Predigten in der Osterzeit - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

5. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr B (1 Joh 3,18-24)

Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit. Daran werden wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind, und werden unser Herz in seiner Gegenwart beruhigen. Denn wenn das Herz uns auch verurteilt - Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles. Liebe Brüder, wenn das Herz uns aber nicht verurteilt, haben wir gegenüber Gott Zuversicht; alles, was wir erbitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten und tun, was ihm gefällt. Und das ist sein Gebot: Wir sollen an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben, wie es seinem Gebot entspricht. Wer seine Gebote hält, bleibt in Gott und Gott in ihm. Und dass er in uns bleibt, erkennen wir an dem Geist, den er uns gegeben hat. (1 Joh 3,18-24)

Zehn Jungs tobten auf dem Sportplatz und spielten Fußball. Zwei Mannschaften hatten sie gebildet. Und sie bestürmten jetzt das jeweils andere Tor mehr lautstark als erfolgreich.

Zwei ältere Herren beobachteten das Treiben. Und sie beobachteten auch, wie zwei weitere Jungs hinzukamen und mitspielen wollten.

"Geht nicht!" riefen die Zehn vom Spielfeld herunter. "Ihr könnt nicht mehr mitspielen! Unsere Mannschaften sind komplett!"

"Wir wollen aber", riefen die Zwei. "Ihr könnt doch die Mannschaften vergrößern!"

"Geht nicht!" tönte es vom Spielfeld herunter. "Fünf Mann in einer Mannschaft! So sind die Regeln!"

Liebe Schwestern und Brüder,

kennen Sie eine Regel, nach der fünf Mann eine Fußballmannschaft bilden? Ich kenne sie nicht. Und die beiden älteren Herren, die die Szene beobachteten, kannten solch eine Regel auch nicht. Sie hatten daher auch etwas Mühe zu begreifen, warum die beiden Neuankömmlinge nicht mitspielen durften.

Die Regel mit den fünf Spielern, die hatten die Zehn sich ja ganz offenbar selbst ausgedacht. Selbstgestrickte Regeln aber, die lassen sich doch schließlich auch wieder ändern. So sollte man zumindest meinen! Ob jetzt 5 oder 6 Mann in einer Mannschaft spielen, das macht ja schließlich keinen großen Unterschied.

Macht es dann aber einen Unterschied, ob 11 oder 12 Mann auf dem Platz sind?

Wenn das bei den Jungs kein Problem sein soll, ob jetzt 5 oder 6 mitspielen dürfen - wie wäre es dann, wenn bei einem Länderspiel etwa die beiden Mannschaften einfach übereinkämen, an diesem Abend einmal mit je 12 Feldspielern anzutreten. Bei den Jungs verstehen wir ja auch nicht, warum die zwei Neuankömmlinge am Spielfeldrand sitzen bleiben sollen, nur weil die anderen auf ihrer Regel beharren. Könnten beim Länderspiel dann die beiden Mannschaften nicht auch einmal mit mehr Spielern antreten?

Natürlich, ich weiß, dass das etwas ganz anderes ist. Das eine, das ist ein Kinderspiel, eine Kickerei zwischen ein paar Jungs.

Das andere aber, das ist eine wichtige Sache, ein Länderspiel. Dabei geht es um viel Geld und - vor allem - um erwachsene Menschen. Und da kann man nicht einfach selbstherrlich die Regeln ändern. Dort haben Regeln einen ganz anderen Stellenwert als bei Kindern.

Die beiden älteren Herren, die das Kinderspiel beobachteten, würden nie auf die Idee kommen, die Regeln bei einem Länderspiel ändern zu wollen. Was die 10 Jungs auf dem Bolzplatz anging, da verstanden sie nicht, warum die Kinder da so engherzig waren und die anderen nicht mitspielen ließen. Bei den Spielen der Erwachsenen aber, da war auch ihnen klar, dass das etwas ganz anderes ist!

Könnte es sein, dass es für Gott manchmal, gar nicht so viel anders ist? Dass er, wenn er das Spiel der Erwachsenen betrachtet, manchmal genauso dasteht, wie die beiden älteren Herren vor den Kindern? Könnte es sein, dass er manchmal genauso wenig versteht, was jetzt so wichtig sein soll, dass einmal festgelegte Regeln uns Menschen am Ende über alles gehen? Und da sind Fußballspiele für Gott wahrscheinlich noch das kleinste Problem!

Ich bin mir ganz sicher, dass Gott nicht nur den Regelwerken aus dem Sport, dass er vor allem dem Regelwerk unserer Bürokratie, unserer Ordnungen und Vorschriften mindestens kopfschüttelnd gegenüberstehen würde. Und über die Art und Weise, wie wir in seiner Kirche Regeln aufstellen und dann auch noch davon überzeugt sind, genau dadurch Gottes Gebote zu bewahren, ich glaube darüber würde er oft sogar mehr als nur den Kopf schütteln.

Nicht umsonst ist Jesus damals so angeeckt und mit so vielen Regeln seiner Zeit auf Kriegsfuß gestanden. Immer wieder hat er sich gefragt, wie Regeln plötzlich wichtiger werden können, als die Menschen, für die sie doch da sind, und wie Regeln, die einmal sinnvoll gewesen sind, von Menschen so eng und auch engherzig interpretiert werden können, dass am Ende fast das Gegenteil von dem dabei herauskommt, was man anfangs einmal erreichen wollte.

Und das ist heute kein bisschen besser, als es damals gewesen ist. Oder glaubt ein Mensch auf dieser Welt ernsthaft, dass es in Gottes Sinn sein soll, wenn eine Frau angesichts des Todes ihres Mannes, nach 40 Jahren Ehe, mir unter Tränen sagt: "Es hat nur ein gutes - es hat ein Gutes, dass mein Mann jetzt verstorben ist: Ich kann jetzt wieder zur Kommunion gehen, denn er war wiederverheiratet geschieden!"

Wo geistlos gewordene Regeln das Leben von Menschen nicht nur erschwert, sondern gar niedergedrückt haben, dort hat Jesus diese Regeln immer wieder ganz einfach um der Menschen willen gebrochen.

Nicht umsonst hat der Verfasser des ersten Johannesbriefes vor 2000 Jahren seinen Gemeinden geschrieben, dass Gottes Liebe zum Menschen und seine Barmherzigkeit weit größer ist als unser engstirniges Denken in Regeln und Geboten. Sie haben es eben selbst gehört, und das ist Heilige Schrift: Gott ist größer als unser Herz.

Wann endlich werden wir anfangen das zu begreifen? Wann endlich werden wir das, was Jesus den Menschen seiner Zeit in seinem Tun und Handeln so deutlich vor Augen geführt hat, wann endlich werden wir es in unserem Leben und auch in dieser Kirche wirklich umsetzen.

Gott ist größer als unser Herz.

Es wird am Ende wohl auch für uns ganz gut sein, dass es so ist! Denn wenn wir uns einmal für unsere Herzenshärte vor diesem Gott zu verantworten haben, dann würde es ansonsten ein böses Erwachen geben. Und manche, die heute noch auf hohem Ross sitzen, würden dann ziemlich alt aussehen.

Amen.

(gehalten am 21. Mai 2000 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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