Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

30. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Mk 10,46-52)

In jener Zeit, als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg. (Mk 10,46-52)

"Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer.

Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen.

Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein.

Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht's mir wirklich. -

Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er "Guten Tag" sagen kann, schreit ihn unser Mann an: "Behalten Sie sich Ihren Hammer, Sie Rüpel!"

Liebe Schwestern und Brüder,

von Paul Watzlawick stammt diese Geschichte. Und er erzählt sie in seinem Büchlein "Anleitung zum Unglücklichsein".

Und so komisch sie auch ist, so witzig und humorvoll sie geschrieben ist, sie ist bitterer Ernst! Denn wie viele Dinge in unserem Leben gehen eben deshalb schief, weil wir genau so handeln, wie in dieser Geschichte beschrieben: Weil wir sowieso schon wissen, wie der andere reagieren wird, weil wir uns alles, was der gegen uns haben könnte, einreden und weil wir dem anderen gar keine Chance mehr geben, aus den Schubladen, in die wir ihn gesteckt haben, wieder herauszukommen.

Anleitung zum Unglücklichsein, nennt Watzlawick sein Buch. Und er hat völlig recht. Denn so kann man eigentlich nur unglücklich werden. Wer immer nur das Schlechteste erwartet, dem Anderen gar keine Chance gibt, das Gegenteil zu beweisen, wer nicht mit dem anderen redet und nicht einmal den Mund aufmacht, um zu sagen, was er eigentlich erwartet oder sich erwünscht, auf den kann man gar nicht eingehen, den kann man eigentlich nur enttäuschen, und der kann am Ende eigentlich auch nur unglücklich zurück bleiben. Um unglücklich zu sein, ist das das allerbeste Rezept.

Das heutige Evangelium müsste dann im Gegensatz dazu die Überschrift "Anleitung zum Glücklichsein" tragen.

Und das, obschon Bartimäus letztlich allen Grund zum Unglücklich-Sein hat. Er war Blind, und darüber hinaus auch noch unbedeutend und unscheinbar, so dass er in der Masse im Grunde zwangsläufig untergehen musste.

Und er hätte sein Unglück jetzt durchaus konservieren können. Er hätte sich einreden können, dass dieser Jesus von Nazareth sowieso kein Auge für ihn haben würde, dass er ihm sicher auch gar nicht helfen könne, dass auf einen wie er ganz selbstverständlich kein Mensch achtet und es auch dieses Mal mit dem Gesund-werden ganz scher nicht klappen würde, alles sowieso keinen Zweck habe, das Leben ungerecht sei und er von jeher zu den Verlierern gehöre.

Er hätte sich all dies sagen können, und er hätte sogar recht behalten, denn nichts, absolut nichts wäre dann passiert. Er hätte einzig und allein sein Unglück konserviert.

Anleitung zum Glücklichsein möchte ich diesen Evangelienabschnitt überschrieben wissen. Denn Bartimäus macht all das nicht. Er macht den Mund auf!

Das allem voran. Und damit macht er schon einmal das allerwichtigste. Und wie oft würde ich mir wünschen, dass Menschen seinem Beispiel folgen. Gott hat uns einen Mund gegeben, den müssen wir auch gebrauchen!

Wie viele Missverständnisse, wie viele Unstimmigkeiten, wie viel Leid zwischen Menschen, hat seinen Grund einzig und allein darin, dass Menschen nicht miteinander reden! Und wie viele Erwartungen, wie viele Wünsche auf dieser Welt bleiben auf ewig unerfüllt, weil keiner von ihnen erfährt.

Nicht wahr, niemandem sagt man, dass man einen runden Geburtstag hat oder ins Krankenhaus muss, weil sich ja sowieso sicher keiner dafür interessiert. Und dann wundern wir uns, dass niemand anruft, uns niemand besucht und keiner sich um einen kümmert - und wir fühlen uns am Ende dann auch noch darin bestätigt, dass es genauso gekommen ist, wie wir befürchtet haben.

Dabei müssten wir manchmal einfach nur den Mund aufmachen, reden, sagen was wir denken, was wir fühlen und was uns wichtig ist. Manche Wünsche, müssen nur ausgesprochen werden, damit man darum weiß und sie auch erfüllen kann.

Wie viele Ehen, wie viele Partnerschaften, sähen anders aus, wenn mehr miteinander geredet worden wäre, wie viel Auseinanderleben hätte dadurch verhindert werden können. Und wie viel haben wir selbst davon in der Hand!

Bartimäus ist eines der besten Beispiele. Schauen Sie sich ihn an. Er weiß, dass er den Anfang machen muss. Und deshalb sagt er auch laut und deutlich, was er möchte. Er gibt damit Jesus die Chance, darauf zu reagieren, und weiß nicht schon im vorhinein, dass der ihm sowieso nicht helfen wird.

Und er ist damit eines der wichtigsten Vorbilder, für alle Menschen und für alle Zeiten. Er macht den Mund auf!

Und er wartet auch nicht auf die anderen, wartet nicht darauf, bis ihn andere dazu ermutigen. Da könnte er nämlich lange warten!

Wie lebensnah wird das doch im Evangelium geschildert. Anfangs halten ihn alle ja sogar noch davon ab. Mut machen sie ihm erst, als er schon längst selbst angefangen hat, das richtige zu tun: Nämlich zu sagen, was er braucht, um Hilfe zu bitten, wo sie nötig ist, und nicht darauf zu warten, dass es irgendjemand schon irgendwie sehen oder merken wird.

Bartimäus hat den Mund aufgemacht. Er hat geredet. Und er gibt uns damit - vielleicht kein Rezept zum Glücklichsein; ja, zugegeben, es ist vermutlich noch keine allumfassende Anleitung, um immer glücklich sein zu können. Auch auf diesem Weg bleiben einem Enttäuschungen und Verletzungen nicht erspart.

Aber eines ist dieses Vorbild des Bartimäus ganz sicher: Es ist eine Anleitung, um uns manches Unglücklichsein, um manche Niedergeschlagenheit, die nur wir selbst verhindern können, um uns manches Unglücklichsein von vorneherein zu ersparen.

(gehalten am 28. Oktober 2006 in der Pauluskirche Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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