Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

28. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Mk 10,17-27)

In jener Zeit lief ein Mann auf Jesus zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen. Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter! Er erwiderte ihm: Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt. Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach! Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen. Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Sie aber erschraken noch mehr und sagten zueinander: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich. (Mk 10,17-27)

Jetzt hat er sich ein Leben lang gemüht, jetzt hat er doch alles erfüllt, hat alle Gebote gehalten und untadelig gelebt. Und jetzt fehlt ihm nur noch eine einzige Sache - und da gibt er auf!

Liebe Schwestern und Brüder,

gut, dass bei dieser Forderung Jesu alles zu verkaufen und zu verschenken fast jeder von uns die Flinte ins Korn geworfen hätte, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Aber dieser Mann ist schließlich nicht jeder!

Es wird ja wohl keiner glauben, dass der Weg der Gebote, den er jetzt schon ein Leben lang gegangen ist, ein Zuckerschlecken war. Der hat sich Entbehrungen auferlegt noch und nöcher, hat jeden Fasttag gehalten, war immer in der Synagoge, hat jedes der unzähligen Gebote befolgt und sich keinen Ausrutscher geleistet, nie einen Schlag über die Stränge getan und sich keine Leichtsinnigkeiten erlaubt.

Und jetzt, jetzt, da ihm nur noch ein einziges fehlt, da gibt er auf?

Wissen Sie was ich glaube? Ich glaube nicht, dass er zu reich gewesen ist, dass er jetzt ausgerechnet so verliebt in seinen Besitz gewesen war, um so kurz vor dem Ziel einen Rückzieher zu machen. Ich kann nicht glauben, dass ausgerechnet dieser Mann, wegen der paar Moneten die ewige Seligkeit aufs Spiel setzt. Ich glaube vielmehr, dass er eines zu ahnen begonnen hat.

Nehmen wir an, er wäre hingegangen und hätte sein ganzes Vermögen verkauft, er hätte es den Armen gegeben. Er wäre dann zu Jesus gegangen und hätte ihm gesagt: "So, das habe ich jetzt auch noch getan. Ist denn jetzt alles erledigt?"

Ich bin mir ziemlich sicher, dass er zu ahnen begonnen hat, was Jesus ihm darauf geantwortet hätte: "Sehr schön," hätte Jesus gesagt, "aber eines fehlt dir noch!" Und wenn er das auch noch getan hätte, dann wäre da sicher noch was anderes gewesen, und dann wieder etwas.

Ich glaube nicht, dass der Tag gekommen wäre, an dem Jesus gesagt hätte: Ja, jetzt ist alles gut, jetzt hast du dir den Himmel verdient.

Um alles zu tun, reicht alles zu tun noch lange nicht aus. Das ist nämlich das Los von uns Menschen: dass wir unvollkommen sind, und - egal wie wir uns anstrengen - dass wir nie vollkommen werden. Wir sind Menschen und Menschen haben Fehler, haben Stärken, haben aber auch unendlich viele Schwächen. Wir wären höchstens ein bisschen vollkommen. Aber ein bisschen vollkommen, das ist genauso unsinnig, wie ein bisschen schwanger oder ein bisschen tot.

Vollkommen ist nur, wer wirklich vollkommen ist. Dann aber ist er kein Mensch mehr.

Das wird vor allem dann deutlich, wenn Sie Menschen anschauen, die es fast geschafft haben, die für unsere Begriffe ganz besonderes Vorbilder sind - Menschen, die unheimliches in ihrem Leben geleistet, die großartig gelebt haben: Heilige etwa.

Wenn Sie deren Lebensbeschreibungen lesen, wenn Sie sich in ihre Aufzeichnungen vertiefen, es wird ihnen fast durchgängig auffallen, dass vor allem die, die für unsere Vorstellungen am Vollkommensten waren, dass gerade sie ein immer größer werdendes Gespür dafür entwickelten, wie viel ihnen eigentlich noch fehlt. Die, die es am ehesten waren, die wussten am meisten darum, dass sie vollkommen nie werden würden.

Was der Mann aus dem heutigen Evangelium im Sinn hatte, das war von Anfang an unsinnig. Er wollte alles aus eigener Vollkommenheit heraus bewerkstelligen. Das aber funktioniert nicht. Jesus macht dies klar. Und ich glaube, irgendwo hat der Mann das jetzt auch begriffen.

Es wäre ihm zu wünschen, denn wenn er es begriffen hat, dann hat er das Leben, um das er sich ein Leben lang gemüht hat, wirklich gewonnen; denn dann hat er erkannt, dass er sich genau dieses Leben, das vollkommene, das ewige Leben, dass er sich dieses Leben eben nicht verdienen - dass man es sich von diesem Gott aus unendlicher Liebe nur schenken lassen kann.

Amen.

(gehalten am 12. Oktober 2003 in der Peterskirche, Bruchsal)

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