Predigten in der Adventszeit - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

1. Adventssonntag - Lesejahr A (Jes 2,1-5)

Das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, in einer Vision über Juda und Jerusalem gehört hat. Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Völker. Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion kommt die Weisung des Herrn, aus Jerusalem sein Wort. Er spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg. Ihr vom Haus Jakob, kommt, wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn. (Jes 2,1-5)

Sie schmieden Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen - und sie machen sich auf den Weg zum Haus des Herrn, zur heiligen Stadt, aus allen Himmelrichtungen aus allen Nationen, Rassen und sozialen Schichten. Eine unübersehbare, unvorstellbar große Schar macht sich auf den Weg hin zum Haus des Herrn - und scheitert an der Passkontrolle, der Visa-Vergabestelle und all den geschlossenen Toren.

Liebe Schwestern und Brüder,

stellen Sie sich nur mal vor, wie man in Jerusalem schauen würde, wenn plötzlich wirklich alle Welt käme, wenn die Vision des Propheten Jesaja wirklich in die Tat umgesetzt würde.

Man lässt ja schon die friedliebenden Menschen aus dem eigenen Land nicht reisen, aus Angst vor denen, die es übel meinen. Man schottet die heiligen Stätten ab, mit riesigen Mauern und unüberwindlichen Toren.

Glauben wir ja nicht, dass man es zulassen würde, dass Jesajas Vision aus der heutigen Lesung Wirklichkeit werden könnte. Man würde es schon zu verhindern wissen!

Und bilden wir uns ja nicht ein, dass es den Wallfahrern zum Haus des Herrn in anderen Regionen der Erde anders erginge. Stellen Sie sich vor, die heilige Stadt läge in den Vereinigten Staaten. Da würde man ja erst recht nicht reinkommen, vor lauter biometrischer Passfotos digitalisierter Fingerabdrücke und auf die Spitze getriebener Einreiseformularitäten.

Und wenn es bei uns so weitergeht, dann kommt auch bei uns auf Zukunft hin keiner mehr rein, dann werden die Tore fest geschlossen, dann duldet man nur noch die, von denen man sich einen Vorteil verspricht: die Geld ins Land bringen - niemanden aber mehr, der irgendwann einmal die Hand aufhalten, geschweige denn uns auf der Tasche liegen oder gar das unsrige auch nur im Entferntesten streitig machen könnte.

Tore sind nur dort, weit offen, wo es nichts zu holen gibt. So wie es sich im Grunde schon in der Vergangenheit nur die erlauben konnten, keine Mauern, keine Riegel, keine fest verrammelten Türen zu errichten, die sowieso nichts hatten.

Gott sei Dank liegt sie nicht bei uns, Gottes heilige Stadt, nicht in Amerika und nicht einmal in Palästina. Gott sei Dank hat Gott sein himmlisches Jerusalem, dort errichtet, wo es Türme und Mauern, prachtvolle Straßen und großartige Plätze gibt, alles, nur keine Tore, keine festverschlossenen Tore.

In Gottes Stadt stehen die Türen sperangelweit offen. Das hat Christus selbst uns gesagt. Er lädt ein in seine Stadt, in sein himmlisches Jerusalem, und zwar alle Welt.

Und nur die, die das nicht verstehen können, nur die, die das nicht wollen, die nicht damit leben können, dass alle, ausnahmslos alle eingeladen sind, nur die, werden es schwer haben.

Sie werden sich zu guter Letzt hoffentlich damit abfinden und bestenfalls mit dem Gedanken sogar anfreunden. Ansonsten haben nämlich sie kaum eine Alternative.

Wer nicht damit leben kann, dass Gott wirklich alle bei sich haben will, alle zu Bürgerinnen und Bürgern seines himmlischen Jerusalems macht, wer diesen Gedanken nicht erträgt, dem wird nämlich kaum etwas anderes übrig bleiben, als am Ende wohl selbst draußen bleiben zu müssen.

Amen.

(gehalten am 1./2. Dezember 2007 in der Paulus- und Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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