Predigten an den Festtagen des Kirchenjahres

(Dr. Jörg Sieger)

      

29. Juni - Hochfest Peter und Paul

Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn? Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten. Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein. (Mt 16,13-19)

Das kennt man aus jeder Gartenwirtschaft: Man setzt sich hin und der Tisch wackelt. Unter dem einen Bein klemmen schon zwei Bierdeckel, aber er wackelt immer noch - und in den seltensten Fällen bekommt man das dann wirklich in den Griff. Da muss der Boden schon wirklich topfeben sein, damit ein Tisch auf seinen vier Beinen im Freien stabil und ruhig stehen kann. Ist mit vier Beinen fast nie zu machen.

Das wusste man schon in der Antike. Schon die alten Griechen haben schließlich eine Alternative entwickelt. Sie haben den Tripod geschaffen: Ein Gestell mit drei Beinen, auf dem man jedes Gefäß, ganz egal auf welchem Untergrund, stabil und sicher hinstellen kann.

Diese Erfindung der Griechen ist so genial, dass man sie bis heute nachbaut. Nicht umsonst hat nahezu jedes Stativ für eine Kamera drei Beine. So können Sie eine Kamera auf fast jedem Gelände sicher und stabil hinstellen, ohne dass sie auch nur im Geringsten wackelt.

Und nicht umsonst bauen wir die Zukunft unserer Pfarrei auf drei Beinen auf, auf drei Säulen, für die sinnbildlich letztlich die drei Patrone der drei Gemeinden stehen: St. Peter, St. Paul und St. Anton.

Liebe Schwestern und Brüder,

seit erstem Januar bilden diese drei Gemeinden zwar eine einzige Pfarrei, aber das heißt ja für uns absolut nicht, dass wir jetzt nur noch allein auf ein Pferd setzen würden. Wenn ein Tisch mit vier Beinen lediglich wackelt - mit nur einem Bein fällt er ganz schnell um. Und auch wenn die neue Pfarrei nun ganz schlicht und einfach "St. Peter" heißt, bedeutet das nicht, dass wir auf diesem einen Fuß zu stehen vermögen.

Das wäre so eine einseitige Sache geworden, wie sie sehr häufig als Erscheinungsbild von Kirche die Außenwirkung bestimmt. Die Gestalt des Petrus allein würde nämlich absolut nicht ausreichen, um das Spektrum der Gemeinden in seiner Vielschichtigkeit zum Ausdruck zu bringen.

Natürlich war es für uns keine Frage, dass die neue Pfarrei den Namen "St Peter" erhält, den Namen der Kirchengemeinde, aus der die beiden anderen im Laufe der Geschichte schließlich hervorgegangen sind. Denn genau dafür steht dieser Petrus ja auch: Er, von dem die Schrift sagt, dass er der Felsen sei, auf dem Christus seine Kirche bauen wollte, ruft uns die Tradition in Erinnerung und dass es wichtig ist, seine Wurzeln zu kennen, um die eigene Geschichte zu wissen und das Erbe der Vergangenheit ernst zu nehmen. Die Verbindung zur Kirche als Ganzes schwingt bei seinem Namen mit und all das ist für uns ja auch von nicht geringer Bedeutung!

Aber das wäre nicht unsere Pfarrei, wenn das schon alles wäre. Schon die Tradition unserer Kirche hat diesen Petrus ja ganz eng mit der Person des Paulus zusammen gebunden, so eng, dass wir beide gemeinsam an nur einem einzigen Festtag feiern. Denn neben dem Bewusstsein um unsere Geschichte, all ihre Tradition und gewachsene Struktur, daneben brauchte es immer schon den, der die Dinge weitergetrieben hat, auf neue Herausforderungen reagierte und der Kirche aus der Enge eines in sich geschlossenen und einer übermächtigen Tradition verhafteten Jüngerkreises den Weg in die Weltöffentlichkeit gezeigt hat. Es brauchte den Paulus, der in der Lage war, querzudenken und dem Petrus auch ins Angesicht zu trotzen, wenn es um der Sache Jesu Christi willen notwendig war.

Wenn unsere Gemeinden nur St. Peter wären, es wäre bei weitem zu wenig. Wir sind St. Peter und St. Paul, denn wir brauchen beide Brennpunkte: Das Wissen um die Geschichte, aber auch das Lösen von übermächtig gewordenen und lähmenden Fesseln, die uns bisweilen den Blick in die Zukunft verstellen.

Aber selbst diese beiden Beine reichen nicht aus. Auf nur zwei Füßen kommt man ab und an schon einmal ins Schwanken. Um sicher und stabil auf schwierigem Untergrund zu stehen, braucht man ein drittes Bein: den Antonius etwa, den Theologen, den, der zu seiner Zeit einer der gescheitesten Köpfe gewesen ist, der das, was Petrus und Paulus vor Jahrhunderten grundgelegt hatten, in die Sprache der Menschen seiner Zeit zu übersetzen in der Lage war, der die Antworten aus der Vergangenheit in richtungsweisende Worte für die Gegenwart und die Zukunft übersetzt hat.

Es braucht den, der theologisch verantwortet dann auch mutig den Schritt in die Zukunft geht. Und genau dafür steht eigentlich, das kann man gerade an einem Tag wie heute nicht genügend betonen, gerade für die Übersetzung des uns überkommenen Gedankengutes in die Gegenwart und auf Zukunft hin, für den mutigen Aufbruch, gerade dafür steht eigentlich der Heilige Antonius.

Keiner allein ist in der Lage, das, was wir für unsere Zeit benötigen, ganz zum Ausdruck zu bringen. Erst alle drei zusammengenommen bilden die Säulen, auf denen wir stabil und sicher weiterbauen können.

Und sie liefern uns damit nicht zuletzt das grundlegende Programm für die inhaltliche Weiterentwicklung dessen, was wir mit der strukturellen Weichenstellung des ersten Januars dieses Jahres mutig angegangen haben: Wenn Petrus für die Tradition steht, dann Paulus für die Öffnung und Antonius für die Übersetzung, das Hinübertragen dessen, was uns wichtig ist, in die Gegenwart und in eine dann ganz sicher hoffnungsvolle Zukunft hinein.

Amen.

(gehalten am 29. Juni 2008 in der Pauluskirche Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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