Predigten an den Festtagen des Kirchenjahres

(Dr. Jörg Sieger)

      

29. Juni - Hochfest Peter und Paul

Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn? Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten. Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein. (Mt 16,13-19)

Das mit dem Felsen, das ist so eine Sache.

Fels taugt zum Bauen, sicher. Aber fürs Anbauen, um anzubauen kann man ihn vergessen. Felsiger Boden kommt da nicht gut. Das sagt Jesus im Evangelium ja sogar selbst.

Sie erinnern sich doch!? Wie war das mit dem Samen, der auf felsigen Boden fiel?

Liebe Schwestern und Brüder,

an dieses Bild aus dem Gleichnis mit dem Sämann, der seinen Samen auf ganz verschiedene Anbauflächen fallen ließ, daran musste ich denken, als mir aus dem heutigen Evangelium diese Sache mit dem Felsen wieder einmal ins Auge stach. Vom architektonischen Standpunkt aus gesehen, von der Statik her, ist es ja durchaus klug vom Herrn, seine Kirche auf einen Felsen zu bauen. Auf Felsen kann man sicher bauen, aber da wächst halt nichts!

Wenn man auf Früchte hofft, wenn man reichen Ertrag erwartet, dann braucht es Boden - und am besten guten Boden, feucht und weich und nährstoffreich. Jesus aber erwartet doch Frucht! Kirche soll doch Frucht bringen! Sie braucht deshalb nicht nur ein festes Fundament, sie braucht fruchtbaren Boden.

Das scheint manchmal, ein wenig in Vergessenheit zu geraten. Vor allem dann, wenn Kirche wieder einmal den Eindruck erweckt, als sei es nicht so sehr aufgelockerter, gut gedüngter Erdboden, der ihr Erscheinungsbild prägt, sondern eher der Fels, die Dickschädel und die Betonköpfe, die im Vordergrund stehen.

Damit kann man vielleicht den Stürmen wehren, aber es bleiben am Ende nur kahle Äste übrig, ohne Früchte, ohne wirklichen Ertrag: ein kahles Gerippe, das felsenfest zementiert ist, in dem sich aber kein Leben rührt. Und das wenige an Lebendigkeit, das sich im Felsengehege breit gemacht hat, das ist so auch noch ganz schnell vertrieben.

Beispiele dafür gibt es zuhauf. Die Geschichte ist voll davon. Ich erinnere nur etwa an die Chinamission der Jesuiten, die im 18. Jahrhundert großartige Erfolge zeitigte, weil man die Menschen, ihr Empfinden und ihre Ausdrucksweisen dort wirklich ernst genommen hat, von der aber nahezu nichts mehr übrig blieb, als man in Rom damit begann, die zarten Triebe als Auswüchse so zu beschneiden und zu stutzen, dass die ganze Pflanze am Ende eingehen musste.

Und wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Ich erinnere mich etwa an unseren Ökumenischen Hospizgottesdienst, in dem wir über ein Jahrzehnt lang in jedem Herbst in einer tief bewegenden Atmosphäre an all diejenigen, die im jeweils vergangenen Jahr von den Helfern im Sterben begleitet wurden, noch einmal erinnert haben - bis da jemand meinte, diesen Gottesdienst in Freiburg anzeigen zu müssen, weil er gar zu ökumenisch geraten sei. Man meinte, die reine Lehre hochhalten zu müssen. Und alle die anderes vorbrachten, sind mit dem Kopf nur wie gegen felsige Mauern gelaufen. Und dabei hat man am Ende nur eines erreicht: Dieser Gottesdienst findet jetzt nicht mehr ökumenisch, er findet in Paul-Gerhardt statt. In St. Peter aber ist diesbezüglich reine Leere eingekehrt, Leere aber, die sich mit zwei "e" zu schreiben pflegt.

Daran hat Jesus wohl nicht gedacht, als er uns dazu aufrief, Frucht zu bringen.

Er hat seine Kirche auf ein solides Fundament gestellt, uns aber hat er die Aufgabe hinterlassen, für den fruchtbaren Boden zu sorgen. Das Fundament hat er bereitet, das steht, darum brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, sein Felsen wird nicht wanken, und wir brauchen uns nicht einzubilden, dass wir ihn noch stabiler machen müssten oder gar stabiler machen könnten, indem wir unsere Betonköpfe auch noch dazulegen. Wir haben nicht für das Fundament, wir haben für den Boden zu sorgen, dafür, dass hier Blüten treiben und seltene Pflanzen gedeihen.

Manchmal hat es den Anschein, als habe Papst Franziskus das begriffen. Da glaubt man da und dort etwas davon zu spüren, dass es ihm zuallererst um die Fruchtbarkeit, um den Boden geht, auf dem etwas gedeihen kann. Nicht alle seine Vorgänger scheinen mir das getan zu haben. Daran ändern auch Heiligsprechungen nichts.

Dem neuen Bischof von Freiburg, der an diesem Sonntag geweiht wird, dem wünsche ich, dass er nichts anderes im Blick hat, dass es ihm vor allem um dieses Wachsen geht und um das, was es braucht, damit in den Gemeinden wieder neu Saat aufgehen kann. Ich wünsche ihm so, dass er das Vertrauen darauf hat, dass Gott selbst für den Felsen, auf dem seine Kirche steht, schon lange gesorgt hat, dass es uns dementsprechend viel mehr um den fruchtbaren Boden gehen muss. Und dass er die Kraft und den Mut hat, genau diesen Boden zu bereiten, den Gemeinden zu geben, was sie brauchen, um neues Wachstum zu entfalten.

Nicht so etwas wie jene unsägliche Strukturreform, die man auch noch beschönigend, "geographische Weiterentwicklung" genannt hat und die am Schreibtisch durchaus gut aussehen mag, aber leider Gottes eben auch nur dort, nur am Schreibtisch wirklich funktioniert, die aber vor Ort so viel Leben vernichtet, weil sie den sowieso schon schweren Boden einfach nur noch steiniger macht. Aber wirklichen Dünger, einen Humus voller Menschlichkeit, Verständnis und Barmherzigkeit, Blumenerde voller Vertrauen, und zwar Vertrauen in den Eifer der Gemeinden und ihre Fähigkeit, den rechten Weg für die eigene Parzelle zu finden, um die gilt es sich zu sorgen, die kann er uns bereiten.

Er hat so Vieles in der Hand, kann so Vieles möglich machen. Gebe Gott, dass er es tut.

Amen.

(gehalten am 28./29. Juni 2014 in den Kirchen der Pfarrei St. Peter, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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