Predigten in der Osterzeit - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

7. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr B (Joh 17,6a. 11b-19)

In jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel und betete: Vater, ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir. Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast. Und ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ging verloren, außer dem Sohn des Verderbens, damit sich die Schrift erfüllt. Aber jetzt gehe ich zu dir. Doch dies rede ich noch in der Welt, damit sie meine Freude in Fülle in sich haben. Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehasst, wie sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin. Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst. Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt. Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind. (Joh 17,6a. 11b-19)

Was ist der Unterschied zwischen einem Namen und einem Etikett?

Nun, ein Etikett - das ist klar -, das klebt man zum Beispiel auf eine Sprudelflasche. Und man tut dies, damit man weiß, ob sich jetzt Mineralwasser, süßer Sprudel, oder sonst irgendetwas in dieser Flasche befindet. Ein Etikett, das klebt man auf eine Sache, um sie von einer anderen unterscheiden zu können. Etiketten, das sind Unterscheidungszeichen.

Und Namen? Was ist dann ein Name?

Liebe Schwestern und Brüder,

ein Name, das ist meistens gar nichts anderes - zumindest heute!

Wir brauchen einen Namen, damit man uns von anderen unterscheiden kann, damit sich nicht alle umdrehen müssen, wenn einer "He, du!" ruft, damit Einzelne gezielt angesprochen werden können. Ein Name ist heute kaum noch etwas anderes als ein Etikett.

Natürlich, wenn ein Kind einen Namen bekommt, dann achtet man noch darauf, dass es ein schöner Name ist, dass er gut klingt und sich nicht altbacken anhört. Aber das ist bei einem Etikett ja auch nicht anders. Auch ein Etikett soll ja etwas gleich sehen und ansprechend wirken. Allein der Wohlklang macht aus einem Etikett ja noch nichts anderes als eben ein Etikett.

Dass Namen mehr sein können als einfach ein Zeichen zur Unterscheidung, das haben wir weithin vergessen, das spielt bei uns heute kaum noch eine Rolle. Nur ab und an spürt man noch in Ansätzen, dass hinter einem Namen offenbar noch eine tiefere Bedeutung steckt. Wenn es nämlich um unseren Nachnamen geht und allem voran darum, dass zwei Menschen angesichts der bevorstehenden Hochzeit sich darauf einigen sollen, welchen Namen sie fortan tragen möchten. dann spürt man auch heute noch ein wenig, dass ein Name größere Bedeutung für mich hat als nur ein Etikett, dass einen Namen zu wechseln gar nicht so einfach ist, dass mein Name etwas mit meiner Identität zu tun hat, ein Stück von mir selber ist!

Früher war dies noch viel ausgeprägter. Im alten Orient zum Beispiel war der Name nie nur ein Unterscheidungszeichen. Ein Name, das war gleichsam ein Programm. Und wenn man jemandem einen Namen gab, dann versuchte man damit, das ganze Wesen des anderen zu umschreiben.

Nicht umsonst erleben wir in der Bibel so häufig, wie Menschen nach bestimmten Ereignissen einen neuen Namen erhalten, ein Name, der viel besser ausdrücken konnte, was dieser Mensch nun für einer geworden war. Schon durch den Namen wurde klargemacht, mit wem man es jetzt zu tun hatte.

Deshalb ist für Israel auch so wichtig, dass Gott einen Namen hat! Und wenn Gott seinem Volk seinen Namen offenbart, dann sagt er diesem Volk schon dadurch, mit wem man es hier zu tun hat, wer dieser Gott jetzt für die Menschen ist.

Der Gott des Herrenvolkes der Ägypter, der Gott Amun Re, der wurde verehrt als "der Gott der 1000 Namen". Unter 1000 Namen hatte er sich - so glaubten die Ägypter - den Menschen offenbart. Nur seinen richtigen Namen, den hatte er niemandem genannt. Wer er nämlich wirklich war, das sollte allein sein Geheimnis bleiben!

Unser Gott aber, der nennt seinem Volk seinen Namen! Er sagt uns Menschen, wer er wirklich ist! Und er sagt uns damit - und das ist das Entscheidende - wer er für uns ist! Denn dieser Name, den er den Menschen offenbart, der ist sein Programm.

Gottes Name ist Programm. Gott nämlich ist Jahwe. Und er selbst erklärt den Menschen, was das bedeutet: "æhjæh aschær æhjæh"! heißt es n der Bibel (Ex 3,14).

Dieser hebräische Satz meint viel mehr als das "Ich bin, der ich bin!" das Sie im Religionsunterricht gelernt haben. Wenn man wirklich übersetzen möchte, was das genau bedeutet, dann braucht man ein paar Worte mehr, dann muss man nämlich umschreiben. "æhjæh aschær æhjæh", das meint nicht nur "Ich bin, der ich bin!" Es meint vielmehr so etwas wie: "Ich bin der, der für Euch da ist, wann, wo und wie es auch sei!"

Das ist Gottes Name, das ist sein Wesen. So ist er wirklich. Er ist der, der für uns da sein will, ganz egal, was auch geschieht. Gott ist für uns da.

Das ist Evangelium! Das ist das eigentliche Urevangelium der ganzen Bibel: Gott sagt dem Menschen, dass er sich selbst definiert als Gott für Welt und Mensch.

Wenn Jesus am Ende seines Lebens, in diesem Gebet, aus dem wir eben einen Abschnitt gehört haben, wenn Jesus da davon spricht, dass er den Menschen Gottes Namen offenbart habe, dann muss ich genau um diese tiefere Bedeutung eines Namens wissen, um zu verstehen, was wirklich mit diesem Satz gesagt sein will.

Dieser Abschnitt aus dem Johannesevangelium meint nämlich nichts anderes, als dass Jesus genau deshalb Mensch geworden ist. Er ist Mensch geworden, um den Menschen Gottes Namen zu offenbaren, um den Menschen zu sagen, mit wem sie es zu tun haben, wer dieser Gott für uns ist. Er ist Mensch geworden, um uns vor Augen zu führen, dass Gott tatsächlich Jahwe ist, ein gütiger, ein menschenfreundlicher Gott, ein Gott, der seinen Sohn in die Welt gesandt hat, um uns klar zu machen, dass Gott keine Opfer verlangt, keine verängstigten Menschen will und Glaube an ihn nicht mit Trübsal blasen und Traurigkeit zu verwechseln ist.

Dass es Gottes ureigenstes Anliegen ist, uns genau das deutlich zu machen, das hat er im Grunde schon zum Ausdruck gebracht, als er den Namen für seinen Sohn festgelegt hat. Gottes Sohn heißt schließlich nicht umsonst Jesus. Gott selbst ließ, nach dem biblischen Bericht, seiner Mutter ja mitteilen, dass sie ihm den Namen Jesus geben solle. Und Jesus - "Jeschua", wie es auf Hebräisch heißt, - das bedeutet auf Deutsch nichts anderes als: "Jahwe ist Heil!" Gott ist unsere Rettung.

Dazu ist Jesus Mensch geworden, unter diesem Programm ist er angetreten: damit alle Menschen letztlich begreifen, dass dieser Gott einen Namen hat, dass er Jahwe heißt und dass er Jahwe ist, ein Gott, der nicht Richter sein will und erst recht nicht Vernichter, sondern Jahwe, unser Retter, der, der für uns da sein will, egal wann, egal wo und egal wie es auch sei.

Amen.

(gehalten am 3./4. Juni 2000 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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