Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

Dreifaltigkeitssonntag - Lesejahr B (Dtn 4,32-34. 39-40)

Mose sprach zum Volk; er sagte: Forsche einmal in früheren Zeiten nach, die vor dir gewesen sind, seit dem Tag, als Gott den Menschen auf der Erde schuf; forsche nach vom einen Ende des Himmels bis zum andern Ende: Hat sich je etwas so Großes ereignet wie dieses, und hat man je solche Worte gehört? Hat je ein Volk einen Gott mitten aus dem Feuer im Donner sprechen hören, wie du ihn gehört hast, und ist am Leben geblieben? Oder hat je ein Gott es ebenso versucht, zu einer Nation zu kommen und sie mitten aus einer anderen herauszuholen unter Prüfungen, unter Zeichen, Wundern und Krieg, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm und unter großen Schrecken, wie es der Herr, euer Gott, in Ägypten mit euch getan hat, vor deinen Augen? Heute sollst du erkennen und dir zu Herzen nehmen: Jahwe ist der Gott im Himmel droben und auf der Erde unten, keiner sonst. Daher sollst du auf seine Gesetze und seine Gebote, auf die ich dich heute verpflichte, achten, damit es dir und später deinen Nachkommen gut geht und du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt für alle Zeit. (Dtn 4,32-34. 39-40)

Es gibt da einen ganz bissigen Witz. Der ist eigentlich so bissig', dass ich ihn gar nicht weitererzählen sollte. Aber irgendwo ist er auch genial. Und deshalb erzähl' ich ihn immer wieder...

Manche von Ihnen werden ihn sicher bereits kennen - es geht nämlich um den Unterschied zwischen einem Psychologen, einem Philosophen und einem Theologen. Und dieser Witz sagt nun:

Ein Psychologe der sei wie jemand, der in einem großen, dunklen, schwarzen Zimmer eine schwarze Katze suchen würde.

Ein Philosoph, der wäre dann wie jemand, der in einem großen, dunklen, schwarzen Zimmer eine schwarze Katze suchen würde, die gar nicht da ist.

Und ein Theologe, ein Theologe sei wie jemand, der in einem großen, dunklen, schwarzen Zimmer eine schwarze Katze suchen würde, die gar nicht da ist, aber dann ruft: "Ich hab' sie gefunden!"

Liebe Schwestern und Brüder,

ein wirklich bissiger Witz, und einer von der Sorte, wie sie Theologen eigentlich nur schwer über die Lippen gehen. Aber irgendwo ist er dennoch genial. Er benennt nämlich einen Fehler, den Theologen ganz häufig an sich haben - und den benennt er messerscharf.

Dieses "Ich hab's gefunden!" das hört man in der Theologie nämlich nur allzu oft. Auf die Fragen, wer dieser Gott ist, und vor allem, wie ist er, auf diese Fragen findet der Theologe meistens nämlich sehr schnell eine glasklare und großartig durchdachte, alles umfassende und unangreifbare Antwort. Nur allzu oft sind solche Antworten so umfassend und so glasklar, dass man gleichsam hindurchschauen kann, und dahinter dann gar nichts mehr sieht.

Am Dreifaltigkeitssonntag wird das für mich ganz besonders deutlich. Ich brauche mir nur die Formulierung von den drei Personen in dem einen göttlichen Wesen anzuschauen, mit dem die Theologen der ausgehenden Antike das Geheimnis Gottes in Worte zu kleiden versuchten. Obwohl kein Mensch wirklich versteht, was das am Ende bedeuten soll, kann ich mir gut vorstellen, wie manche Kirchenväter damals in der Gefahr standen, tatsächlich zu glauben, dass sie es jetzt hätten, dass diese Formulierung, die sie nach langem Ringen nun gefunden hatten, dass die nun tatsächlich sagen würde, wie dieser Gott ist und wie man ihn denken könnte.

Bei solchen Formeln denke ich dann manchmal an diesen bissigen Witz. Das ist, als ob jemand "Ich hab's gefunden!" rufen würde, und dabei lediglich eine Formulierung in Händen hält, die genau genommen ein Spiel mit Worten bedeutet, Worten, die vielleicht erahnen lassen, was dahinter verborgen sein könnte, die aber für sich genommen unverständlich und daher im Letzten auch nichtssagend bleiben.

Das ist der Punkt, den jener Witz tatsächlich messerscharf entlarvt. Er entlarvt, dass Theologie häufig den Eindruck erweckt, viel mehr gefunden zu haben, als sie tatsächlich in Händen hält, viel mehr zu wissen, als sich überhaupt denken lässt.

Mit einer Aussage dieses Witzes aber kann ich trotzdem nicht mit. Denn auch wenn das stimmt, auch wenn Theologie oftmals ins Leere greift, und häufig mit leeren Händen vor all den Rätseln steht, daraus zu folgern, dass am Ende auch gar nichts zu finden wäre, dass gar nichts da sei, was wirklich gefunden werden könnte, das geht mir dann doch entschieden zu weit.

Wenn ich mich auf die Suche nach Gott begebe, dann lässt sich nämlich etwas finden. Man muss es nur richtig anstellen. Und wie man es anstellen kann, das sagt uns recht plastisch die Lesung, die wir eben gehört haben.

"Forsche doch einmal nach!" sagt Mose zu seinem Volk, "Forscht nach in den Zeiten, die hinter uns liegen. Schaut, doch ganz einfach hin, was wir erfahren haben, was sich ereignet hat, und was unter uns geschehen ist."

Das scheint mir die beste Anleitung zu sein, um wirklich etwas von diesem Gott zu entdecken. Schaut hin, was sich ereignet hat und jetzt ganz einfach im eigenen Leben. Forschen wir nach in den zurückliegenden Jahren, in den vergangenen Tagen. Schauen wir uns unser eigenes Leben an.

Denken wir an Menschen, die uns geschenkt wurden, die von Anfang an für uns sorgten, vom ersten Tag unseres Lebens an. Denken wir an Freunde, die uns begegnet sind, Menschen, die in der Vergangenheit bereits mit uns durch dick und dünn gegangen sind. Denken wir an viele Entscheidungen, die schon hinter uns liegen, an Tage und Stunden, in denen wir dagestanden haben und nicht wussten, wie es weitergehen sollte. Tage und Stunden, von denen wir jetzt vielleicht sogar sagen dürfen, dass wir uns instinktiv, irgendwie halt für das Richtige entschieden haben.

Forschen wir nach!

Sooft ich es tue, und je länger ich es tue, desto mehr kann ich spüren wie das, was ich da entdecke, immer wieder zusammengeht, mit dem, was Mose seinem Volk erklärt hat: Hast Du denn nicht gespürt, dass Du in all diesen Entscheidungssituationen nicht allein gelassen warst? Hast Du im Nachhinein nicht gespürt, dass Dir ein Gott zur Seite stand, der Dich insgeheim geführt hat. Selbst dann, wenn das manchmal auch schmerzhaft war? Hast Du nicht gespürt, dass Dir in den Menschen immer auch dieser Gott begegnete, dieser Gott, der es gut mit Dir meint, der sich um Dich sorgt und sich um Dich kümmert? Hast Du nicht gespürt, dass Du nie allein, nie ganz auf dich selbst geworfen warst?

Forschen wir nach, und vielleicht entdecken auch wir, was Mose bei seinen Forschungen in seiner Geschichte und der Geschichte seines Volkes feststellen konnte: "Hat man denn je von einem Gott gehört, der sich so um Menschen kümmert!"

Mit den Mitteln der Wissenschaft lässt sich dieser Gott nicht greifen, mit dem Verstand lässt er sich schwerlich erfassen. Beim Nachforschen aber in meiner eigenen Geschichte, da kann ich etwas von ihm entdecken, ich kann zumindest die Spuren seines Wirkens entdecken, die Spuren, die er in meinem Leben hinterlassen hat.

Wo aber Spuren hinterlassen werden, dort ist auch jemand da, jemand, der für diese Spuren verantwortlich ist. Wenn ich Spuren entdecken kann, dann weiß ich auch, dass jemand im Raum ist, der diese Spuren hinterlässt.

Und wenn ich die Spuren dieses Gottes in meinem Leben entdecke, wer weiß, vielleicht habe ich ihn am Ende dann ja auch schon gefunden...

(gehalten am 17./18. Juni 2000 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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