Predigten in der Adventszeit - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

2. Adventssonntag - Lesejahr A (Jes 11,1-10)

An jenem Tag wächst aus dem Baumstumpf Isais ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm: der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht. Er erfüllt ihn mit dem Geist der Gottesfurcht. Er richtet nicht nach dem Augenschein, und nicht nur nach dem Hörensagen entscheidet er, sondern er richtet die Hilflosen gerecht und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist. Er schlägt den Gewalttätigen mit dem Stock seines Wortes und tötet den Schuldigen mit dem Hauch seines Mundes. Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften, Treue der Gürtel um seinen Leib. Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten. Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange. Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist. An jenem Tag wird es der Spross aus der Wurzel Isais sein, der dasteht als Zeichen für die Nationen; die Völker suchen ihn auf; sein Wohnsitz ist prächtig. (Jes 11,1-10)

Wo gehen Sie hin, wenn Sie Gott suchen?

Manche sprechen ja davon, dass sie dazu in den Wald gehen. Sie würden dort am ehesten, in Gottes freier Natur, etwas von ihm spüren und erleben.

Manche werden in diesen Tagen die Kerzen am Adventskranz anzünden, werden Adventslieder hören oder singen und entsprechende Geschichten lesen.

Ich unterstelle jetzt einmal, dass viele von Ihnen Gott in der Kirche suchen, bei einem Gottesdienst oder indem sie sich einfach in eine Bank setzen und ein wenig ruhig werden.

Liebe Schwestern und Brüder,

alles schön und gut. Naheliegend wäre aber doch etwas ganz anderes. Wo sucht man jemanden denn normalerweise? Wo sucht man eine Ärztin? Natürlich in ihrer Praxis. Den Lehrer sucht man in der Schule. Und den Kraftfahrzeugmechaniker, den sucht man in seiner Werkstatt. Normalerweise sucht man Menschen dort, wo sie tätig sind.

Warum sollte man Gott irgendwo anders suchen? Warum sollte er anderswo leichter zu finden sein, als dort, wo er eben tätig ist? Also nichts wie dorthin, denn dort lässt er sich ganz sicher finden.

Und wo er am Werk ist, das erfahren Sie zum Beispiel im Buch des Propheten Jesaja. Wir haben eine der zahllosen Stellen eben als Lesung gehört. Bei den Hilflosen, denen er Recht verschafft, bei den Armen des Landes, für die er um Gerechtigkeit kämpft, dort ist dieser Gott. Wenn wir ihn wirklich suchen, dort werden wir ihn finden.

Für mich ist genau das das eigenartige an unserem Christentum. Wir lesen diese Stellen und wir wissen darum. Wir wissen, dass uns der Herr in denen begegnet, die unseren Beistand und unsere Hilfe brauchen. Haben wir 'zigmal gehört: Was Ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt Ihr mir getan. Wenn wir uns aber aufmachen, um ihn zu suchen, wenn wir uns aufmachen, um Gott zu begegnen, dann suchen wir ein harmonisches Umfeld, die Schönheit eines Kirchenraumes oder die stimmungsgeladene Atmosphäre eines adventlich geschmückten Zimmers.

Gottes Gegenwart hat aber nur wenig mit Stimmung zu tun. Es ist auch keine besonders besinnliche Angelegenheit. Gottes Gegenwart hat dafür sehr viel mit dem Leben zu tun, mit unserem Leben und mit der Art und Weise, wie wir es leben. Denn Gott ist nicht nur bei denen, die in diesem Leben zu kurz kommen, er tritt für sie ein.

Und welche Worte der Prophet dafür findet, um dies zum Ausdruck zu bringen, haben wir eben selbst gehört. Er schildert ausgesprochen drastisch, wie Gott denen, die sich auf Kosten der Armen bereichern, ein Ende machen wird. Er schlägt die Gewalttätigen mit dem Stock seines Wortes und tötet den Schuldigen mit dem Hauch seines Mundes. Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften, Treue der Gürtel um seinen Leib.

Und Jesaja lässt keinen Zweifel daran, dass er das nicht für eine ferne Zukunft erwartet. Für ihn ist das der Inbegriff seiner messianischen Hoffnung. Das ist Adventsstimmung a la Jesaja, biblische Botschaft vom Herrn, der kommen wird, vom Herrn der genau dort ist, wo sich Menschen als Opfer erleben.

Dort müssen wir Gott suchen, dort lässt er sich finden, dort ist unser Platz, dort hat sich Kirche zu engagieren. Das meine nicht ich - Jesaja meint das und mit ihm Jesus Christus selbst, der die Erfüllung seiner Vision sein will. Gott selbst ist es, der uns zeigt, wo unser Platz zu sein hat.

Wir haben vom Evangelium her gelernt, dass Gott auf der Seite der Armen und Unterdrückten steht, der Schwachen und Kranken, der Missbrauchten und Traumatisierten - Gott steht auf der Seite der Opfer, wenn wir auf einer anderen Seite stehen, stehen wir nicht auf der seinen.

(gehalten am 4./5. Dezember 2010 in der Paulus- und Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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