Predigten in der Osterzeit - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

3. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr B (1 Joh 2,1-5a)

Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt. Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten. Er ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt. Wenn wir seine Gebote halten, erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben. Wer sagt: Ich habe ihn erkannt!, aber seine Gebote nicht hält, ist ein Lügner, und die Wahrheit ist nicht in ihm. Wer sich aber an sein Wort hält, in dem ist die Gottesliebe wahrhaft vollendet. (1 Joh 2,1-5a)

Nicht nur für unsere - Jesus Christus ist die Sühne nicht nur für unsere Sünden!

Liebe Schwestern und Brüder,

das ist ein ungeheures Wort. Er starb nicht nur für uns.

Gut, ist ja irgendwie auch logisch. Natürlich ist er auch für die Christen von St. Stephan gestorben und für die von St. Konrad selbstverständlich auch. Das ist natürlich klar.

Aber dann wird es für manche ja auch schon schwierig. Gilt das auch für die Christen der Christuskirche oder der Gemeinde "Zum guten Hirten"? Vergessen wir nicht, dass noch vor wenigen Jahrzehnten ein Großteil der Katholiken davon überzeugt waren, dass nur sie allein das Heil für sich gepachtet hatten, dass die Erlösung nur katholischen Christen zuteilwerde. Und Hand aufs Herz, es gibt noch genügend von denen, die in einem solch engherzigen Glauben gefangen sind.

Glücklicherweise hat sich mittlerweile beim größten Teil der Christen herumgesprochen, dass Jesus über all diese konfessionellen Unterschiede, unsere theologischen Spitzfindigkeiten und festgezurrten Differenzen bestenfalls lachen kann.

Glücklicherweise haben wir uns darauf besonnen, dass unser Wort Kirche vom griechischen Wort "kyriaké" kommt, und das bedeutet "zum Herrn gehörig". Und wer zu ihm gehört, wer zu diesem Herrn Jesus Christus gehört, das entscheidet Christus immer noch selbst und keine Theologen, nicht einmal Kirchenleitungen.

Glücklicherweise haben wir mittlerweile begriffen, dass dieser Gott alle seine Kinder liebt, und dass Christus nicht nur für uns, nicht nur für unsere Sünden, dass er für…

Oh, jetzt wird es aber spannend. Da steht ja nicht für die Sünden aller, die sich zu ihm bekennen - da steht auch nicht, für die Sünden aller, die ihm nachfolgen. In diesem Abschnitt aus dem ersten Johannesbrief heißt es, dass er nicht nur für uns, dass er die Sühne für die Sünden der ganzen Welt ist.

Der ganzen Welt? Für alle Menschen? Unterschiedslos? Hat Christus die ganze Welt erlöst?

Ja schon, aber doch nicht ganz so, erklären uns das jetzt die Theologen. Christus ist schon für alle gestorben, aber dass die Erlösung für sie jetzt auch wirklich wirksam wird, das hänge dann noch daran, dass die Menschen dies auch annehmen und sich taufen lassen, sich zu Christus bekennen.

Entschuldigung, aber das klingt doch jetzt irgendwie komisch. Das wäre ja, als wolle man mir erklären, Gott sei wie eine Mutter, die ihren Kindern verboten hat auf einen Baum zu klettern. Und jetzt, wo alle das Verbot übertreten haben, der Ast gebrochen ist und die Kinder stürzen, würde sie dastehen und sagen: "Also prinzipiell verzeihe ich euch allen. Und wenn ihr jetzt auch brav um Entschuldigung bittet, und versprecht mir künftig zu folgen, dann fange ich Euch auch auf."

Das ist doch absurd!

Alle Menschen sind Kinder Gottes und Gott will das Heil der ganzen Welt. Und Christus ist für die Sünden der ganzen Welt gestorben. Er hat uns alle bereits erlöst! Wenn wir uns jetzt an ihn halten, wenn wir uns zu ihm bekennen, wenn wir ihm folgen, dann doch nicht, damit wir von ihm gleichsam wie zur Belohnung erst noch erlöst werden. Wir tun das aus Dankbarkeit, weil wir erkannt haben, dass er uns Heil geschenkt hat.

Christus hat uns erlöst und nicht nur uns, sondern die ganze Welt! Bedeutet das aber etwa Heil auch für Menschen, die gar keine Christen sind? Aber es heißt doch ausdrücklich, dass man nur durch Christus zum Heil kommt? Ist es nicht unabdingbar notwendig, die Begegnung mit ihm zu suchen, um an der Erlösung teilzuhaben?

Vermutlich schon. Aber wo begegne ich ihm denn? Wie diene ich ihm denn wirklich? Hat er nicht selbst gesagt, dass wir alles, was wir einem seiner geringsten Brüder und Schwestern getan haben, dass wir das ihm getan haben?

Begegnen nicht auf der ganzen Welt, alle Menschen, egal ob getauft oder nicht getauft, in den Notleidenden und Hilfsbedürftigen, in den ärmsten Brüdern und Schwestern diesem Christus, der uns selbst auf diese anderen Menschen verwiesen hat?

Sie alle werden doch am Ende bei denen stehen, die sagen: Wann haben wir dich nackt oder hungrig oder durstig gesehen und sind Dir zur Hilfe gekommen? Und wird er dann nicht etwa sagen: Alles, was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan!

Liebe Schwestern und Brüder,

diese Lesung gibt mir ganz schön zu denken. Und wenn man diesen Gedanken zu Ende denkt, dann klingt er mindestens so abenteuerlich, wie es für manchen Katholiken in der Mitte des letzten Jahrhunderts geklungen haben mag, wenn man ihm zu erklären versuchte, dass auch Evangelische am Ende wohl in denselben Himmel kommen wie wir selbst.

Und vielleicht ist es jetzt an uns, diese Gedanken nicht nur zuzulassen, sondern ganz ernsthaft zu denken.

Nicht einmal ein Drittel der Menschheit sind Christen. Soll ich allen Ernstes glauben, dass Gott der Vater aller Menschen ist, dass alle Menschen Kinder Gottes sind, er aber, bei all seiner Macht, am Ende wirklich in Kauf nimmt, dass über zwei Drittel ihr Ziel nicht erreichen?

30 Prozent Rendite, das ist nur an der Börse ein traumhaftes Ergebnis. Wenn eine Mutter nur eines ihrer drei Kinder satt bekommt, dann ist das eine Tragödie.

Mir kann niemand erzählen, dass der Gott der Bibel einfach nur zuschauen würde, wenn über zwei Drittel der Menschheit verloren gehen. Ich glaube nicht, dass sich unser Gott mit einem Drittel-Erfolg zufrieden gäbe. Denn dieser Gott, davon bin ich überzeugt, dieser Gott macht nicht einmal nur halbe Sachen.

Amen.

(gehalten am 18./19. April 2015 in den Kirchen St. Martin und St. Bernhard, Karlsruhe)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Str. 54, D-76131 Karlsruhe,
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