Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

Predigt an Fronleichnam (Mk 14,12-16. 22-26)

Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote, an dem man das Paschalamm schlachtete, sagten die Jünger zu Jesus: Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten? Da schickte er zwei seiner Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in die Stadt; dort wird euch ein Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt. Folgt ihm, bis er in ein Haus hineingeht; dann sagt zu dem Herrn des Hauses: Der Meister lässt dich fragen: Wo ist der Raum, in dem ich mit meinen Jüngern das Paschalamm essen kann? Und der Hausherr wird euch einen großen Raum im Obergeschoss zeigen, der schon für das Festmahl hergerichtet und mit Polstern ausgestattet ist. Dort bereitet alles für uns vor! Die Jünger machten sich auf den Weg und kamen in die Stadt. Sie fanden alles so, wie er es ihnen gesagt hatte, und bereiteten das Paschamahl vor. Während des Mahls nahm er das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es ihnen und sagte: Nehmt, das ist mein Leib. Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, reichte ihn den Jüngern, und sie tranken alle daraus. Und er sagte zu ihnen: Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. Amen, ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich von neuem davon trinke im Reich Gottes. Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus. (Mk 14,12-16. 22-26)

Kennen Sie das auch? Es gibt Tage, da will man nicht unter Menschen; man fühlt sich nicht gut, hat geweint, es ist einfach alles zum Davonlaufen. Und dann soll man zu einer Sitzung oder in den Verein, soll sich an einen Tisch setzen mitten unter fröhliche Menschen, die einen anschauen, als wäre man die Spaßbremse hoch drei.

Ja, wenn alles gut läuft, wenn man zu allen Späßen aufgelegt ist, dann hat man seinen festen Platz in jeder Runde. Aber es gibt Tage...

Liebe Schwestern und Brüder,

ich bin mir ganz sicher, Sie kennen solche Tage auch.

Und wenn man an einem solchen Tag nicht wirklich fern bleiben kann, dann setzt man sich halt still in eine Ecke und hofft, dass man nicht allzu arg auffällt, dass der Termin irgendwie an einem vorübergeht. Wirklich zu sagen, wie es einem an diesem Abend geht, das traut man sich halt doch nicht. Wen würde es denn auch interessieren? Und wenn doch - will man die anderen wirklich mit den eigenen Problemen belasten?

Es gibt wenige Orte auf der Welt, an denen ich eben so sein kann, wie ich bin. Meistens muss ich mich verstellen, Fehler und Schwächen verbergen.

Vor allem dort, wo doch jeder jeden kennt, verkommen Begegnungen deshalb nicht selten zu Schauspiel und Maskerade. Wir spielen die heile Familie, wir spielen den erfolgreichen Geschäftsmann, wir spielen die Zufriedenheit, bis hin, dass wir überzeugte Gläubige zu sein vortrefflich spielen. Zweifel, Scheitern, Schuld und Fehler - kurz: unsere Wirklichkeit - kommt häufig nicht vor.

Die Versammlung, von der das heutige Evangelium berichtet war anders. Jesus machte keinen Hehl daraus, wie es ihm ging.

Pessach war eigentlich ein frohes Fest, ein Abend, wie etwa bei uns der Heilige Abend, mit all seinem Brauchtum und all dieser emotionalen Aufladung.

Der Abend, von dem das Evangelium heute berichtet, war aber alles andere als fröhlich, vermutlich nicht einmal besonders festlich. Da lag eine gedrückte Stimmung in der Luft und Jesus machte keinen Hehl daraus: keinen Hehl aus seiner Angst, seiner Sorge und der Not, in der er sich befand. Und offenbar konnte er das auch. Offenbar verstanden das die Menschen, die mit ihm zusammen waren, offenbar hatten sie Verständnis für ihn.

Das Urbild unserer Messfeier entpuppt sich als Abend, an dem Sorgen und Not Platz hatten. An dem all das seinen Platz hatte, was diese Menschen damals bewegte, diesen Jesus und seine Jünger. Und das ist Programm, das ist Muster, das ist Beispiel für all unser gottesdienstliches Feiern.

Gottesdienst muss ein Ort sein, an dem wir sein dürfen, wie wir sind, an dem wir unsern Platz haben - nicht mit der Rolle, die wir tagtäglich spielen, sondern mit all dem, was unsere Person ausmacht. Natürlich mit unserer Freude und unserem Glück, aber nicht mit minder mit unserer Schuld, unserer Angst und all unserer Not.

Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen, alles was uns bewegt, hat seinen Platz, wenn wir zusammenkommen, um in Jesu Namen das Brot miteinander zu brechen. Alles, was unser Leben ausmacht, muss hier seinen Platz haben: das schreiende Kind, die alte Frau, die nur noch schlecht hört, derjenige, der am Boden zerstört ist, wie auch diejenige, die am liebsten himmelhoch jauchzen würde.

Wer etwas vorspielen möchte, etwas scheinen möchte, was er nicht ist, der sollte irgendwo anders hingehen. Denn hier geht es um Ehrlichkeit, um Offenheit und um das Leben, so wie es ist. Das genau ist der Anspruch unseres gottesdienstlichen Feierns.

Und das verlangt einiges von uns. Es gibt uns nicht nur die Chance, uns nicht verstellen zu müssen, es verlangt von uns nicht minder, dass auch wir bereit sind, den anderen so zu nehmen wie er ist. Und ihn auch so wahrzunehmen, zu spüren, wenn er uns braucht und dass er uns braucht. Es verlangt nach einer Aufmerksamkeit füreinander, einer Aufmerksamkeit, die alles andere als selbstverständlich ist, die aber erst wirkliche christliche Gemeinschaft ausmacht.

Zugegeben: das ist ein hoher Anspruch. Aber kein anderer wäre passend, weil Jesus selbst nämlich keinen anderen Anspruch an dieses Abendmahl gelegt hat.

Wir müssen uns diesem Anspruch immer wieder stellen und wir müssen unsere Art zu feiern immer wieder daran messen, immer wieder neu überprüfen. Sollte unser Feiern sich nämlich von der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernen, sollten Menschen das Gefühl haben, dass ihr Leben in unserem Feiern keinen Platz hat, dass sie mit ihren Sorgen und Nöten in unseren Gottesdiensten nicht vorkommen, dann liegt das nicht an diesen Menschen, dann liegt das an uns und an unserem Feiern.

Dann aber müssten wir schleunigst etwas unternehmen, denn dann könnten wir feiern soviel und so schön wir wollen, es wäre kein Gottesdienst nach dem Bild jenes letzten Abendmahles unseres Herrn Jesus Christus. Dieses Mahl aber, sein letztes Abendmahl, das und nichts anders, ist Vorbild, Aufgabe und Richtschnur unseres Feierns. Denn was hier tun, das tun wir allein zu seinem Gedächtnis.

Amen.

(gehalten am 7. Juni 2012 beim zentralen Fronleichnamsgottesdienst, Bruchsal)

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