Predigten an den Festtagen des Kirchenjahres

(Dr. Jörg Sieger)

      

1. November - Hochfest Allerheiligen

 

Es gibt kaum einen Papst in der jüngeren Geschichte, an dem sich die Geister so scheiden, wie an Johannes Paul II. Und vieles, was er sagt und tut, gibt Anlass zu Diskussionen und auch zu Widerspruch.

Manchmal reibe auch ich mich ganz schön an ihm. Mit einer Sache aber, habe ich keinerlei Schwierigkeiten: Wenn Johannes Paul II. als der Papst in die Geschichte eingehen wird, der die meisten Heiligsprechungen vorgenommen hat, dann mögen sich manche darüber wundern und gar aufregen - ich habe damit keinerlei Schwierigkeiten.

Liebe Schwestern und Brüder,

ganz im Gegenteil - wenn Menschen sagen: "Wie kann man denn den oder jenen heiligsprechen. Das ist ja furchtbar, solch eine Frau oder solch einen Mann in den Stand der Heiligkeit zu erheben.", dann kann ich versuchen, die Argumente zu verstehen, teilen kann ich sie nicht.

Wenn es nach mir ginge, müsste der Papst - wenn er schon einmal damit begonnen hat, Menschen zu Heiligen zu erklären - dann müsste er noch viel mehr Menschen heilig sprechen. Wenn es nach mir ginge, dann käme er zu gar nichts anderem mehr, denn eigentlich müsste er am Ende so gut wie alle heilig sprechen.

Heilig zu sein, das ist ja nicht das Ergebnis besonderer Verdienste. Heilig wird man nicht dadurch, dass man besondere Leistungen erbracht hätte. Das wäre ja gleichbedeutend damit, dass man sich den Himmel verdienen könnte, ihn durch seine Leistungen gleichsam erkaufen würde.

Das aber hat uns doch spätestens Paulus ein für alle Mal deutlich gemacht: Den Himmel kann ich nicht erleisten. Es gibt ihn nicht als Belohnung für unsere Verdienste. Gott gegenüber Verdienste anzuhäufen schafft nämlich kein Mensch.

Wirklich heilig ist nämlich nur einer: der Heilige, Gott selbst.

Und wenn Menschen heilig genannt werden, dann nicht, weil sie diesen Titel gleichsam verdient hätten. Heilig sind wir einzig und allein deshalb, weil der Heilige, weil Gott selbst erklärt: "Ihr gehört zu mir!" Weil Gott uns zu sich nimmt, als seine Söhne und Töchter annimmt, deshalb haben wir Anteil an seiner Heiligkeit. Und Anteil zu haben an seiner Heiligkeit, das ist das Einzige, was Menschen wirklich zu Heiligen macht.

Aber genau deshalb sind letztlich alle heilig, all diejenigen, von denen Gott sagt, dass sie zu ihm gehören. Und ich hoffe ganz inständig, und ich glaube tief in mir drin, dass er es letztlich zu allen Menschen sagen wird.

Ich glaube, dass Gott das Heil aller Menschen will, und ich vertraue ganz fest darauf, dass er einen Zugang zu den Herzen aller Menschen findet - sei es ganz früh in ihrem Leben, sei es ganz spät oder vielleicht erst dann, wenn sie wirklich vor ihm stehen. Ich hoffe ganz inständig, dass es am Ende keinen Einzigen gibt, der seinen ganz persönlichen Weg zu Gott nicht gefunden hat.

Und wer weiß, vielleicht hat es ganz am Ende sogar der Judas Iskariot noch gepackt. Gottes Liebe ist so groß, dass sie - das hoffe ich zumindest -, am Ende selbst den Verräter umfasst.

Von daher hat der Papst eigentlich noch viel zu wenige zu Heiligen erklärt, von daher müsste er noch viele heilig sprechen - oder andersherum gewendet: Eigentlich bräuchte er gar keinen zum Heiligen zu erklären. Denn eigentlich reicht der heutige Festtag schon aus.

Heute feiern wir sie alle: die Heiligen von St. Anton, von St. Peter, von St. Paul - all die Lebenden und Verstorbenen, die zu ihm, zu Gott, dem Heiligen, gehören. Genau sie feiern wir heute alle, die Gottes Kinder sind, denn genau alle seine Kinder, das nämlich sind letztlich: alle Heiligen Gottes.

Amen.

(gehalten am 1. November 2001 in der Antoniuskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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