Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

33. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Mt 25,14-30)

In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab. Sofort begann der Diener, der fünf Talente erhalten hatte, mit ihnen zu wirtschaften, und er gewann noch fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei dazu. Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück, um von den Dienern Rechenschaft zu verlangen. Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!. Dann kam der Diener, der zwei Talente erhalten hatte, und sagte: Herr, du hast mir zwei Talente gegeben; sieh her, ich habe noch zwei dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn! Zuletzt kam auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder. Sein Herr antwortete ihm: Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast doch gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe. Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten. Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen. (Mt 25,14-30)

Das ist eine Sprache, die wir verstehen! Wenn's nämlich um Geld geht, dann sind diese Dinge sonnenklar. Gar keine Frage: Wenn ich jemandem Geld anvertraue, dann möchte ich es auch wieder zurückbekommen. Und je mehr ich irgendwo anlege, desto größer muss der Betrag sein, der am Ende dabei herausspringt.

Das ist eine Sprache, die wir verstehen. Ein besseres Bild hätte Jesus gar nicht wählen können. Der Vergleich mit dem Geld macht am allerbesten deutlich, dass auch Gott ziemlich sauer reagiert, wenn mit seiner Kapitaleinlage leichtsinnig umgegangen, und sein Vermögen verdummbeutelt wird - genau so sauer, wie jeder andere Investor auch.

Liebe Schwestern und Brüder,

wir müssen uns jetzt nur noch fragen, was das denn für ein Kapital ist, das Gott hier anlegen möchte. Denn dass es ihm nicht um Geld geht, das ist eigentlich hinreichend bekannt. Aber was vertraut er uns hier dann an? Was soll sich bei uns vermehren? Und was fordert er von uns mit Zins und Zinses-Zins zurück?

Nun, eine Deutung, die kennen Sie alle, und die ist ja so geläufig, dass sie selbst unsere Sprache geprägt hat. Nicht umsonst sprechen wir ja, ausgehend von diesem Gleichnis des Evangeliums, von Talenten. Talente haben wir empfangen, innere Anlagen, Möglichkeiten, die es zu entfalten und auszubauen gilt.

Aber ich glaube, dass sich hinter diesem Evangelium eigentlich noch viel mehr versteckt. Ich glaube, dass Jesus mehr meint, als nur unsere Talente und Anlagen.

Gott vertraut uns ganz andere Güter an. Güter, die für ihn das Wertvollste auf der Welt sind, weit wertvoller als alle Schätze, die wir uns ausmalen können. 

Das, was er uns eigentlich anvertraut, das nämlich sind Menschen! Jedem von uns vertraut er, so wie er den Dienern im heutigen Evangelium ganz gewaltige Schätze übergibt, jedem von uns vertraut er Menschen an.

Eltern werden ihre Kinder anvertraut, Menschen, die eine Zeitlang bei ihnen wohnen, die von ihren Eltern behütet werden und für die sie sorgen und deren Leben sie mehren sollen. 

Den Kindern sind dann ihre Eltern anvertraut, Menschen, denen sie gerade im Alter helfen können, dass die Qualität ihres Lebens nicht stärker leidet, als es unbedingt sein muss.

Ihm oder ihr ist der Partner oder die Partnerin anvertraut und uns allen all diejenigen, die allein nicht mehr zurechtkommen, die ganz einfache unsere Hilfe brauchen, und deren Los nicht zuletzt in unsere Hände gelegt ist.

Gott vertraut uns andere Menschen an, das Geschick seiner Menschen legt er in unsere Hände. 

Und damit vertraut er uns im Grunde einander gegenseitig an - und selbst über Ozeane hinweg. Unsere Partnerschaft mit den Gemeinden in Peru ist nur ein Beispiel dafür.

Wir können uns gegenseitig beschenken, wir können einander das Leben mehren, und diesem Leben eine ganz neue Qualität geben. Wir können es! Und Gott baut darauf. Er baut darauf, dass das Vertrauen, das er in uns investiert, dass dieses Vertrauen Zinsen trägt.

Gut, er weiß auch, dass wir kaum Wunder vollbringen werden. Er weiß wahrscheinlich weit besser als wir, dass wir nicht die Anlageform mit der höchsten Rendite sind.

Aber unser Gott sucht eben nicht die schnelle Mark. Ihm scheint es zu reichen, wenn wir gemeinsam Schritt für Schritt der Fülle des Lebens - langsam - immer näher kommen.

Und auch wenn wir dabei nur wenig Ertrag bringen und der Gewinn nicht überragend ist, wenn wir Gottes Vertrauen nicht gründlich enttäuschen, dann dürfen wir sicher sein, dass er am Ende dann, dann, wenn er das Leben von uns zurückfordert, dass er dann ganz sicher auch zu uns sagen wird:

"Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn."

(gehalten am 13./14. November 1999 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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