Predigten an den Festtagen des Kirchenjahres

(Dr. Jörg Sieger)

      

2. November - Allerseelen (Ijob 19, 1.23-27a)

Da antwortete Ijob und sprach: Dass doch meine Worte geschrieben würden, in einer Inschrift eingegraben mit eisernem Griffel und mit Blei, für immer gehauen in den Fels. Doch ich, ich weiß: mein Erlöser lebt, als Letzter erhebt er sich über dem Staub. Ohne meine Haut, die so zerfetzte, und ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen. Ihn selber werde ich dann für mich schauen; meine Augen werden ihn sehen, nicht mehr fremd. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust. (Ijob 19, 1.23-27a)

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!

"Klar", werden die meisten sagen, "denn Christus ist schließlich von den Toten auferstanden; er lebt!"

Dabei hat dieser Satz, auch wenn weit über 90 Prozent aller Christen bei ihm zuallererst an Jesus Christus denken, zunächst einmal gar nichts mit Jesus zu tun. Und Paul Gerhardt, der das gleichnamige Lied verfasst hat, der war sich dessen durchaus bewusst. Jener Satz, dieses, "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt" ist nämlich Hunderte von Jahren vor Christus geprägt worden. Sie haben es eben gehört, er stammt aus dem alttestamentlichen Buch Ijob.

Natürlich kann man ihn auf Christus hin lesen, eigentlich aber handelt er vom unerschütterlichen Vertrauen dieses Menschen Ijob, vom unerschütterlichen Vertrauen eines Menschen in seinen Gott.

Liebe Schwestern und Brüder,

was Ijob erlebt, nein, was er erlitten hat, das ist Ihnen ja bekannt. Haus, Besitz, Kinder und letztlich auch noch seine Gesundheit, alles wurde ihm genommen.

Und dabei hatte er zeitlebens nichts anderes versucht, als es recht zu machen: den Menschen und seinem Gott.

Für irgendeine Schuld müsse er nun bezahlen, warfen ihm alle seine vermeintlichen Freunde vor. Und wenn er sich keiner Schuld bewusst wäre, dann handele es sich eben um unbewusste Schuld. Für die Freunde und sogar für Ijobs Frau war das sonnenklar: Wenn es Ijob jetzt so dreckig geht, dann kann er nur von Gott verworfen sein.

Ein Gerechter verworfen - Ijob versteht die Welt nicht mehr. Allein und verlassen sitzt er da und eine Antwort auf seine Fragen erhält er nicht: nicht von seinen Freunden und auch nicht von seinem Gott. Er bleibt allein mit der Frage nach dem "Warum?", und vor allem, nach dem "Warum er!"

In genau dieser Situation prägt er diesen unbeschreiblichen Satz: 'Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, als Letzter erhebt er sich über dem Staub. Ich werde ihn schauen. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.'

Das beantworter ihm keine Frage - weiß Gott nicht -, das nimmt ihm nichts von seinem Leid, er wird deswegen weder gesund noch findet er Trost ob seines Verlustes. Es ist ganz einfacher Trotz! Ijob trotzt seinem Geschick und zwar in unerschütterlichem, im Letzten wirklich unerschütterlichem Vertrauen auf den lebendigen Gott, der das Leben will und nicht den Tod und der jeden, der sich an ihn hält, nicht im Stich lassen wird, egal, was alle anderen sagen; und selbst egal ob ich jetzt etwas davon spüre oder nicht. Es ist die Hoffnung wider alle Hoffnung, ohne die Ijob nie die Kraft gehabt hätte, das alles wirklich durchzustehen.

Er hat genauso wenig eine Antwort gefunden auf die Frage nach dem "Warum?" wie alle vor und nach ihm. Und seine Glaubensüberzeugung schafft keine dieser Fragen aus der Welt. Aber vielleicht ist sie das einzige, was wirklich hilft!

Und gerade deshalb, weil es offenbar keine Antworten gibt, weil niemand von uns sie wirklich hat, gerade deshalb wünsche ich allen, allen, die einen lieben Menschen verloren haben und nicht wissen, warum, allen, die Angehörige pflegen und nicht wissen, wie sie es durchstehen sollen, allen, die selbst von Krankheit niedergedrückt sind und an Gott und der ganzen Welt verzweifeln könnten, all denen, die nicht mehr ein noch aus wissen, gerade deshalb, weil ich Ihnen keine Antworten zu bieten haben, gerade deshalb wünsche ich Ihnen ein wenig von der Glaubensüberzeugung dieses Menschen der Bibel, der vor Jahrtausenden, lange bevor uns Jesus Christus die Botschaft der Auferstehung verheißen hat, der Jahrhunderte zuvor schon nicht von seinem Glauben abzubringen war, von dieser Überzeugung: dass mein Erlöser lebt und ich ihn schauen werde; dass meine Augen ihn sehen werden.

Das schafft zwar keine unserer Fragen aus der Welt, aber es ist vielleicht das Einzige, was wirklich hilft.

Amen.

(gehalten am 2. November 2008 in der Antoniuskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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