Predigten in der Osterzeit - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

3. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr B (Lk 24,35-48)

Die beiden Jünger, die von Emmaus zurückgekehrt waren, erzählten den Elf und den anderen Jüngern, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach. Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen. Da sagte er zu ihnen: Was seid ihr so bestürzt? Warum lasst ihr in eurem Herzen solche Zweifel aufkommen? Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Fasst mich doch an, und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht. Bei diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Sie staunten, konnten es aber vor Freude immer noch nicht glauben. Da sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier? Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch; er nahm es und aß es vor ihren Augen. Dann sprach er zu ihnen: Das sind die Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich gesagt ist. Darauf öffnete er ihnen die Augen für das Verständnis der Schrift. Er sagte zu ihnen: So steht es in der Schrift: Der Messias wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen, und in seinem Namen wird man allen Völkern, angefangen in Jerusalem, verkünden, sie sollen umkehren, damit ihre Sünden vergeben werden. Ihr seid Zeugen dafür. (Lk 24,35-48)

Das mache ich grundsätzlich. Wenn ich in eine Stadt fahre, in der ich noch nie gewesen bin, dann schaue ich vorher wenigstens grob in einen Reiseführer hinein. Sonst passiert es allzu leicht, dass man erst im Nachhinein erfährt, was man alles hätte sehen können, wenn man es nur gewusst hätte. Wenn ich nicht weiß, dass es da einen unbedingt sehenswerten Winkel gibt oder eine ganz bedeutende Kirche oder ein Kunstwerk, zu dem ansonsten alle Welt pilgert, dann kann ich fünf Mal daran vorbeigehen und das Entscheidende am Ende doch nicht gesehen haben.

Es stimmt halt schon: Man sieht nur, was man weiß.

Liebe Schwestern und Brüder,

Jesus bestätigt diese alte Weisheit. Das erste, was er den Jüngern nach seiner Auferstehung an Einsicht vermittelt, ist, darauf zu achten, worauf es ankommt. Er öffnete ihnen die Augen, für das Verständnis der Schrift, heißt es da. Er sorgt selbst dafür, dass sie nicht achtlos am Wesentlichen vorbeigehen, dass ihr Blick geschärft ist, geschärft für das Eigentliche.

Denn beim Lesen eines Textes ist es ziemlich genauso, wie beim Erkunden einer fremden Stadt: Ich muss wissen, worauf es ankommt, worauf ich achten muss, ich muss wissen, wie ich etwas zu lesen oder zu verstehen habe, damit ich den Sinn eines Textes wirklich erfassen kann. Man sieht eben tatsächlich nur, was man wirklich weiß.

Aus keinem anderen Grund haben wir uns hier in Bruchsal in den vergangenen Jahren immer wieder in Kursen, in Gesprächskreisen und in Vorträgen mit dem Verstehen der Schrift beschäftigt. Aus keinem anderen Grund lade ich immer wieder dazu ein. Es reicht eben nicht aus, einfach zu sagen, lest halt in der Bibel. Das wäre, als würde man jemanden ohne Stadtplan oder Reiseführer einfach an einem fremden Ort absetzen und sich mit den Worten verabschieden: "Dann schaut euch halt mal um". Wie schnell konzentriert man sich dann völlig auf Nebensächliches, setzt ganz verkehrte Schwerpunkte und hat am Ende das Wesentliche sogar übersehen. Ich brauche Hilfestellung und ich brauche eine Einführung, für einen unbekannten Ort, genauso wie für einen vor langer Zeit verfassten Text.

Und ich brauche solche Hilfestellungen sogar zeitlebens. Immer wieder ist es notwendig, den Blick zu schärfen, für das, was jetzt anders zu deuten ist, was neu gesehen werden muss und in die jetzige Situation anders hineinspricht.

Sonst geht es einem, wie den Religionsführern zur Zeit Jesu, die auch glaubten, den rechten Blick zu haben, aber offenbar völlig an dem vorbeigingen, was zu genau dieser Zeit Gottes eigentliche Absicht war. Gottes Absicht will nämlich ständig neu gesucht und immer wieder neu entdeckt werden. Denn sie ist immer wieder neu, so neu eben, wie die Zeiten, von denen sie herausgefordert wird. Um diese Absicht Gottes, um ihr rechtes Verständnis, gilt es immer wieder neu zu ringen.

Und darum gilt es diesen Jesus Christus immer wieder neu zu bitten, darum zu beten, dass er auch uns die Augen neu öffnen möge. Nie dürfen wir beim Verstehen von gestern hängen bleiben, wenn es darum geht, sich im Heute zu bewähren. Darum bitten wir unseren Herrn, öffne uns die Augen, öffne sie uns und vor allem denen, die Verantwortung tragen.

Öffne den Verantwortlichen die Augen für das rechte Verständnis der Schrift in unseren Tagen. Mach uns klar, was Du uns jetzt neu zeigen willst, und lass es die richtigen Menschen auch wirklich verstehen.

Amen.

(gehalten am 21. April 2012 in der Antoniuskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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