Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

Christkönigssonntag - Lesejahr B (Joh 18, 33b-37)

In jener Zeit fragte Pilatus Jesus: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben es dir andere über mich gesagt? Pilatus entgegnete: Bin ich denn ein Jude? Dein eigenes Volk und die Hohenpriester haben dich an mich ausgeliefert. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier. Pilatus sagte zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme. (Joh 18, 33b-37)

Also auf den einen Satz wäre es jetzt auch nicht mehr angekommen; den hätte man im heutigen Evangelium nicht weglassen müssen. Noch ein Satz nämlich, und dann wäre dieses Gespräch zwischen Jesus und Pilatus sowieso zu Ende gewesen.

Aber vielleicht wollte man Pilatus nicht das letzte Wort überlassen. Denn der hatte die Lust an diesem Gespräch offenbar spätestens nach den letzten Ausführungen jenes Jesus von Nazareth völlig verloren. Und mit seinem berühmten Satz: "Was ist Wahrheit" beendet er dann auch dieses Gespräch mit dem "König der Juden" ganz rasch.

Liebe Schwestern und Brüder,

damit ist dieses Gespräch nämlich auch tatsächlich am Ende. Pilatus fragt ja nicht, weil er weitere Informationen möchte. Ihn interessiert schließlich nicht, von welcher Wahrheit dieser Jesus spricht. Er fragt auf eine Art und Weise, die eigentlich keine Antwort erwartet, sondern vielmehr so nach dem Motto: Was soll das schon sein, Wahrheit! Und für ihn gibt es deshalb wohl auch keinen Grund mehr, sich mit diesem Jesus weiter zu unterhalten.

'Noch so ein Spinner, der glaubt, irgendeine Wahrheit gepachtet zu haben, als ob es so etwas gäbe.'

Pilatus hat da übrigens gar nicht einmal so unrecht. Er wird in seinem Leben schon zu oft Menschen begegnet sein, die felsenfest davon überzeugt waren, dass allein sie und niemand anders die Wahrheit kennen würden. Er hatte wohl gelernt sich vor solchen Menschen zu hüten.

Und hüten Sie sich auch vor ihnen! Hüten Sie sich vor Menschen, die vorgeben, die Wahrheit zu kennen oder gar diese Wahrheit für sich gepachtet zu haben! Als ob man Wahrheit, wie einen Besitz mit sich herumtragen könnte.

Es geht nie darum, wer die Wahrheit hat. Nicht einmal darum was die Wahrheit ist. Denn was soll das schon für eine Wahrheit sein, die jemand zu kennen glaubt. Das Leben ist so komplex, dass es kaum ewige Wahrheiten geben kann. Die Frage nach dem "Was?", ist demnach eigentlich immer zum Scheitern verurteilt. Es geht nicht darum, nach dem "Was?" zu fragen, was Wahrheit sei. Eigentlich geht es um die Frage nach dem "Wer?"

Wer ist die Wahrheit?

Und das hatte Pilatus offenbar nicht verstanden. Jesus sprach nicht davon, was wahr sei, er sprach davon wer die Wahrheit ist!

Gott ist die Wahrheit. Und das ist die Botschaft Jesu.

Wahrheit ist nämlich keine Sache, Wahrheit ist eine Person - nämlich Gott. Und man kann diese Wahrheit deshalb gar nicht finden, wenn man sie wie eine Sache sucht. Jesus macht uns klar, dass Wahrheit immer nur im Dialog zu begreifen ist, in der Auseinandersetzung mit diesem Gott. Was hältst Du, mein Gott, für diesen Augenblick und in dieser Situation für wahr und richtig.

Und damit wird von vorneherein auch klar, dass man Wahrheit nicht besitzen kann. Ich kann sie immer nur suchen.

Und ich kann mir helfen lassen. Ich kann mir bei dieser Suche helfen lassen, von Menschen nämlich, die auch suchen. Wir können gemeinsam nach dieser Wahrheit fragen, die Gott für uns ist. Immer im Bewusstsein, dass es sie täglich neu zu entdecken gilt.

Dafür legt Jesus Zeugnis ab: Gott ist die Wahrheit und ihn gilt es täglich neu zu entdecken.

Deshalb sollten auch wir uns durchaus hüten, vor denen, die vorgeben, die Wahrheit nicht nur schon gefunden sondern gar für sich gepachtet zu haben. Meist sind das Scharlatane. Vor ihnen gilt es sich zu hüten.

Auf seine Stimme aber, auf Jesu Stimme, auf sie sollten wir hören.

Amen.

(gehalten am 25. November 2012 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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