Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

28. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Mk 10,17-30)

In jener Zeit lief ein Mann auf Jesus zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen. Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter! Er erwiderte ihm: Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt. Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach! Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen. Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Sie aber erschraken noch mehr und sagten zueinander: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich. (Mk 10,17-30)

Liebe Schwestern und Brüder,

Wie bekommt man ein Kamel durch ein Nadelöhr?

Nun, es gibt im Grunde genommen nur zwei Möglichkeiten: Entweder man macht das Kamel kleiner oder das Nadelöhr eben größer. Und genau das ist es auch, was heute immer wieder versucht wird - zumindest von einer beträchtlichen Anzahl von Exegeten. Wenn Sie in Kommentaren zur heutigen Evangelienstelle blättern, dann finden Sie immer wieder solche Versuche:

zum Beispiel das Kamel eben kleiner zu machen. Man findet dann etwa die Erklärung, dass das Kamel eigentlich ja gar kein Kamel sei. Wir hätten es hier nämlich mit einer halbschiefen Übersetzung zu tun. Im Neuen Testament, das ja auf Griechisch abgefasst wurde, sei der aramäische Ausdruck, den Jesus hier verwendet habe, einfach falsch übersetzt worden. Das eigentliche aramäische Wort würde nämlich gar nicht Kamel, sondern soviel wie dickes Seil, großes Tau bedeuten. Und damit hätten wir dann kein Kamel mehr, das durch ein Nadelöhr müsse, sondern eben nur noch ein dickes Seil, ein Tau eben; das am Ende natürlich auch nicht durch ein Nadelöhr hindurch passt.

Oder sie können lesen, dass es hier gar nicht um ein Nadelöhr gehe. Jesus habe gar nicht die Öffnung einer Nadel im Blick gehabt. Es hätte vielmehr in Jerusalem ein kleines Tor gegeben, das im Volksmund Nadelöhr genannt worden wäre. Und durch diese Pforte hätte ein Kamel halt nicht hindurch gepasst.

Aber all diese Versuche führen lediglich zu der Feststellung, dass ein Kamel eben nicht durch ein kleines Tor passt, oder dass man ein Seil halt nicht in ein Nadelöhr einfädeln kann. Das klingt jetzt vielleicht nicht mehr ganz so befremdlich, wie der Satz, den sie alle aus dem Evangelium kennen, nur gewonnen ist mit diesen Erklärungen eigentlich kaum etwas. Denn das Kamel passt immer noch nicht durch das Tor und das Seil geht auch nicht durch das Nadelöhr. All diese Harmonisierungsversuche ändern nichts an der Tatsache, dass Jesus von etwas spricht, was einfach unmöglich ist.

Wir können es daher ruhig beim Kamel und beim Nadelöhr bewenden lassen, denn wie wir es auch drehen oder wenden, das Ergebnis ist immer das gleiche: Es geht halt nicht durch.

Und genau das will diese Evangelienstelle auch zum Ausdruck bringen. Und sie tut es mit diesem absurden Vergleich vom Kamel und vom Nadelöhr. Und sie tut es deshalb, weil die Sache von der sie handelt kein bisschen weniger absurd ist. So absurd wie dieser Vergleich, so absurd ist nämlich der Gedanke, dass wir ins Reich Gottes gehen könnten. Der junge Mann, der Jesus im heutigen Evangelium mit der Frage löchert, was er denn alles tun müsse, um es zu schaffen, um ins Reich Gottes hineingehen zu können, der muss sich von Jesus ganz drastisch erklären lassen, dass er machen kann was er will. Er kann machen was er will, um sich den Himmel zu verdienen; es wird nie genug sein. Aus eigener Kraft, wird keiner ins Reich Gottes hineingehen. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass so etwas geschieht. Machbar ist das nämlich nicht.

Das Reich Gottes kann ich mir nicht erarbeiten. Es ist weder der Lohn für noch so viele gute Taten, noch das Ergebnis eines guten Lebens und auch nicht die Folge von Gebotserfüllung. Das Reich Gottes erhält man einzig und allein als Geschenk. Bezahlen könnte man diesen Wert mit keiner noch so großen Leistung und keinem Gut der Welt.

All diejenigen, die sich gemeinhin nichts schenken lassen, werden sich schwer tun mit diesem Gedanken. Und doch führt kein Weg daran vorbei.

Das will uns das heutige Evangelium unmissverständlich und in einer Klarheit, die nichts zu wünschen übrig lässt, deutlich machen. Das Reich Gottes gibt es weder zu kaufen, noch zu erleisten. Ich kann es mir nicht einmal erarbeiten. Auf eigenen Füßen komme ich da nicht hinein. Man erhält es geschenkt oder gar nicht.

Und jetzt die gute Nachricht: Jesus will es uns schenken!

Amen

(gehalten am 15. Oktober 2000 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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