Predigten an den Festtagen des Kirchenjahres

(Dr. Jörg Sieger)

      

4. Mai - Gedenktag des Heiligen Florian

 

Gott sei Dank, geht es im Himmel nicht so zu wie auf einem Schulhof. Wenn die Heiligen nämlich so miteinander umgehen würden, wie Schüler auf einem Pausenhof etwa, dann hätte der Heilige Florian mit Sicherheit einen ganz, ganz schweren Stand!

Er würde nämlich andauernd gehänselt werden. Die anderen hätten ihm mit Sicherheit schon lange den Spitznamen "Florian, der Brandstifter" gegeben. Und sie würden ihm bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten - wie in einem Spottlied - hinterherrufen: "Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd' andere an!"

Und Florian würde sich mit Sicherheit jedes Mal tierisch ärgern - so wie sich Kinder eben ärgern, wenn sie von anderen gehänselt werden.

Liebe Schwestern und Brüder,

im Himmel geht es natürlich nicht so zu wie auf einem Schulhof. Gehänselt wird der Heilige Florian mit Sicherheit nicht. Und niemand wird ihm Spitznamen oder Spottgedichte hinterherrufen.

Aber ärgern -, das könnte ich mir schon vorstellen -, ärgern mag er sich vielleicht schon: Und zwar jedes Mal, wenn dieser berühmte Spruch mit ihm in Verbindung gebracht wird, dieses: "Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd' andere an!"

Ich an seiner Stelle würde mich da ganz gewaltig ärgern. Und wenn ich der Heilige Florian wäre, dann würde ich mich hinsetzen und würde einen Brief schreiben, einen Brief an die Menschen auf der Erde, auch an die Menschen in Bruchsal.

Und dieser Brief des Heiligen Florian, der würde folgendermaßen aussehen:

"Liebe Schwestern und Brüder,

ich danke Euch allen, dass ich noch nicht vergessen bin, denn nichts ist schöner, als zu spüren, dass Menschen an einen denken und dieses Andenken feiern - und das sogar noch über anderthalbtausend Jahre nachdem einem das Leben genommen wurde.

Eines aber, das tut mir weh. Darüber, dass mein Andenken als St. Floriansprinzip gleichsam sprichwörtlich geworden ist, darüber kann ich mich nicht freuen.

Als ob ich entscheiden würde, welche Häuser abbrennen und welche nicht! Und vor allem: als ob ich jemals etwas mit dem Anzünden von Häusern zu tun gehabt hätte!

Nun könnte man das mit dem "Zünd' andere an" ja noch als Witz verstehen. Es würde vielleicht ja noch spaßig klingen, wenn nicht dahinter die typische Vorstellung stünde: 'Hauptsache mein Eigentum bleibt verschont, was anderen geschieht, das kann mir doch egal sein.'

Dieses sogenannte Floriansprinzip mag mit allem zu tun haben, nur nicht mit mir, dem heiligen Florian.

Und selbst dort, wo man mich anruft, ohne solche Hintergedanken zu haben, wo man mich einfach nur wie einen Nothelfer bittet, dafür zu sorgen, dass man von Feuer und Brandkatastrophen verschont bleiben möge, selbst da habe ich ein ganz komisches Gefühl.

Manchmal spüre ich nämlich, dass man mich hier fast schon mit einem Zauberer verwechselt, einem, der Wundertaten vollbringen würde.

Da habe ich ein ganz komisches Gefühl dabei. Als ob ich so etwas wie ein Wunder wirkender Flaschengeist wäre...

Heilige sind doch auch nur Menschen. Und Menschen wirken keine Wunder. Wunder tut einzig und allein der, der wirklich wunderbar ist - Gott allein nämlich. Und wenn Gott durch Menschen wirkt, wenn er Menschen benutzt, um Wunderbares zu erreichen, dann ändert das nichts daran, dass er allein die Ursache für diese Wunder ist.

Menschen wirken keine Wunder - auch Heilige nicht.

Aber was sie tun können, das tue ich für euch: Ich denke an euch. Und ich bete für euch. Denn genau das ist es, wodurch wir Heiligen für euch einstehen. Wir bilden mit euch zusammen, die große, solidarische Gemeinschaft der noch auf der Erde und der schon bei Gott Lebenden. Und wir stehen vor Gott füreinander ein im fürbittenden Gebet.

Das ist vielleicht weniger als manche sich vorstellen und erwarten, aber es ist unendlich viel. Achten wir das fürbittende Gebet nicht zu gering. Viel vermag das Gebet eines Gerechten!

Und genau das tue ich für euch, darauf dürft ihr euch verlassen. Denn genau das ist es, was man wirklich als Floriansprinzip bezeichnen könnte: Ich verschone weder Häuser vorm Feuer und noch viel weniger zünde ich irgendwelche Häuser an. Aber ich trage mit euch zusammen eure Bitten vor Gott den Herrn. Und ich tue dies unter dem wirklichen Floriansprinzip:

'Den Menschen zur Wehr' und vor allem 'Gott zur Ehr.'

In diesem Sinne: Euch allen Gottes Segen, euer Florian."

Amen.

(gehalten am 5. Mai 2001 in der Peterskirche, Bruchsal)

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