Predigten in der Adventszeit - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

2. Adventssonntag - Lesejahr A (Röm 15,4-9)

Brüder! Alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schrift Hoffnung haben. Der Gott der Geduld und des Trostes schenke euch die Einmütigkeit, die Christus Jesus entspricht, damit ihr Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, einträchtig und mit einem Munde preist. Darum nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes. Denn, das sage ich, Christus ist um der Wahrhaftigkeit Gottes willen Diener der Beschnittenen geworden, damit die Verheißungen an die Väter bestätigt werden. Die Heiden aber rühmen Gott um seines Erbarmens willen; es steht ja in der Schrift: Darum will ich dich bekennen unter den Heiden und deinem Namen lobsingen. (Röm 15,4-9)

Krankheiten erkennt man an ihren Symptomen. Von den Symptomen, kann man schließlich auf die Krankheit zurückschließen.

Das zeichnet jeden guten Arzt aus: Ich schildere ihm, was ich spüre und erlebe, und er kann schon daraus mit einiger Wahrscheinlichkeit ablesen, was mir wohl fehlt. -

Ungeduld ist so ein Symptom. Wer keine Geduld kennt, bei dem ist offenbar etwas ins Rutschen geraten.

Ungeduld ist wie ein Symptom für eine Krankheit - keine körperliche Krankheit, aber eine, die das Leben des Menschen nicht minder tief in Mitleidenschaft zieht.

Liebe Schwestern und Brüder,

die Diagnose mag nicht immer eindeutig sein. Es gibt vermutlich eine Reihe von Faktoren, die dafür verantwortlich sind, ob ich zuwarten kann, in Ruhe und Gelassenheit einem Ergebnis entgegenblicke oder voller Unrast und ohne die geringste Geduld alles gleich und ohne Umschweife augenblicklich zu haben glauben müsse. Wahrscheinlich gibt es dafür ganz verschiedene Gründe.

Sehr häufig aber dürfte die Ursache für solch ein Nicht-Warten-Können in einem weit verbreiteten Phänomen liegen. Sehr häufig ist Ungeduld ein ganz wichtiges Anzeichen dafür, dass ein Mensch nicht mehr recht hoffen kann. Ungeduld ist nicht selten ein Symptom für Hoffnungslosigkeit.

Wer kein Vertrauen mehr in eine gute Zukunft hat, wer nicht mehr glauben kann, dass es morgen einen schönen Tag gibt und dass es übermorgen keinesfalls schlechter werden wird, wer keine Hoffnung in die Zukunft hat, dem bleibt nur noch die Gegenwart, nur noch das heute.

Und heute muss dann auch alles sein. Alles brauchts dann gleich. Zeit des Wartens kann ich mir dann nicht mehr leisten. Geduldig zuzusehen, wie eine Sache wächst, langsam Gestalt annimmt und reift - dafür bleibt dann keine Zeit.

Ungeduld hat Ihre Wurzeln nicht selten darin, dass Menschen von der Zukunft nichts erhoffen - und das selbst dann, wenn sie sich darüber gar nicht im Klaren sind, selbst dann, wenn sie sich eigentlich als kerngesund, als halbwegs glücklich und zufrieden und im Vergleich zu all den anderen auch als völlig normal betrachten würden.

Hoffnungslosigkeit heißt ja nicht Trübsal blasen. Ja, wenn es mir schlecht geht und ich keine Hoffnung mehr habe, dann kann ich nur noch den Kopf hängen lassen. Wo es mir aber gut geht und ich mir nicht vorstellen kann, dass es kaum mehr gibt, als das, was ich im Augenblick erlebe, ja, dass es eigentlich nur noch bergab gehen kann, dort äußert sich diese Hoffnungslosigkeit ganz anders, dort begegnet ab und an eine lebenslustige, spaßorientierte Gesellschaft, die nach dem Motto handelt, lasst uns feiern und genießen, essen und trinken, denn morgen oder übermorgen sind wir vielleicht schon tot.

Nicht jede Ausgelassenheit ist schon mit Lebensfreude gleichzusetzen. Manchmal kann sie auch in einem ungeduldigen Alles-Genießen-Müssen wurzeln - und zwar hier und heute und ohne Aufschub, weil man nur noch hier und heute lebt und von der Zukunft eigentlich nichts, aber auch gar nichts mehr erwartet.

Wer keine Hoffnung auf eine große Zukunft mehr kennt, wer sich von der Zukunft nichts erwartet, auf was sollte so jemand auch warten?

Die Unrast, die Ungeduld, dieses unselige Nichts-Mehr-Wirklich-Erwarten-Können, nicht mehr warten zu können - sehr häufig ein Symptom für nichts anderes als Hoffnungslosigkeit.

Paulus durchblickt diesen Zusammenhang. Er ist wie ein Arzt, der schon von den Symptomen auf die Krankheit zu schließen weiß. Und er hat auch ein Rezept dagegen, ein Rezept, wie wir gegen diese Hoffnungslosigkeit angehen können. Es ist nichts Spektakuläres, aber etwas Altbewährtes und wirkungsvoll ist es allemal: Die Schrift ist es, die Worte der Bibel.

Und wenn Paulus Bibel sagt, dann meint er die Propheten, die Psalmen, die Berichte von der Geschichte Gottes mit den Menschen.

Geschrieben wurde sie, damit wir Trost finden, getrost durchs Leben gehen, und zwar im Bewusstsein, dass Gott mit uns geht. Geschrieben wurde sie, damit wir Hoffnung haben.

"Alles, was geschrieben worden ist," sagt Paulus, hat man niedergeschrieben, "damit wir ... durch den Trost der Schrift Hoffnung haben."

Denn ein Hoffnungsbuch, das ist die Bibel. Das Alte Testament genauso wie das Neue.

Die Bücher berichten uns davon, wie Gott die Menschen führt, und wie es durch jedes Tal hindurch wieder hinaus ins Weite geht.

"Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir."

"Du führst mich hinaus ins Weite, Du machst meine Finsternis hell."

Wer erspürt, was das bedeutet, der kann getrost durch manches Tal hindurch wandern, der weiß, dass es hinter allen Finsternissen wieder hell und weit werden wird. Wer die Worte der Propheten verinnerlicht, aus den Gebeten der Psalmen lebt, der lernt darauf zu warten, dass Gott die Dinge richten wird, weil er darauf zu vertrauen lernt, dass Gott es wirklich tut.

Er hat es früher oft gezeigt, er wird es auch in Zukunft tun.

Alle Berichte der Bibel beschreiben dies in immer wieder neuen Bildern. Sie tun es auch für uns. Denn aufgeschrieben wurden sie auch für uns, damit wir durch den Trost der Schrift neue Hoffnung haben. Und wer diese Hoffnung hat, der kann auch wieder warten.

Denn das sagt Paulus: "Alles, was geschrieben worden ist," hat man niedergeschrieben, "damit wir ... durch den Trost der Schrift Hoffnung haben" und damit wir sie haben - und so übersetzt man die Worte des Apostels Paulus wohl am treffendsten: - damit wir sie haben "in Geduld".

Amen.

(gehalten am 4. Dezember 2004 in der Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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