Predigten an den Festtagen des Kirchenjahres

(Dr. Jörg Sieger)

      

1. November - Hochfest Allerheiligen (Offb 7,2-4. 9-14)

Ich, Johannes, sah vom Osten her einen anderen Engel emporsteigen; er hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief den vier Engeln, denen die Macht gegeben war, dem Land und dem Meer Schaden zuzufügen, mit lauter Stimme zu: Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel auf die Stirn gedrückt haben. Und ich erfuhr die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren. Es waren hundertvierundvierzigtausend aus allen Stämmen der Söhne Israels, die das Siegel trugen. Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen. Sie riefen mit lauter Stimme: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm. Und alle Engel standen rings um den Thron, um die Altesten und die vier Lebewesen. Sie warfen sich vor dem Thron nieder, beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit. Amen. Da fragte mich einer der Ältesten: Wer sind diese, die weiße Gewänder tragen, und woher sind sie gekommen? Ich erwiderte ihm: Mein Herr, das musst du wissen. Und er sagte zu mir: Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht. (Offb 7,2-4. 9-14)

Liebe Schwestern und Brüder,

wer schon einmal engeren Kontakt mit Zeugen Jehovas hatte, der wird die Stelle aus der Johannes-Offenbarung, die wir gerade eben gehört haben, ganz gut kennen: Die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren, die Zahl derer, die gerettet werden, ist 144.000. 144.000 werden am Ende gerettet. So steht es im letzten Buch der Bibel.

Und mit gerade dieser Zahl haben Jehovas Zeugen in der Vergangenheit die Menschen immer wieder verunsichert. 144.000 werden gerettet. Mehr nicht!? Über 6 Milliarden Menschen gibt es augenblicklich schon. Ganz zu schweigen von den Milliarden und Abermilliarden, die die Welt seit ihrem Bestehen bevölkert haben. 144.000 davon - das ist eine mehr als verschwindend kleine Zahl. Wenn dem so wäre, wenn von all den Menschen, die seit Entstehen der Welt die Erde bevölkert haben, am Ende tatsächlich nur 144.000 gerettet würden, dann wären unsere Chancen bei dieser Zahl dabei zu sein, letztlich gleich Null.

Genau so sähe es aus, wenn, ja wenn Zahlen in der Bibel nichts anderes, wären, als mathematische Größen. Wer aber die Zahlen, die sich in der Schrift finden, zuallererst für numerische Einheiten und Mengenangaben hält, der kennt biblisches Denken nicht besonders gut, und der kann sich noch so oft mit der Schrift beschäftigen, er wird sie im Letzten nicht verstehen.

In der Bibel werden Sie kaum komplexe Zahlen finden, die zuerst wirklich Zahl sein möchten. Im Denken und im Sprachempfinden der Hebräer sagen Zahlen nämlich in aller Regel sehr viel mehr. Zahlen in der Bibel sind mehr als Größen, mit denen man rechnen kann. Zahlen erzählen meistens eine ganze Geschichte.

Und die Zahl 144.000 erzählt eine gewaltige Geschichte: Sie erzählt vom Volk; denn 144.000 ist zusammengesetzt aus 12 mal 12 mal 1000. Und wenn der Hebräer 12 hört, dann denkt er an Israel, an das Volk mit seinen zwölf Stämmen, an die zwölf Stämme des Volkes Israel. Zwölf ist von daher die Zahl des Volkes, bedeutet Volk schlechthin.

Aber zwölf bedeutet noch mehr. Zwölf ist nämlich auch das Produkt von 3 und 4. Drei aber ist die Zahl Gottes, und vier, das ist die Zahl der Welt. Deshalb sind sieben und zwölf auch heilige Zahlen. Sie handeln nämlich von Gott und der Welt, und ganz besonders die zwölf, die als Produkt sogar Gott und die Welt umschließt. Zwölf steht deshalb für alles, was man denken kann; für Gott und die Welt, und demnach für die Vollkommenheit.

Wenn der Hebräer nun 12 mit 12 multipliziert, dann ist das das Produkt von Volk und Vollkommenheit: die vollkommene Zahl der Völker also, was letztlich alle Völker dieser Erde meint. 144, das steht für alle Völker der Welt.

Und 1000 - 1000 ist auch in unserer Symbolik die Zahl für unüberschaubar viel. 1000, das ist gleichbedeutend mit unzählbar, mit unermesslich und nicht mehr zu übertreffen. Wer tausend Sorgen hat, der weiß nicht mehr ein noch aus, ob all der unzählbaren Schwierigkeiten, die auf ihn einprasseln. Tausend, das ist unermesslich viel.

Und 144.000, diese Zahl bedeutet deshalb eine unermesslich große Zahl aus - 12 mal 12 - aus allen Völkern der Erde. So, wie die Offenbarung dann auch weiterfährt. Denn schon im Vers darauf spricht die Apokalypse davon, dass eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, aus allen Völkern und Sprachen zu sehen war, die kein Mensch mehr zählen konnte. 144.000 - eine unermesslich große Zahl aus allen Völkern der Erde.

Die will Gott retten. Die werden in seine Herrlichkeit eingehen. Das sind die Erlösten, all die ungezählten und namenlosen Heiligen, die wir am heutigen Festtag feiern.

Wenn Ihnen also wieder einmal jemand weismachen möchte, dass Gott nicht das Heil aller Menschen möchte, dass es nur eine kleine, eine gleichsam elitäre Schar von Auserwählten sein wird, die er am Ende zu sich nimmt, dass er alle anderen aber verstoßen und von sich weisen würde, dann lassen Sie sich ja nicht bange machen! Wir wissen es nämlich; die Lesung des heutigen Festtages sagt es uns nämlich: Unermesslich viele, aus allen Völkern der Erde - so lautet die wirkliche Botschaft dieses Textes der Offenbarung des Johannes - die ganze Menschheit ist dazu berufen, in Gottes Herrlichkeit einzugehen.

Und deshalb keine Angst! Ich bin felsenfest davon überzeugt: Sie gehören dazu!

Amen.

(gehalten am 1. November 2000 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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