Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

24. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Jak 2,14-18)

Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten? Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und ohne das tägliche Brot und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen - was nützt das? So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat. Nun könnte einer sagen: Du hast Glauben, und ich kann Werke vorweisen; zeig mir deinen Glauben ohne die Werke, und ich zeige dir meinen Glauben aufgrund der Werke. (Jak 2,14-18)

Kennen Sie das auch? Sie fragen einen Freund um Rat und erhalten eine Antwort. Und dann fragen Sie noch einen zweiten und der sagt Ihnen genau das Gegenteil.

So was gibts. Und so etwas gibt es nicht nur im realen Leben, so was gibts auch in der Bibel.

Liebe Schwestern und Brüder,

Sie brauchen nur Paulus zu fragen. Fragen Sie ihn: "Was muss ich denn tun!" Und er wird ihnen antworten: "Glaube nur! Durch die Werke wird niemand vor Gott gerecht. Nur gerecht gemacht aus Glauben haben wir Frieden mit Gott!"

Und dann gehen Sie zu Jakobus, dem anderen Apostel. Und Sie hören das genaue Gegenteil! "Was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?"

Zwei Apostel und zwei solch unterschiedliche, ja geradezu entgegengesetzte Antworten - so unterschiedlich, dass Luther etwa den Jakobusbrief, der doch so offensichtlich das genaue Gegenteil sagte, wie der Apostel Paulus, als strohene Epistel bezeichnete.

Wie kann es auch angehen, dass in der Heiligen Schrift an einer Stelle steht: "Allein der Glaube und nur der Glaube macht den Menschen vor Gott gerecht" - und ein paar Seiten später heißt es dann: "Der Glaube allein reicht nicht."

Wer hat jetzt recht? Woran soll man sich halten?

Nun, vielleicht ist es gar nicht so kompliziert, wie es auf den ersten Blick aussehen mag. Mittlerweile sind wir schließlich in einer etwas besseren Situation, als es noch Martin Luther war. In den vergangenen Jahrzehnten ist schließlich viel geforscht worden und manches über die Entstehung der biblischen Bücher ans Tageslicht gekommen. Wir können mittlerweile abschätzen, wann und manchmal auch unter welchen Umständen die Briefe des neuen Testamentes zum Beispiel entstanden sind. Und die Situation in die sie hineinsprechen, die lässt sich da und dort auch bis zu einem gewissen Grad erheben.

Dadurch aber wird manches etwas klarer. Und auch, was auf den ersten Blick wie ein regelrechter Widerspruch erscheinen mag, zeigt sich dann als durchaus nachvollziehbare Entwicklung.

Als Paulus seine Briefe schrieb kämpfte er vor allem mit Gegnern, die von der alten Vorstellung geprägt waren, dass das Gesetz dem Menschen den Zugang zu Gottes Reich eröffnen würde. In manchen Kreisen des Judentums etwa herrschte die Vorstellung, dass das Reich Gottes sofort beginnen würde, wenn alle Menschen nur einen Tag lang alle Gebote Gottes halten würden.

Dagegen geht Paulus an. So zu denken, das hieße ja, nur auf den Menschen zu vertrauen. Es geht dann ja nur noch darum, dass ich die Gebote halte. Und wenn ich das tue, dann habe ich mir ja auch meinen Lohn verdient, dann hat mir Gott ja auch gefälligst die ewige Seligkeit dafür zu geben.

So geht das nicht, sagt Paulus. Wer auf sich vertraut, wer darauf baut, sich das Reich Gottes zu verdienen, der wird zwangsläufig Schiffbruch erleiden.

Das Reich Gottes erhalten wir nämlich nur von Gott. Und der schenkt es uns. Und zwar weil er es will, weil er uns liebt und weil wir ihm wichtig sind - nicht etwa, weil wir es uns verdient hätten. Das einzige, was wir tun können, ist, ihm diese Liebe zu glauben. Und dieser Glaube ist demnach auch das einzige, was es braucht. Mehr können wir nämlich auch gar nicht tun.

Soweit Paulus.

Der Jakobusbrief entstand jetzt einige Jahrzehnte später. Und er entstand in einer ganz anderen Situation; im wahrsten Sinne des Wortes, in einer anderen Generation. Jetzt ging es offenbar nicht mehr darum, dass Menschen sich zu sehr ans Gesetz klammerten und meinten, sich durch übertriebene Gebotsbefolgung das Himmelreich verdienen zu müssen. Das Gegenteil war wohl der Fall.

"Gott schenkt uns ja alles," sagte man sich, "wir müssen ja nur glauben, warum soll ich dann überhaupt noch etwas tun. Lassen wir uns die Seligkeit schenken, genießen wir das Leben und lassen wir den lieben Gott 'nen guten Mann sein." So scheinen die Menschen gedacht zu haben, an die sich der Jakobusbrief richtet.

Und dieser Brief macht nun ganz deutlich, dass es so ja wohl nicht sein kann. Wenn ich mich nur auf die faule Haut lege und mich das Schicksal der Menschen weder rührt noch kümmert, ob man da wirklich von "Glauben" sprechen kann, da sind ja Fragezeichen durchaus angebracht.

Und auf diesem Hintergrund wird der Einwand des Jakobusbriefes zu einem ganz wichtigen Korrektiv. Hier geht es nicht darum, dass zwei Größen der frühen Christenheit auf ein und dieselbe Frage genau das Gegenteil antworten. Hier werden zwei Antworten in unterschiedliche Zeiten und in unterschiedliche Situationen hinein gegeben.

Und beide verfolgen das gleiche Ziel. Sie wehren den Extremen - auf der einen wie auf der anderen Seite - und sie machen uns deutlich, dass es nur so gehen kann: Wir müssen uns darüber bewusst sein, dass wir die Liebe Gottes nie verdienen werden, dass wir das Reich Gottes nie als unseren Lohn, immer als Gottes Geschenk erhalten. Und wir dürfen daran glauben, dass dies ganz sicher so sein wird.

Aber diese Zuversicht und diese Heilsgewissheit, die uns durch Jesus Christus geschenkt worden ist, kann doch nicht dazu führen, dass wir als Haderlumpen durchs Leben gehen und nur noch uns im Blick haben - unser reines Vergnügen - und den Anderen, nicht zuletzt mit seiner Not, nicht mehr als Bruder und Schwester sehen.

Paulus und Jakobus widersprechen sich nicht. Die Bibel gibt hier keine widersprüchlichen Auskünfte. Ganz im Gegenteil. Sie sagt eigentlich nur, was uns schon der gesunde Menschenverstand eingeben müsste:

Dass man nämlich durchaus das eine tun, aber dabei das andere eben nicht lassen soll.

Amen.

(gehalten am 17. September 2006 in der Antonius- und Peterskirche, Bruchsal)

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