Predigten in der Adventszeit - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

4. Adventssonntag - Lesejahr A (Röm 1,1-7)

Paulus, Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, auserwählt, das Evangelium Gottes zu verkündigen, das er durch seine Propheten im voraus verheißen hat in den heiligen Schriften: das Evangelium von seinem Sohn, der dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids, der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten, das Evangelium von Jesus Christus, unserem Herrn. Durch ihn haben wir Gnade und Apostelamt empfangen, um in seinem Namen alle Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu führen; zu ihnen gehört auch ihr, die ihr von Jesus Christus berufen seid. An alle in Rom, die von Gott geliebt sind, die berufenen Heiligen: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. (Röm 1,1-7)

"... der dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids,"

o. K., das kann man so sagen. Jesus ist dem Fleisch nach - also seiner Menschheit nach -, Nachkomme Davids. Aber jetzt geht es weiter:

"der dem Geist .. nach eingesetzt ist als Sohn Gottes ... seit der Auferstehung von den Toten"

Wie bitte? Da würde ein Dogmatikprofessor in der Klausur ganz schnell den Rotstift ansetzen. Das ist doch irgendwie halbschief. Sohn Gottes ist Christus - völlig in Ordnung. Aber "eingesetzt" und erst "nach der Auferstehung"? War er es vorher etwa nicht?

Liebe Schwestern und Brüder,

ein Theologiestudent, der so formuliert hätte, er hätte mit Sicherheit wenigstens eine Bemerkung am Rand seiner Arbeit gehabt, wenn nicht sogar Punktabzug. "Christologisch unsauber formuliert" hätte ihm der Professor vermutlich an den Rand geschrieben.

Sohn Gottes ist Jesus Christus schließlich schon von jeher, schon vor aller Zeit ist er der Sohn. Unser theologisches Sprechen ist da ganz genau und absolut präzise. Und meist kommt es bei diesen Formulierungen auch auf jedes Wort an, auf jedes noch so kleine Wörtchen sogar.

Schließlich hat man Jahrhunderte lang um diese Formulierungen gerungen, ja sogar gestritten. Und jeder Satz wurde genauestens durchdacht: Der Sohn ist gezeugt, nicht geschaffen und zwar vor aller Zeit.

Und dann schlägt man das Neue Testament auf, den Römerbrief - das gewichtigste theologische Dokument des Apostels Paulus - und ließt dann solch eine schräge Formulierung.

Da schreibt ja kein Theologiestudent im zweiten Semester. Das ist Heilige Schrift. Da schreibt Paulus.

Seitenweise versuchen die Exegeten in den entsprechenden Handbücher diesen Satz zu erklären, ihn doch noch so hinzubiegen, dass er halt wieder einigermaßen passt. Und wenn's gar nicht mehr geht, behilft man sich damit, zu erklären, dass Paulus hier halt auf ältere, judenchristliche Tradition zurückgreift, und in dieser Tradition eben vor allem betont wird, dass Christus nach der Auferstehung in die Herrlichkeit Gottes eingeht. Über die Zeit davor würde offenbar gar nicht nachgedacht.

Alles in allem Versuche, die so speziell und kompliziert sind, dass kaum jemand sie wirklich versteht.

Und was machen wir jetzt damit? Wir lassens einfach so stehen! Denn ich denke, genau die letzte Erkenntnis die ist die wichtigste: keiner versteht es wirklich!

So ausgeklügelt unser theologisches System ist, so in sich schlüssig die Formulierungen auch sein mögen, die Wirklichkeit Gottes lässt sich ganz einfach nicht verstehen. Sie lässt sich nicht in Worte und sie lässt sich noch viel weniger in logischen Gedankenspielen fassen!

Für mich zeigen solche Stellen wie der Anfang des Römerbriefes ganz einfach die Grenzen der Theologie.

Die Aussagen und Formulierungen die wir in den Handbüchern und Katechismen finden sind in sich richtig. Sie sind aber nichts anderes, als der letztlich immer unzureichend bleibende Versuch das unsagbare Geheimnis Gottes ins Wort zu bringen. All diese Versuche erreichen Gott selbst am Ende nie.

Paulus bringt es im ersten Korintherbrief auf den Punkt: "Stückwerk ist unser Erkennen, und Stückwerk unser prophetisches Reden." Was Menschen über Gott sagen können, wird immer Stückwerk bleiben.

Deshalb sollten wir auch immer sehr vorsichtig damit sein, in Bezug auf Gott zu behaupten, dass es so und kein bisschen anders sei. dass Gott genau so und nicht anders ist. Und noch viel vorsichtiger sollten wir sein, von anderen zu sagen, dass sie mit ihren Aussagen über Gott völlig falsch lägen, weil sie andere Formulierungen gebrauchen als wir.

Über Gott zu reden bleibt immer im Bereich des Unzureichenden.

Einzig und allein die Art und Weise, wie die Bibel an Gott herangeht, einzig und allein diese Form, Aussagen über Gott zu machen, scheint wirklich zu greifen.

Die biblischen Autoren gehen nämlich an Gott heran, als wäre er ein riesiger dunkler unbekannter Raum. Und dann schildern Sie Erfahrungen, Begegnungen mit Gott. Und solch eine Erfahrung steht in diesem dunklen Raum, wie ein kleiner Scheinwerfer, eine Taschenlampe, die einen kleinen Lichtkegel zeichnet.

Und dann stellt man noch einen Spot daneben, fügt weitere Erfahrungen, Erlebnisse, Begebenheiten immer neue Ereignisse der Geschichte Gottes mit uns Menschen ganz einfach hinzu. Und damit kommen immer neue Lichtkegel in diesen Raum. Und ganz langsam wird er immer heller, zeichnen sich Konturen ab und lassen sich die Dimensionen dieses unbekannten Raumes allmählich erahnen.

Keiner kann sagen, dass sein Lichtschein alles erfasst, keiner kann sagen, dass seine Erfahrung alles umgreift und sein Sprechen schon alles sagt. Aber alle Erfahrungen und Begegnungen mit Gott zusammengenommen, lassen Gottes Wirklichkeit unter uns Menschen allmählich aufleuchten - viel unmittelbarer, viel durchdringender und viel klarer als jede theologische Formulierung es zu sagen in der Lage ist.

Auf diese Weise geht die Bibel an Gott heran. Sie formuliert keine Lehrsätze, keine theologischen Traktate und keine Katechismusantworten. Sie schildert die Erfahrung, die Menschen mit Gott gemacht haben, schildert seine Spuren, die er in unserer Geschichte hinterlassen hat. Und sie lässt auf diese Weise Gottes Gegenwart unter uns Menschen aufleuchten, wie keine andere Form des theologischen Nachdenkens es fertig bringt.

Paulus hat diese Art und Weise des biblisches Zugangs zu Gott noch verinnerlicht gehabt. Nicht nur eine Paulusgemeinde kann es wieder neu von ihm lernen.

Amen.

(gehalten am 19. Dezember 2004 in der Pauluskirche, Bruchsal)

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