Predigten an den Festtagen des Kirchenjahres

(Dr. Jörg Sieger)

      

1. November - Hochfest Allerheiligen (1 Joh 3,1-3)

Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es. Die Welt erkennt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat. Liebe Brüder, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Jeder, der dies von ihm erhofft, heiligt sich, so wie Er heilig ist. (1 Joh 3,1-3)

Es gibt gewisse Schlagworte, mit denen man unsere Feste kurz auf den Punkt bringen kann. Weihnachten etwa, Weihnachten ist das "Fest der Liebe". Pfingsten wird gerne als "Geburtstag der Kirche" bezeichnet. Ostern, das ist das "Fest der Erlösung".

Und heute, ja was feiern wir heute?

Liebe Schwestern und Brüder,

wie könnte so ein Schlagwort für den Allerheiligentag denn heißen?

Ich hab's mir eine ganze Zeit lang durch den Kopf gehen lassen. Und es fiel mir als bestes Bild das von den Brücken ein. Ich denke, wir feiern heute so etwas wie ein Brückenfest.

Wir glauben schließlich daran, dass durch die Auferstehung Jesu Christi der Tod endgültig seinen Stachel verloren hat. Wir wissen nun, dass er kein wirkliches Ende bedeutet. Jesus Christus hat den Tod besiegt und in seiner Auferstehung hat er den Weg zum Leben für uns alle eröffnet.

Viele sind diesen Weg schon gegangen. Sie sind uns vorangegangen. Unzählige Menschen, die wir nie kennengelernt haben - aber auch Menschen, die uns wichtig waren, die wir geschätzt, verehrt und geliebt haben.

Die Botschaft von der Auferstehung verheißt uns, dass all diese Menschen nicht einfach weg sind. Sie leben. Sie leben bei Gott, in einer ganz anderen Dimension von Leben zwar, aber - und das ist das Geheimnis des heutigen Tages - mit vielfältigen Beziehungen zwischen ihnen und uns.

Es gibt eine Brücke, eine Brücke von hier nach dort. Eine Brücke zu den Menschen, die uns so viel bedeutet haben.

Sicher, das ist kein normaler Verkehrsweg, über den man einfach nach Belieben hin und her gehen könnte. Aber es ist eine Verbindung, eine Verbindung, die uns mit den jetzt schon bei Gott lebenden Menschen in Kontakt bleiben lässt.

Das ist für mich die eigentliche Botschaft des Allerheiligentages. Es gibt eine Verbindung zu den Menschen, die in jener anderen Dimension von Wirklichkeit leben.

Israel hatte sich vorgestellt, dass die Verstorbenen in einer Art Schattenreich ihr Dasein fristen. Sie sind weg, vom Leben abgeschnitten, ohne Verbindung zu den Lebenden und erst recht nicht zu dem Lebendigen, zu Gott. Wir glauben - und Ostern gibt uns allen Grund dazu - wir glauben, dass die Verstorbenen leben, dass sie sogar in Fülle leben.

Und ich glaube, dass sie es schon jetzt tun. Dieses Leben bei Gott beginnt nicht erst an irgendeinem Jüngsten Tag, irgendwann in ferner Zukunft. Der Tod bedeutet Hindurchgang: Hindurchgang in diese neue Wirklichkeit des Lebens; in die Fülle des Lebens - und zwar schon jetzt. Und wenn Sie einen lieben Menschen haben, um den Sie trauern, dann werden Sie das vermutlich nicht anders spüren: Der ist nicht weg, ganz tief in sich drin werden sie spüren, dass er lebt, dass er mit ihnen in Verbindung bleibt, Kontakt hält, dass es in uns eine Brücke gibt, eine Brücke von uns hin zu den Menschen, die uns vorangegangen sind.

Das feiern wir heute. Wir feiern die Gemeinschaft der Heiligen.

Wir feiern, dass die Menschen die auf dieser Welt leben und Gottes große Familie auf Erden bilden und die Menschen, die bereits bei Gott leben, uns in die Fülle des Lebens vorangegangen sind, dass wir alle eine große Gemeinschaft bilden, eine solidarische Gemeinschaft, die sich um Gott versammelt, zu ihm, zu Gott dem Heiligen gehört und deshalb heilig genannt wird.

Heute ist das Fest, an dem wir uns das ganz besonders bewusst machen. Die Verstorbenen sind nicht weg, sie leben bei Gott und Sie halten den Kontakt mit uns hier in dieser Welt. Es gibt eine Verbindung, eine Brücke.

Und bevor sie jetzt einwenden, dass Brücke doch gar nicht das zutreffende Bild sei, dass wir ja nur von einer Verbindung sprechen, dass das Bild doch viel eher so etwas wie drahtlose Kommunikation sein müsste - nein, das Bild von der Brücke ist mir schon wichtig, denn einmal werden wir ja tatsächlich auf ihr gehen, auch Sie und ich, einmal werden wir sie wirklich beschreiten, dann nämlich, wenn wir hinübergehen in diese neue Dimension des Lebens.

Diese neue Welt, die dann vor uns liegt, mag uns fremd sein und keiner mag beschreiben können, wie genau es wohl sein wird. Eines aber verrät uns das heutige Fest schon jetzt: Es werden Menschen dort sein, die uns empfangen, und diese Menschen werden wir kennen. Es mag ein unbekannter Ort sein, zu dem wir aufbrechen werden, aber wir werden uns dennoch gleich zuhause fühlen, denn Menschen, die wir hier schon kennen und schätzen gelernt haben - Menschen, die wir lieben -, sie werden uns den Einstieg leicht machen,

Das ist vielleicht die schönste Botschaft und die tröstlichste Seite des heutigen Tages. Er berichtet nämlich davon, dass niemand von uns allein sein wird. Die anderen sind da. Und sie werden uns erwarten.

Amen.

(gehalten am 1. November 2005 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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