Jahren genauso wie heute.

Vieles von dem, was Adolph Kolping gesagt und getan hat, ist mittlerweile aufgegriffen und verwirklicht worden. Verglichen mit der Zeit vor 150 Jahren hat sich in unseren Betrieben ungeheuer viel getan und verbessert. Es gibt jetzt ein soziales Netz, das zumindest einen Großteil des Elends auffängt. Es gibt die gesetzlichen Bestimmungen, die zumindest die größten Missbräuche abstellen. Vieles ist mittlerweile verbessert worden.

Eines ist allerdings geblieben - genauso wie vor 150 Jahren - geblieben ist der Mangel an Familie! Und dieser Mangel, das ist unsere größte Armut. Und ich fürchte, sie ist in den letzten 150 Jahren sogar noch größer geworden!

Das Elend der Gesellen damals fing meist damit an, dass diese Burschen aus ihren Familien aufgebrochen sind und dass sie sich plötzlich mutterseelenallein in einer großen Stadt wiederfanden. Das Elend vieler Kinder heutzutage beginnt meist schon damit, dass sie von Anfang an schon gar keine Familien mehr erleben! Und ich denke jetzt nicht einmal so sehr an die große Zahl der sogenannten gescheiterten Ehen und Familien. Ich denke da an die vielen schon fast normalen Familien, die tadellos funktionieren, in denen Geld verdient wird und das Essen auf dem Tisch steht, diese Familien, die sich aber kaum einmal um diesen Tisch versammeln, gemeinsam essen, gemeinsam etwas unternehmen, gemeinsam beten. Dieser Mangel an Familie, das ist unsere größte Armut.

Und ich bin davon überzeugt, dass es heute denn auch eine der dringlichsten Aufgaben ist, gegen diesen Mangel vorzugehen, gerade für uns als christliche Gemeinde, gerade für eine Kolpingsfamilie. Und wahrscheinlich gilt es, diesen Mangel auf genau die gleiche Art zu bekämpfen, wie es Kolping damals getan hat. Von seiner Familie, von seiner Kolpingsfamilie, so wie er sie gedacht hatte, davon können wir für unsere Familien und für unsere Pfarrgemeinde lernen.

Wo Menschen eine gemeinsame Mitte haben und wo sich Menschen um diese gemeinsame Mitte versammeln, dort entsteht Gemeinschaft.

Nutzen wir die verbleibenden Wochen der Adventszeit, nutzen wir sie im Sinne Adolph Kolpings, nutzen wir sie, um uns um diese gemeinsame Mitte zu versammeln, um zusammenzurücken, in den Familien und in unseren Gemeinden, zusammenzurücken, um uns gegenseitig zu wärmen, gegenseitig zu halten und gegenseitig neuen Mut zu schenken, unser Leben zu meistern.

Amen.

(gehalten am 7. Dezember 1996 in der Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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