Predigten in der Adventszeit - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

2. Adventssonntag - Lesejahr A (Mt 3,1-12)

In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und verkündete in der Wüste von Judäa: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. Er war es, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften: Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung. Die Leute von Jerusalem und Judäa und aus der ganzen Jordangegend zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. Als Johannes sah, dass viele Pharisäer und Sadduzäer zur Taufe kamen, sagte er zu ihnen: Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt? Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt, und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben ja Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen Kinder Abrahams machen. Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. Ich taufe euch nur mit Wasser zum Zeichen der Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Schon hält er die Schaufel in der Hand; er wird die Spreu vom Weizen trennen und den Weizen in seine Scheune bringen; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen. (Mt 3,1-12)

Liebe Schwestern und Brüder,

... und dann plötzlich sind die Kinder aus dem Haus! Vorbei die Zeiten, als das Haus voller Trubel war, als immer eines der Kinder irgendetwas wollte und das Leben rund um die Uhr pulsierte. Es wird ruhig im Haus...

Wie oft hat man sich nach solcher Ruhe gesehnt, früher, als die Kinder klein gewesen sind! Mal wieder einen Abend nur zu zweit, einen Abend Ruhe... Damals hat man von all dem geträumt, was jetzt wieder möglich ist: Von den neuen Freiräumen für Zweisamkeit, von der Zeit, die man neu füllen kann, Zeit, die dem Leben eine ganz neue Qualität geben kann, wenn man sie denn zu füllen in der Lage ist. Es stecken schließlich ganz neue Chancen in diesem Lebensabschnitt, wenn man ihn als Chance begreift.

Aber - und daran lässt sich eben nichts wegdiskutieren - es bleibt ein fahler Beigeschmack. Denn so manches Loch tut sich ja auf, und manch wehmütige Erinnerung bleibt zurück. Aus den kleinen Kindern, die man tragen und so manches Mal wieder aufheben musste, sind gestandene Männer und Frauen geworden. Sie gehen nun ihren eigenen Weg, leben ihr eigenes Leben, und nach Hause kommen sie nur noch ab und an.

Aber sie kommen! Und das ist das entscheidende. Sie kommen immer wieder - und nicht etwa, weil sie müssten, sondern weil sie irgendetwas nach Hause zieht, weil es einfach etwas Schönes ist, wieder einmal zuhause zu sein, und weil es eine Beziehung gibt, die sie ganz fest miteinander verbindet, eine Beziehung, die in all diesen Jahren gewachsen ist, die sich immer wieder verändert, aber eigentlich jedes Mal nur noch tiefer eingegraben hat.

Ich könnte mir vorstellen, dass es sich bei den allermeisten von Ihnen genau so entwickelt hat. Und das ist Ihnen auch zu wünschen! Nicht immer aber läuft es so. Manchmal gehen Kinder auch ganz aus dem Haus, und manchmal erkalten Beziehungen auch. Manchmal verkommt der Kontakt zu den Eltern zur gesellschaftlichen Konvention und zur Pflichterfüllung.

Solch eine verkommene Beziehung hat ganz offensichtlich Johannes der Täufer vor Augen, wenn er den Menschen seiner Zeit den Spiegel vorhält. Da sind Menschen, die sagen: "Wir haben doch Abraham zum Vater!" - genauso wie man heute sagen würde: "Es kann uns doch gar nichts passieren, wir sind doch alle Kinder Gottes!" So sagen die Menschen - und ansonsten lassen sie den lieben Gott 'nen guten Mann sein, den man, wie einen altgewordenen Vater, ab und an eben in treuer Pflichterfüllung am Wochenende, im Gottesdienst, wie in einem Altersheim besucht. Eine Haltung, die in Israel zur Zeit Johannes des Täufers genauso stark verbreitet war, wie sie unsere christliche Praxis tagtäglich prägt. Eine Einstellung, die die Menschen in Israel damals als genauso ausreichend empfanden, wie viele Christen unserer Tage.

Als ob Eltern davon begeistert wären, wenn Kinder den Kontakt zu ihnen nur noch als Pflichtübung halten. Gott träumt von etwas anderem. Er träumt davon, dass da im Laufe der Jahre zwischen uns und ihm wirklich etwas gewachsen ist, etwas, was uns immer wieder zu ihm zieht, was uns seine Hand suchen lässt. Er träumt davon, dass wir seinen Rat suchen, wenn es darum geht, unsern Alltag zu gestalten, und dass wir verstehen, wenn er uns Grenzen aufzeigt, weil das, was dahinter liegt, eben nicht gut für uns wäre. Davon träumt dieser Gott: von einer wirklichen, einer lebendigen und tiefen Beziehung zwischen ihm und seinen Kindern.

Er ist Vater und Mutter, und diejenigen von Ihnen, die selbst Kinder haben, wissen ganz besonders gut, was das heißt! Gott ist wie Vater und Mutter. Er empfindet genauso wie Eltern. Und Eltern verstehen deshalb vielleicht auch am Besten, wovon dieser Gott träumt. Von allem, nur nicht von Pflichterfüllung - denn um Pflichterfüllung geht es Eltern nicht.

(gehalten am 5. / 6. Dezember 1998 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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