Predigten an den Festtagen des Kirchenjahres

(Dr. Jörg Sieger)

      

2. November - Allerseelen (Totengedenken)

In jener Zeit, als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie bei ihm zusammen. Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten. (Mt 22,34-40)

Was wäre eigentlich, wenn ich morgen sterben müsste? Was, wenn ich jetzt gesagt bekäme: Ganz sicher, morgen ist es soweit! Wie würde ich reagieren?

Liebe Schwestern und Brüder,

ich weiß es nicht. Ich bin mir nur ziemlich sicher, dass ich alles andere als begeistert wäre. Ich würde mich - glaube ich - mit Händen und Füßen dagegen wehren. Vielleicht würde ich zu verhandeln versuchen, um noch einen Tag, eine Woche, einen Monat oder auch mehr herausschinden zu können.

Ich will noch nicht weg! Und Liedzeilen, wie dieses "Mit Freud' fahr ich von dannen", die kommen mir meist nur ganz schwer über die Lippen.

Sollte das verkehrt sein? Müsste ich nicht begeistert sein? Es geht doch um das Reich Gottes! Christus verheißt uns ja die ewige Seligkeit und auf die müsste ich mich doch freuen und mit wehenden Fahnen ihm entgegengehen und das lieber heute als morgen.

Ich gebe zu: Ich tue es nicht! Ich hänge an diesem Leben - ein Leben, das so viel bietet und bei all seiner Mühsal und Beschwer, doch noch so viele glückliche Stunden bereithält, wenn man sie nur zu entdecken weiß.

Und liege ich da so falsch? Ich glaube nicht. Warum sollte ich das Leben nicht lieben, wenn Gott es doch nicht minder tut. Ja, ganz im Gegenteil, wenn ich von diesem Leben nichts halten würde, das würde doch bedeuten, dass ich das größte Geschenk Gottes an uns Menschen im Letzten gering achten würde.

Ich darf das Leben lieben - ja, ich glaube, ich muss es sogar. Denn ich bin davon überzeugt, dass ich gar kein anderes Leben bekomme!

Das Johannes-Evangelium macht uns schließlich recht deutlich, dass das neue Leben in Christus mit Jesus Christus bereits begonnen hat. Die Vollendung unseres Lebens steht noch aus, aber begonnen hat es schon lange. Unser Leben wird verwandelt werden, aber es wird kein ganz anderes sein. Und wenn ich mit diesem Leben hier nicht zurechtkäme, wenn ich es mit mir oder mit anderen Menschen zusammen nicht aushalten würde, ich dürfte mir dann nicht einbilden, eine ewige Seligkeit wirklich genießen zu können.

Das haben die Menschen schon von alters her gewusst. Wenn Sie in Freiburg den Figurenzyklus in der renovierten Torhalle des Münsters betrachten, dann achten Sie einmal auf die Darstellung der Auferstehung der Toten. Da werden zwei Gruppen unterschieden: Auf der einen Seite quälen sich die Menschen ganz allein aus den Gräbern. Das sind die, die unter der Last der Steine, der Last ihres Lebens verzweifeln und zusammenbrechen. Auf der anderen Seite werden Menschen gezeigt, die freudig einander beistehen, sich gegenseitig helfen, die Steine wegzuräumen und dabei fröhlich strahlen. Das sind die Seligen, denen es in diesem Leben gelungen ist, eines zu lernen: miteinander zu leben nämlich, dieses Leben miteinander zu tragen und es gemeinsam genießen zu können.

Mein Leben mit den anderen Menschen gemeinsam schon hier als Gottes großes Geschenk genießen und gemeinsam gestalten zu lernen, das ist für mich die große Aufgabe dieses Lebens. Christus selbst hat es so beschrieben: Sich und den anderen, so wie mich selbst, lieben zu lernen, das ist - gepaart mit der Liebe zu Gott - die Erfüllung all dessen, was er von uns erwartet.

Nachfolge Christi kann deshalb nie bedeuten, nur auf das Jenseits zu schielen oder die Menschen links liegen zu lassen, ihnen aus dem Weg zu gehen und noch viel weniger, nichts für sie übrig zu haben. Nachfolge Christi kann auch nicht bedeuten, das Leben nicht mehr genießen zu können. Nicht umsonst sagt das Sprichwort, dass der, der nicht mehr genießen kann, am Ende ja selbst völlig ungenießbar wird.

Ja, ich glaube, es ist alles andere als verkehrt, dieses Leben zu lieben. Gott hat es mir geschenkt. Und er will nichts anderes von mir, als dass ich es zu leben lerne, so, dass es für mich und für die Menschen, mit denen ich zusammen lebe, zu einem guten, einem erfüllten Leben wird.

Und genau dieses Leben, das wird sich durchhalten, das wird er hindurchtragen - durch den Tod hindurch. Das hat er verheißen und darauf darf ich vertrauen.

Ich werde deshalb vermutlich kaum begeisterter sein, wenn es dann wirklich daran geht, dass ich sterben muss. Aber ich darf darum wissen, dass dies keinen wirklichen Bruch bedeuten wird. Es wird sich all das, was mir in diesem Leben wichtig geworden ist - meine Gedanken, mein Gefühl, ich selbst, und all die Menschen, die mir teuer und wertvoll waren, all die Beziehungen und die gemeinsame Geschichte mit ihnen - all das wird sich durchhalten, durch das Sterben und den Tod hindurch. Es wird diese neue Wirklichkeit von Leben genauso positiv und liebenswert prägen, wie es mein Leben hier schon lebenswert gemacht hat.

Das macht Christus mir deutlich, das ist sein Wille. Und dieser Wille, sein Wille, der möge geschehen.

Amen.

(gehalten am 1. November 2006 in der Peterskirche, Bruchsal)

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