Predigten an den Festtagen des Kirchenjahres

(Dr. Jörg Sieger)

      

19. März - Heiliger Josef (Mt 1,16. 18-21. 24a)

Jakob war der Vater von Josef, dem Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus - der Messias - genannt wird. Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete - durch das Wirken des Heiligen Geistes. Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte. (Mk 1,16. 18-21. 24a)

Man muss nicht einmal bis auf drei zählen können.

Liebe Schwestern und Brüder,

um sie aufzuzählen, all die Worte, die vom Mann der Gottesmutter Maria in der Bibel überliefert worden sind, um all die Worte, die man von Josef kennt, zusammenzuzählen, dazu muss man nicht einmal auf drei zählen können. Eigentlich muss man dafür sogar überhaupt nicht zählen können. Es ist nämlich kein Einziges! Kein einziges Wort ist von Josef überliefert worden.

Als er erfuhr, dass seine Frau schwanger war - und das nicht von ihm -, und als er dann auch noch diese seltsame Eingebung hatte, dass er sie trotzdem zu sich nehmen solle, da wird kein Satz, nicht einmal ein einziges Wort von ihm berichtet. Es heißt ganz lapidar: "Als er erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte."

Und nach dem Besuch der Sterndeuter, als wiederum ein Engel ihm im Traum den Hinweis gibt, mit der Mutter und dem Kind nach Ägypten zu fliehen, da steht er einfach in der Nacht auf und flieht nach Ägypten.

Und als Herodes dann gestorben war, und Josef wiederum gesagt bekommt, dieses Mal zurück nach Palästina zu gehen, da heißt es erneut ganz stereotyp, dass er aufsteht und mit dem Kind und dessen Mutter in das Land Israel zieht.

Kein einziges Mal wird auch nur im Entferntesten berichtet, dass er irgendetwas gesagt hätte, irgendjemanden gefragt, mit irgendjemandem diskutiert oder auch nur irgendeine tiefschürfende Unterhaltung geführt hätte.

Das ist eigenartig. Josef wird ja schließlich kaum taubstumm gewesen sein. So etwas hätte man sicher erwähnt. Nein, der Chef dieses Zimmermannbetriebs, dieses kleinen Bauunternehmens aus Nazaret, hat mit Sicherheit gern und viel gesprochen. Es ist nur nicht aufgeschrieben worden.

Und das ist insgesamt so auffallend, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zufällig ist. Damit wollten die Evangelisten etwas zum Ausdruck bringen. Sie wollten sagen: Josef ist eben einer, der nicht lange fackelt, der keine großen Reden schwingt, einer, der vielmehr zupackt und einfach tut, was notwendig ist.

Als Mann der Tat ist er in der Vergangenheit deshalb ja auch das große Vorbild geworden. Josef, der Arbeiter, der, der nicht lange fragt, sondern einfach tut.

Nur Vorsicht: Das darf man dann nicht missverstehen. Denn wer daraus ableitet, dass man keine großen Fragen stellen soll, sondern einfach tun, was einem aufgetragen wird - am besten, ohne zu hinterfragen und vor allem, ohne zu murren -, wer daraus ableitet, dass man den Verstand im Grund an der Garderobe abzugeben hat und einfach tun soll, was einem befohlen wird, der ist auf dem besten Weg, gewaltige Fehler zu machen. So darf man den Josef und seine Botschaft nicht deuten. Das hieße, ihn zu missbrauchen. Und vor allem, seine eigentliche Bedeutung zu vernebeln.

Denn wenn man den Josef richtig deutet, dann hat seine Haltung Bedeutung - und gerade für unsere heutige Zeit sogar eine ungeheure Bedeutung.

Im Zeitalter des Sitzungskatholizismus, in dem das Einzige, was neu eingeführt wird, neue Gremien, neue Sitzungen, Ausschüsse und damit zusammenhängende Termine zu sein scheinen, im Zeitalter der Seelsorgeeinheiten, in dem die Gefahr mehr als groß ist, dass selbst diejenigen Dinge noch verwaltet werden, die schon gar nicht mehr da sind, in solch einer Zeit erinnert uns der Josef von Nazaret ganz eindringlich daran, dass über all dem Reden, das Tun nicht zu kurz kommen darf.

Wer die Flucht nach Ägypten erst durch alle Instanzen unserer Gremienhierarchie beraten wollte, der wird von Herodes schon lange hingerichtet worden sein, bevor er überhaupt den Esel gesattelt hat.

Manchmal gilt es erst zu tun und dann darüber zu reden, erst zu handeln und dann Erhebungsbogen darüber auszufüllen.

Josef ist der, der uns daran erinnert, dass es viel wichtiger ist, mit den Jugendlichen in unseren Gemeinden wieder etwas zu unternehmen, um ihr Vertrauen zu gewinnen, viel wichtiger, als in unzähligen Ausschüssen endlos über Jugendliche zu debattieren.

Josef erinnert uns daran, dass Gemeinde durch ihr Leben anziehend wird und nicht durch die Analysen, die über sie angestellt werden.

Analysen sind wichtig - gar keine Frage. Aber sie können nicht das Leben ersetzen und erst recht nicht an die Stelle dieses Lebens treten. Manchmal scheint man das in unserer Kirche zu vergessen.

Nur, wenn heute überhaupt noch Menschen zur Kirche finden, dann nicht wegen schöner Worte. Das lehrt uns der Heilige Josef: An unseren Taten wird man uns erkennen, nicht an unseren Sonntagsreden.

Amen.

(gehalten am 19. März 2000 in der Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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