Predigten an den Festtagen des Kirchenjahres

(Dr. Jörg Sieger)

      

2. November - Allerseelen (Totengedenken)

 

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen.

Es war in der Fußgängerzone von Shanghai. Himmel und Menschen - und ein Krankenwagen mit Blaulicht. Wohlgemerkt in einer Fußgängerzone! Aber der Wagen kam nur mit Schrittgeschwindigkeit vorwärts. Er fuhr mit Blaulicht und Sirene in einer Fußgängerzone und kaum jemand machte Platz. Es dauerte Ewigkeiten, bis das Rettungsfahrzeug ein paar 100 Meter weiter gekommen war.

"Was passiert denn hier?" fragte ich ganz erschrocken unseren Reiseleiter und erhielt die ernüchternde Antwort: "Das ist hier normal. Den Kranken kennt man doch nicht!"

Liebe Schwestern und Brüder,

es gibt in China offenbar so etwas wie eine schon sprichwörtliche Gleichgültigkeit dem gegenüber, den man nicht kennt. Und das mag in einem Land, das Millionenstädte als Kleinstädte bezeichnet, vielleicht noch nachvollziehbar sein. In China ist die Aufregung, wenn 300 Grubenarbeiter verschüttet werden, von denen man keinen einzigen kennt, wahrscheinlich weit kleiner als bei uns, und man nimmt an diesem Geschehen weit weniger Anteil als wir hier in Europa. Das macht uns Europäer Kopfschütteln und lässt uns voll Unverständnis dastehen.

Dabei gibt es auch bei uns mittlerweile eine ganze Reihe von Zügen genau derselben Gleichgültigkeit. Etwas von dieser Teilnahmslosigkeit macht sich auch bei uns immer mehr breit. Es gibt so ein paar Alarmsignale, die mich in den letzten Monaten hellhörig werden ließen - und das ganz besonders, wenn es um Verstorbene und die Trauer der Angehörigen geht.

Ich bin es von früher her noch gewohnt - und fast alle von Ihnen werden das ja auch genauso handhaben -, dass man auf dem Friedhof, wenn einem ein Trauerzug mit Sarg oder Urne entgegenkommt, am Rande stehen bleibt, bis die Menschen vorübergezogen sind, und mit seinem Schweigen zum Ausdruck bringt, dass einen das Leid der anderen nicht gleichgültig lässt. Immer häufiger aber ist es mittlerweile der Fall, dass Menschen einfach weitermachen, die Gießkanne lautstark füllen, sich mit anderen unterhalten oder sich mit dem Gartenbesteck in der Hand am Trauerzug vorbeidrängeln, weil ihnen das Ganze viel zu langsam vor sich geht.

Höhepunkt war für mich in diesem Erleben letzthin ein Fahrradfahrer, der im Sportdress den Friedhof offenbar als willkommene Abkürzung betrachtete und auf meine Einlassung, dass dies ein Friedhof sei und die Achtung vor den Toten zumindest gebiete, vom Rad abzusteigen, ohne anzuhalten nur antwortete: "Halten Sie doch endlich Ihr Maul!"

Sie können mir entgegenhalten, dass das ganz seltene Ausnahmen sind, aber sie werden häufiger. Und sie weisen in eine Richtung, die mehr als besorgniserregend ist, so nach dem Motto: "Warum soll ich denn Anteil nehmen? Ich kenne den anderen doch gar nicht - weder den trauernden Angehörigen noch den Verstorbenen."

Heute setzen wir ein ganz klares Zeichen dagegen.

Natürlich sind viele von Ihnen jetzt auch deshalb hier, weil Menschen aus Ihrer Verwandtschaft von Ihnen gegangen sind, weil Sie um liebe Angehörige trauern. Das ist aber nur das eine.

Vor allem deshalb sind wir heute hier, um an all diejenigen zu denken, die von uns gingen, ohne dass irgendjemand sich noch an sie erinnert, geschweige denn, dass irgendwer an sie denkt - und das das ganze Jahr über.

Heute soll es anders sein. Wir wollen an all die vielen namenlosen Verstorbenen, all die Männer und Frauen denken, die dieser Stadt ein Gepräge und ein Gesicht gaben, jetzt aber keinen Menschen mehr haben, der ihr Andenken hochhalten würde. Wir wollen mitfühlen mit Angehörigen, die in ihrer Trauer alleingelassen sind, weil sich niemand nach ihnen erkundigt und kaum jemand um ihren Schmerz weiß, und an diejenigen wollen wir denken, die fern der Heimat verstorben sind oder bei Kriegen und Katastrophen ums Leben kamen, an all die Menschen, mit denen wir uns in Solidarität als Christen verbunden wissen, ohne dass wir sie persönlich gekannt hätten.

Denken wir in aller Stille an diese Frauen und Männer -

Oh, Herr, gib Ihnen die ewige Ruh, und das ewige Licht leuchte Ihnen.

Amen.

(gehalten am 1. November 2008 in der Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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