Predigten an den Festtagen des Kirchenjahres

(Dr. Jörg Sieger)

      

1. November - Hochfest Allerheiligen (Ex 3,1-6)

Mose weidete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Eines Tages trieb er das Vieh über die Steppe hinaus und kam zum Gottesberg Horeb. Dort erschien ihm der Engel des Herrn in einer Flamme, die aus einem Dornbusch emporschlug. Er schaute hin: Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht. Mose sagte: Ich will dorthin gehen und mir die außergewöhnliche Erscheinung ansehen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht? Als der Herr sah, dass Mose näher kam, um sich das anzusehen, rief Gott ihm aus dem Dornbusch zu: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Der Herr sagte: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. Dann fuhr er fort: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. (Ex 3,1-6)

"Nicolaus ist in der Stadt Patera geboren; er hatte reiche und heiligmäßige Eltern. Sein Vater hieß Epiphanes, seine Mutter aber Johanna. In der ersten Blüte seiner Jugend wurde ihnen Nicolaus geboren, dann lebten sie enthaltsam. Als dieser am ersten Tag gebadet wurde, stand er schon aufrecht in der Wanne." Darüber hinaus nahm er am Mittwoch und Freitag, weil das ja Fasttage sind, die Mutterbrust nur einmal.

Liebe Schwestern und Brüder,

So beginnt die Vita des heiligen Nikolaus. Das ist der Anfang des Berichts über das Leben dieses Heiligen, so wie er in der berühmten Legenda Aurea überliefert ist. Seit dem 13. Jahrhundert berichten sich die Menschen auf diese Art und Weise vom Leben des Nikolaus von Myra. Und sie erzählen von ihm, wie man eben von so einem großen Heiligen berichtet, voller Ehrfurcht vor solch einer Ausnahmegestalt, einer Ausnahmegestalt, die natürlich - und das ist ja gar keine Frage - schon von Anfang an vor Heiligkeit nur so gestrotzt haben muss.

Ein solcher Heiliger, der stammt natürlich schon von heiligmäßigen Eltern ab, Eltern, die nach seiner Geburt dann wie selbstverständlich auch völlig enthaltsam lebten. Ein solcher Heiliger, der war natürlich von Anfang an ein Mann, der durch und durch nichts anderes war als eben ein Heiliger. Und das heißt im Klartext: immer und in allem deutlich mehr als der Durchschnitt, deutlich besser als alle anderen, als das, was wir als normal bezeichnen würden. Denn normal das konnte ein so großer Heiliger schließlich unter keinen Umständen sein, genau das macht doch schließlich seine Heiligkeit aus, dass er eben anders ist, etwas Außergewöhnliches, Überdurchschnittliches.

Für die Menschen im Mittelalter war das schon fast so etwas wie eine Definitionssache. Heiligkeit bedeutete schon von vorneherein, dass da jemand anders ist, beinahe schon so wie: "nicht von dieser Welt".

Die Menschen im Mittelalter haben das so gesehen, auf diese Art und Weise haben sie Heiligkeit verstanden. Und ich denke, dass es auch heutzutage Christen gibt - und das nicht zu knapp -, die das gar nicht so viel anders sehen. "Heiligkeit" gleich "nicht von dieser Welt", und "heilig sein" gleich "weltfremd sein".

Und zunächst einmal dürfte es da gar nicht einfach sein, etwas anderes zu sagen. Menschen, die Heiligkeit so verstehen und so an Heilige herangehen, die haben nämlich zunächst einmal alle Argumente für sich. Es gibt die besten Gründe dafür, um die Annahme zu untermauern, dass so ein Heiliger wie ein Fremder in dieser Welt sein muss. Ich brauche nur die Bibel aufzuschlagen und mir werden unzählige Gründe dafür in die Hand gespielt. Vor allem das Alte Testament scheint diese Vorstellung von Heiligkeit aufs Beste zu untermauern.

Das fängt mit der Grundaussage an, dass heilig zuallererst nur einer ist - eine Aussage, auf die die Propheten immensen Wert gelegt haben. Heilig ist zunächst einmal nur er, der eine, der ganz andere, heilig im wahrsten Sinne des Wortes ist für das ganze Alte Testament zunächst einmal einzig und allein nur Gott. Die Welt und alles was dazugehört, scheint ja das genaue Gegenteil davon zu sein; und ganz besonders die Welt der Menschen. Unheilig geht es bei ihnen zu, geradeso, wie wenn die Welt der Menschen das Gegenteil zur Heiligkeit Gottes darstellen würde. Heiligkeit ist daher von sich aus anscheinend in der Welt nicht zu finden. Heilig ist nur Gott, der, der eben nicht von dieser Welt ist.

Nun haben die Menschen des ersten Bundes allerdings auch immer wieder erfahren, dass ihnen dieser Gott in dieser Welt begegnet. Sie kennen die Berichte über Erscheinungen über Orte, an denen Jahwe zu Menschen gesprochen haben soll. Orte an denen der Heilige anscheinend in der Welt erfahrbar war, an denen er gegenwärtig war, Orte die dementsprechend gar nicht mehr so recht zur Welt gehören konnten.

"Hier ist heiliger Boden", heißt das dann im Alten Testament. Hier ist ein Ort, den der Heilige, den Gott so praktisch aus dieser Welt herausgeschnitten hat, der jetzt also gar nicht mehr so recht zu unserer Welt, der jetzt zu seiner Welt gehört. Heiliger Boden, Boden, der dadurch geheiligt geworden ist, dass ihn Gott aus dieser Welt herausgenommen, ausgesondert hat.

Darum war dann ja auch der Tempel für Israel heilig, denn er war ein Haus, das Gott für sich ausgesondert hatte, ein Haus, gleichsam nicht mehr von dieser Welt. Und heilig waren daher auch die, die in diesem Haus Dienst taten: Die Leviten und ganz besonders dann der Hohe Priester. Es hatte ja den Anschein, als hätte Gott diese Menschen aus all den anderen ausgesondert, ganz besonders ausgewählt für diesen Dienst; Menschen, die jetzt schon fast nicht mehr zur Welt gehörten, die jetzt in die Sphäre Gottes hineinreichten; Heilige sozusagen.

Heilige als Menschen, die in dieser Welt schon fremd geworden sind, Menschen, nicht mehr von dieser Welt. Das Alte Testament untermauert diese Auffassung von Heiligkeit.

Es gibt anfangs eigentlich nur einen, der sie bestreitet, einen einzigen, der deutlich zu machen versucht, dass dieser Begriff so nicht zu verstehen ist. Wir könnten die Auffassung eines Einzelnen hier natürlich getrost vernachlässigen; dumm nur, dass dieser eine Gott selber ist. Gott selbst hat den Menschen ihre Definition von Heiligkeit nämlich korrigiert.

Was von dieser Definition her schließlich eigentlich unmöglich ist, was Gott deshalb eigentlich auch nicht tun dürfte, das hat er nämlich getan: Er kam in diese Welt. Und nicht etwa nur auf einen ausgesonderten Ort, einen ganz speziell ausgesuchten heiligen Platz, er kam schlechthin in die Welt als Ganzes, mit allem Drum und Dran: Er wurde Mensch. Und genau dadurch hat er den Menschen ja eigentlich ganz deutlich gemacht, dass die Welt, in der wir leben, keinen Gegensatz zu seiner Welt darstellt, dass sie seine Welt ist.

Und aus seiner Welt, da braucht er keine Teile herauszuschneiden, in seiner Welt, da ist er, da ist er zu finden, da ist er, als der Heilige, anwesend. Und seine Welt hat deshalb auch Anteil an seiner Heiligkeit. So eine Welt ist eben nicht länger Ort des Unheils, sie ist sein Ort des Heils.

Und die Menschen in dieser Welt sind deshalb auch heil, geheilt, geheiligt durch den Anteil, den sie an dem Heiligen, den sie an Gott haben. Gott selbst hat in Jesus Christus versucht, das den Menschen deutlich zu machen, aber nur ganz wenige haben es gemerkt.

Paulus war einer dieser wenigen. Er hat begriffen, was das heißt, wenn Jesus sagt, dass er uns im anderen begegnet, und nicht etwa nur in irgendwelchen ausgesuchten Heiligen, sondern in jedem anderen, dass dieser Jesus also in jedem Menschen begegnet, und dass jeder demnach Anteil an diesem Jesus Christus hat. Wer aber Anteil hat am Heiligen, der ist selbst ein Heiliger.

Paulus hat das ganz konsequent umgesetzt. Er hat die Menschen in seinen Gemeinden dementsprechend genau so angesprochen. An die Heiligen, die in Korinth sind, etwa, hat er geschrieben. Und dabei hat er doch genau gewusst, dass die Menschen in Korinth alles andere als vorbildlich waren, alles andere als vorbildliche Heiligenfiguren. Wir kennen die Berichte von Fress- und Saufgelagen aus seinen Briefen. Wir wissen, dass manche bereits besoffen waren, noch bevor der Gottesdienst begann. Er schrieb trotzdem an die Heiligen, die in Korinth sind. Denn er hat begriffen, dass Heiligkeit alles andere ist als ein Dienstgrad, den ich irgendwie erlangen könnte oder mir gar erarbeiten müsste, dass Heiligkeit nicht bedeutet, aus der Welt auszuwandern, weil sie eine widergöttliche Welt wäre. Er hat begriffen, dass Heiligkeit nichts anderes ist als der Begriff für: zu diesem Heiligen gehörend. Heilig ist das, was zur Welt Gottes gehört.

Und deshalb würde er - so komisch das auch klingen mag - deshalb würde er wohl auch heute schreiben: an die Heiligen, die in Mannheim sind, oder an die Heiligen in dieser Gemeinde.

Und dass das immer noch komisch klingt, das macht eigentlich nur deutlich, dass wir es immer noch nicht, dass wir es selbst heute noch nicht begriffen haben. Die neue Definition von Heiligkeit, die Jesus Christus in seiner Person gegeben hat, die Christenheit als Ganze hat sie eigentlich nie begriffen.

Selbst im Neuen Testament wirkt an vielen Stellen der Heiligkeitsbegriff des ersten Bundes nach. Selbst in der Theologie, und ganz besonders in der Lehre vom Amt, von Priestern und Bischöfen und Päpsten, begegnet uns bis heute dieses ausgesondert sein aus der Welt. Und in der Vorstellung von der Weltfremdheit der Heiligen wirkt dieser falsche Begriff in den Köpfen der meisten Menschen nach. Wir haben es immer noch nicht realisiert, wir haben es immer noch nicht internalisiert, dass dadurch, dass Jesus Christus in diese Welt gekommen ist, dass Gott uns dadurch deutlich macht, dass die ganze Welt zu ihm gehört, dass Welt als Ganzes seine Welt ist. Heiligkeit ist keine Absonderlichkeit, Heiligkeit ist der Normalfall - Normalfall, weil es nach Gottes Willen schlicht und ergreifend normal ist, dass wir zu ihm gehören.

Wenn wir heute Allerheiligen feiern, dann feiern wir nichts anderes, als die zum Normalfall gewordene Heiligkeit, dann feiern wir die Zusage Gottes in Jesus Christus, die an alle Menschen ergeht. Die Zusage, die nichts anderes sagt als: Wir alle bilden diese aus Lebende,n genauso wie Verstorbenen, bestehende große, solidarische Gemeinschaft all derjenigen, die zu dem einen gehören, der heilig ist. Das ist seine frohe Botschaft: Ihr seid heilig, denn ihr alle gehört zu mir!

Amen.

(gehalten am 1. November 1992 in der Schlosskirche Mannheim)

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