Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

25. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Mk 9,30-37 mit Jak 3,16-4,3)

Brüder! Wo Eifersucht und Ehrgeiz herrschen, da gibt es Unordnung und böse Taten jeder Art. Doch die Weisheit von oben ist erstens heilig, sodann friedlich, freundlich, gehorsam, voll Erbarmen und reich an guten Früchten, sie ist unparteiisch, sie heuchelt nicht. Wo Frieden herrscht, wird von Gott für die Menschen, die Frieden stiften, die Saat der Gerechtigkeit ausgestreut. Woher kommen die Kriege bei euch, woher die Streitigkeiten? Doch nur vom Kampf der Leidenschaften in eurem Innern. Ihr begehrt und erhaltet doch nichts. Ihr mordet und seid eifersüchtig und könnt dennoch nichts erreichen. Ihr streitet und führt Krieg. Ihr erhaltet nichts, weil ihr nicht bittet. Ihr bittet und empfangt doch nichts, weil ihr in böser Absicht bittet, um es in eurer Leidenschaft zu verschwenden. (Jak 3,16-4,3)

In jener Zeit zogen Jesus und seine Jünger durch Galiläa. Jesus wollte aber nicht, dass jemand davon erfuhr; denn er wollte seine Jünger über etwas belehren. Er sagte zu ihnen: Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert, und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen. Aber sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch, ihn zu fragen. Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr unterwegs gesprochen? Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei. Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen: Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat. (Mk 9,30-37)

Mir fehlen die Worte!

Liebe Schwestern und Brüder,

angesichts der nun fast weltweiten Proteste in der sogenannten islamischen Welt, angesichts der Demonstrationen und der Eskalation von Gewalt stehe ich einfach nur sprachlos da.

Ist das möglich, dass ein einfaches, saublödes Video solch eine Massenhysterie auslösen kann? Da sterben Menschen, weil irgendwo auf der Welt einer, der wohl nicht ganz dicht ist, einen unterbelichteten Film produziert hat! Wie deswegen plötzlich Hunderte, ja Tausende auf die Straßen gehen können und solch eine Gewalt freigesetzt wird, das ist etwas, was all mein Verstehen völlig übersteigt.

Da müssen wohl überall auf der Welt einzelne nur darauf warten, dass sich wieder einmal ein - wenn auch noch so kleiner - Anlass findet, über den man sich aufregen kann, um eine ungeheure Maschinerie in Bewegung zu setzen, deren Wurzeln einzig und allein in Verblendung und Hass gründen können. Das ist verabscheuungswürdig und mit keiner Religion der Welt und erst recht nicht mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Christen, Juden und Muslime in gleicher Weise verehren zu rechtfertigen. Solch ein Fanatismus und solch ein völliges Missverstehen dessen, was dieser Gott wirklich will, macht mich sprachlos und unendlich traurig.

Aber nicht minder entsetzt es mich, dass Menschen meinen, in dieses Feuer auch noch Öl gießen zu müssen. Wenn da welche nun durchsetzen wollen, diesen Film auch bei uns öffentlich aufführen zu können, aus reiner Provokation, nur um andere zu verletzen und am Ende noch mehr Gewalt zu produzieren, dann macht mich das wütend. Und erst recht halte ich sie für Lumpen, weil sie sich erdreisten das auch noch mit dem Namen "Pro Deutschland" zu verknüpfen, weil sie damit auch mich und unser ganz Land verunglimpfen und in Misskredit bringen.

Schämen aber, schämen tue ich mich, weil es Christen waren, die diesen Film produziert haben, weil er sich Christ - gar noch christlicher Pastor - nennt, jener Hassprediger, dem jetzt - Gott sei Dank- die Einreise nach Deutschland verweigert worden ist. Schämen tue ich mich, weil es Menschen gibt, die meinen im Namen Jesu Christi, Hass und Unfriede stiften zu müssen.

Das hat mit Christsein nichts zu tun. Das hat mit Eifersucht und Ehrgeiz zu tun, mit böser Absicht und Heuchelei - der Jakobusbrief aus dem Neuen Testament bringt es heute ganz klar auf den Punkt.

Die Weisheit Gottes aber handelt anders, ihr geht es immer auch um den Frieden, und darum, dass Frieden gestiftet wird. Wie können Menschen auf die Idee kommen, dass es im Sinne des Gekreuzigten sei, Menschen anderen Glaubens zu beleidigen, ihren Glauben zu verunglimpfen und abfällig zu behandeln.

Jesus von Nazareth hat Andersgläubige immer respektvoll behandelt. Er hat seinen eigenen Glaubensgenossen den fremden Samariter, um den man als gläubiger Israelit einen weiten Bogen zu machen pflegte, gar als leuchtendes Vorbild vor Augen gestellt. Er hat das Verstehen und das Vorleben gepredigt, nie die Rechthaberei und erst recht nicht die Gewalt.

Bildet man sich denn wirklich ein, dieser Jesus würde irgendwelchen Stammtischparolen Beifall klatschen? Was glaubt man denn, was er dazu sagen, zu all den Argumenten etwa, die jedes Mal beim Bau einer neuen Moschee etwa wieder ausgebreitet werden: Man könne hier gerne Moscheen bauen, wenn die Christen in der Türkei oder sonstwo im Orient endlich uneingeschränkt Kirchen errichten dürften.

Man kennt solche Sätze ja. Und sie mögen noch so oft wiederholt werden. Mit Jesus Christus haben sie nichts zu tun - auf ihn kann man sich dabei zuletzt berufen. Jesus hat nicht gepredigt, dass wir anderen Gutes tun sollen, wenn die endlich auch damit beginnen, uns Gutes zu tun.

Die "Goldene Regel", dieses, "Was Du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem anderen zu!" mag für andere Menschen ausreichend sein. Ein Christ wird nie dabei stehen bleiben können.

Es geht nicht darum, nicht zu tun, was andere auch nicht tun sollen. All das, was ihr von anderen erwartet, sagt dieser Jesus, all das, das tut auch ihnen. Und zwar noch bevor sie es tun, selbst ohne dass sie es tun, bedingungslos, nicht mit Aufrechnen wie bei einem Geschäft, sondern aufgrund tiefer Überzeugung: aufgrund der Überzeugung, dass Gottes Weisheit mit Friede und Freundlichkeit einhergeht, voll Erbarmen und reich an guten Früchten ist, unparteiisch und ohne zu heucheln. Aufgrund der Überzeugung, dass dies genau der Weg ist, den dieser Jesus von Nazareth gegangen ist, dass er um dieser Überzeugung willen selbst den eigenen Tod auf sich genommen hat, und dass es für jemanden, der ihm folgen möchte, keinen anderen Weg geben kann.

Der Weg eines Christen kann mit Verunglimpfung und Provokation nie etwas zu tun haben, Christen sind Menschen, die anderen die Hände reichen. Der Weg eines Christen ist ein Weg des Friedens, selbst dort wo andere Gewalt säen.

Selbstverständlich - für Christen sollte das eigentlich selbstverständlich sein.

Amen.

(gehalten am 22./23 September 2012 in den Kirchen der Pfarrei St. Peter, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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