Predigten an den Festtagen des Kirchenjahres

(Dr. Jörg Sieger)

      

1. November - Hochfest Allerheiligen (Mt 5,1-12a)

In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie. Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. (Mt 5,1-12a)

"Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen!", das sagen Ihnen Politiker und das sagen Ihnen selbst Theologen.

Politiker verweisen auf die Sachzwänge, darauf, dass die Welt kompliziert geworden ist, es keine einfachen Antworten gibt und erst recht ganz selten eine klare Unterscheidung in nur richtig und nur falsch. Und Theologen erklären Ihnen, dass Matthäus den erhöhten Christus sprechen lässt, dass es in seiner Bergpredigt um das Programm für das Reich Gottes geht, ein Reich, das eben nicht von dieser Welt sei.

Beide - Politiker wie viele Theologen - halten die Bergpredigt für nicht umsetzbar, nicht für eins zu eins lebbar. Und beide - vor allem die Theologen - machen es sich meines Erachtens zu einfach!

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn unsere Kirche eine neue Vorschrift ins Messbuch schreiben lässt, dann wird größter Wert darauf gelegt, dass sie genau so befolgt wird. Und mit der Einhaltung der Kirchengebote - dem Freitagsgebot etwa oder dem Nüchternheitsgebot - wurden ganze Generationen von Christen getriezt und Hunderte von Predigten darüber gehalten.

Das was sich an Bräuchen und Konventionen - an guten und schlechten Traditionen - im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet hat, das befolgen wir bis ins i-Tüpfelchen genau. Aber was Jesus von Nazareth gesagt hat, was an Worten von ihm selbst überliefert wurde, das diskutieren wir ganz einfach hinweg, eloquent und ganz elegant. Jesus habe das ganz anders gemeint und vor allem, er habe nicht uns und auch nicht unsere Zeit im Blick gehabt.

Wen aber soll er dann gemeint haben? Für wen ist das Wort der Schrift aufgeschrieben, wenn nicht für uns? Wem gilt sein richtungsweisendes Wort, wenn nicht denen, die in seinen Spuren die Nachfolge Christi leben wollen?

Nein, so einfach will ich es mir nicht machen - nicht mir und nicht Ihnen! Ich bin davon überzeugt, dass Jesus das mit der Bergpredigt sehr ernst gemeint hat. Und was er uns da ins Stammbuch geschrieben hat, das muss nicht nur Grundlage für das Leben eines jeden Christen, das muss auch Grundlage für jede Politik sein, die christlich genannt werden will.

Und das angefangen mit der Einleitung - der Präambel der Bergpredigt - die wir gerade eben gehört haben. In diesen sogenannten Seligpreisungen benennt Christus diejenigen, die zu ihm gehören: Es sind die Trauernden, die Armen und die Hungernden. Ihnen gilt seine Zuwendung. Und genau diesen Menschen, denen, die zwischen den Mühlsteinen des Getriebes unserer meist so unbarmherzigen Welt zerrieben zu werden drohen, genau ihnen muss auch die ehrliche Zuwendung all derer gehören, die sich auch nur im Entferntesten auf Christus berufen.

Und sie müssen sich nicht minder zu eigen machen, was Jesus genauso unmissverständlich benennt: die Barmherzigkeit nämlich, das Verlangen nach Gerechtigkeit und das Stiften von Frieden. Das gehört zum Christsein dazu. Ohne geht es nicht.

Und auch wenn das so viele nicht hören möchten. Wenn Jesus vom Frieden-Stiften spricht, dann meint er nicht das, was Politik heute mit militärischen Friedenseinsätzen umschreibt.

Genau das Gleiche hatte Jesus von Nazareth schon zu seiner Zeit erlebt. Wenn die Römer in den Krieg zogen, taten sie dies auch, um fremde Völker zu "befrieden". Den ganzen Mittelmeerraum hatten sie befriedet. Nichtsdestoweniger wurden sie von den Menschen - und das nicht nur in Israel - als unbarmherzige Besatzungsmacht erlebt.

Wir können noch so mit den Worten spielen, wir können noch so erfinderisch sein mit Definitionen und Erklärungen: Es kann mir niemand weismachen, dass auch nur irgendeiner der Militäreinsätze, die es auf unserer Welt gibt, im Sinne dessen ist, der heute zu uns sagt, dass diejenigen selig zu nennen seien, die Frieden stiften - auch nicht der in Afghanistan!

Und bevor man mir wieder vorwirft, dass dies populistisch sei, undifferenziert und einseitig, bevor man mich wieder fragt, was denn die Alternativen seien und ob man die Menschen in Afghanistan etwa sich selbst überlassen solle - lassen sie es mich differenzierter darstellen:

Ja, es begann mit den Anschlägen vom 11. September; ja, es war nicht diese Regierung, die dem Einsatz zugestimmt hat und ja, es sind Schulen und Krankenhäuser entstanden und die Situation von Mädchen und Frauen hat sich in vielem verbessert. Das weiß ich genauso wie Sie.

Warum aber macht mich dann stutzig, dass die eigentlichen Drahtzieher und hauptsächlichen Unterstützer der damaligen Anschläge in Saudi-Arabien saßen und sitzen und nicht in Afghanistan?

Warum werde ich stutzig, wenn man mir von Frauen und Mädchen erzählt? Hat sich für die Lebensumstände von Frauen und Mädchen schon jemals in der Geschichte der Menschheit eine militärische Macht aus dem Fenster gelehnt?

Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass die Gründe für diesen Einsatz doch ganz andere sind? Warum habe ich das Gefühl, dass man uns wieder einmal gar nicht die Wahrheit sagt?

Liege ich denn da so falsch, wenn ich den Eindruck habe, dass unsere Regierung deshalb so um Worte ringt, weil sie letztlich gar keine Wahl hat? Ich bin mir immer sicherer, dass unsere Soldaten und Soldatinnen nicht deshalb in Afghanistan sind, weil das irgendjemand bei uns für sinnvoll erachtet. Sie sind ganz einfach dort, weil die Verbündeten das erwarten, weil sie das verlangen und weil unsere Regierung, wenn sie es sich mit ihnen nicht verderben will, gar nicht anders kann. Und selbst wenn unsere Regierung die Truppen am liebsten abziehen wollte, sie kann es gar nicht. Ganz im Gegenteil: Sie wird noch mehr Soldaten nach Afghanistan schicken müssen, weil die Verbündeten das verlangen werden.

Aber diese Soldatinnen und Soldaten sind in einem Einsatz, bei dem sie weithin auf verlorenem Posten stehen. Das, was sie dort tun müssen, um am Leben zu bleiben, das hat mit einem Friedenseinsatz absolut nichts zu tun. Das sagen zuallererst die Soldaten selber, die es vor Ort erleben. Aber was Krieg ist, muss auch Krieg genannt werden.

Ein Krieg aber muss einmal ein Ende haben. Und es ist die Aufgabe von Politikerinnen und Politikern, kriegerischen Auseinandersetzungen rasch ein Ende zu machen. Denn ohne Frieden ist wirklicher Aufbau und Neuanfang unmöglich. Wenn aber nicht einmal anerkannt wird, dass wir uns im Krieg befinden, wie soll dann wirklich um Frieden gerungen werden?

Je länger die kriegerischen Auseinandersetzungen dauern, desto mehr wird bei der Bevölkerung in Vergessenheit geraten, dass unsere Soldatinnen und Soldaten hier einmal aufgebrochen sind im Bewusstsein, helfen zu wollen, desto mehr werden sich Fronten verhärten, desto unmöglicher wird Frieden und Versöhnung am Ende werden.

Und dabei werden die am meisten verlieren, die augenblicklich am meisten herhalten müssen, wenn es um Begründungen und Argumente geht: die Frauen und Mädchen in Afghanistan nämlich. Wobei ich allerdings befürchte, dass sie am Ende so oder so die Verliererinnen der ganzen Aktion sein werden. Dass es nämlich um ihre Interessen geht, das glaube ich nicht.

Was ich aber glaube? Ich glaube, dass der einmal mehr recht behalten wird, der, der uns gesagt hat, dass derjenige, der zum Schwert greift, durch das Schwert umkommen wird. Er hat uns anderes gelehrt: Liebt Eure Feinde, tut Gutes denen, die Euch hassen. Das war und ist sein Programm, ein Programm, von dem er ausgeht, dass sich die Welt dadurch verändern kann und wird.

Ich weiß, das erscheint vielen unrealistisch. Sie halten es sogar für traumtänzerisch. Das aber mögen sie dann Jesus Christus erklären und nicht mir. Denn nicht ich - er war es, der gesagt hat: Selig sind die, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.

Amen.

(gehalten am 1. November 2009 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
Tel.: +49 (0721) 82105171, E-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.