Predigten an den Festtagen des Kirchenjahres

(Dr. Jörg Sieger)

      

2. November - Allerseelen (Totengedenken)

 

Und dann war da noch jene Mutter, die heute noch eine rosa Schleife in ihrem Nähkasten liegen hat.

Sie hatte einen Teddybären genäht, aus Plüsch und mit Watte gefüllt und eine rosa Schleife sollte er bekommen. Als er fast fertig war - es fehlte nur noch der Stummelschwanz und eben jene rosa Schleife -, da zeigte die Mutter den fast fertigen Teddybären ihrer Tochter. Sie hat ihn nie mehr hergegeben.

Von diesem Abend an, nahm sie ihn jeden Tag mit ins Bett, schleifte ihn mit in den Kindergarten, nahm ihn mit, wenn sie bei ihren Freundinnen übernachtete, hatte ihn bei ihrer Hochzeit dabei und jetzt im Wohnzimmer über dem Sofa sitzen. Sie hatte ihn nie mehr hergegeben.

Anfangs hatte die Mutter noch ein paarmal den Versuch unternommen, ihn doch wenigstens für ein paar Stunden noch einmal zu bekommen, doch noch die rosa Schleife anbringen zu können. Es war vergebliche Liebesmüh. Jedes Mal, wenn das Mädchen den Teddybären wieder hergeben sollte, begann es Rotz und Wasser zu heulen. Die Schleife liegt heute noch im Nähkasten jener Frau. Ach ja, und den Stummelschwanz, den hat dieser Teddybär auch nie erhalten.

Liebe Schwestern und Brüder,

bei Kindern ist das sehr häufig so. Man gibt ihnen etwas in die Hand und sie lassen es nicht mehr los. Ganz egal, ob es schon fertig, ob es zu Ende gebracht ist oder man noch etwas daran tun müsste.

Bei jenem Teddybären war das nicht tragisch, der kann auch ohne Stummelschwanz und ohne rosa Schleife ein gutes Kuscheltier sein.

Manchmal aber geht es nicht anders; da muss man einem Kind eine unfertige Sache noch einmal aus der Hand nehmen: das Kleid, das noch nicht fertig ist, das lediglich zur Anprobe zusammengeheftet wurde, das Spielgerät im Rohzustand oder das Puppenhaus, bei dem die Wände nur provisorisch befestigt sind...

Damit man es fertig stellen kann, damit wirklich das daraus wird, was es am Ende auch sein soll, dazu muss man dem Kind solch ein Teil einfach noch einmal wegnehmen - auch wenn es dann Tränen gibt, auch wenn das Kind absolut nicht versteht, warum es den Teddy oder das Kleid noch einmal hergeben soll. Manchmal kommt man um diese Tränen einfach nicht herum.

Dass das schon jetzt, im Rohzustand Liebgewordene, am Ende noch viel schöner sein wird, dass es viel besser passen wird und dass es deshalb notwendig ist, noch einmal für kurze Zeit den Teddy aus den Händen zu geben, das sind Erklärungen von Erwachsenen; die versteht das Kind in aller Regel nicht.

Genauso, wie wir es nicht verstehen - bei allen Erklärungen, bei allem Nachdenken, bei all unserer Theologie - genauso, wie wir nie verstehen werden, warum wir dieses Leben, das uns doch so lieb geworden ist, warum wir es noch einmal hergeben müssen, warum es Gott uns noch einmal nehmen muss.

Von Vollendung spricht die Theologie, von Fülle des Lebens spricht die Bibel. Wir hören diese Worte und wir können uns mit dem Verstand den Sinn zusammenreimen. Das Kind in unserem Herzen, das klammert sich aber trotz all dieser Worte an das unfertige Leben, das uns Gott schon einmal in die Hände gelegt hat. Und loslassen, loslassen wollen wir dieses Leben unter keinen Umständen mehr.

Der Allerseelentag, der uns die Verstorbenen in Erinnerung ruft, erinnert auch an unser eigenes Sterben. Er macht uns unsere Sterblichkeit neu bewusst. Er ruft uns in Erinnerung, dass es nicht fertig ist, dieses Leben, dass es notwendig sein wird, es noch einmal aus der Hand zu geben.

Aber er will uns auch sagen, dass das nur für einen kurzen Augenblick sein wird, gerade so lange, wie es braucht, um dieses Leben zu vollenden, fertig zu stellen, mit seiner rosa Schleife zu versehen.

Das ändert kaum etwas daran, dass es Tränen geben wird. Das ändert nichts daran, dass wir es nicht verstehen werden. Aber vielleicht können wir zumindest erahnen, dass es irgendwo halt notwendig sein wird,  und - und das wird dann wohl das Wichtigste sein -, dass es nicht einfach einer Laune dieses Gottes entspringt, dass es einzig und allein deshalb geschieht, weil es offensichtlich nicht anders geht, weil es nur so wirklich gut für uns ist.

Das will uns Gott am heutigen Tag ganz besonders mitgeben. Er will uns versichern: Bei allem was auch geschehen wird - es wird nicht zu unserem Schaden sein.

Amen.

(gehalten am 1. November 2000 in der Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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