Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

23. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Mk 7,31-37)

In jener Zeit verließ Jesus das Gebiet von Tyrus und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekápolis. Da brachte man einen Taubstummen zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren. Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit, und er konnte richtig reden. Jesus verbot ihnen, jemand davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt. Außer sich vor Staunen sagten sie: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen. (Mk 7,31-37)

Wenn's dann wieder 'mal ganz besonders schnell gehen muss und wieder einmal absolut keine Zeit ist, vor allem nicht zum Kochen, dann hilft oft nur noch eine Dose: ein Fertiggericht, oder eine Suppe...

Das geht schnell. Man muss sie ja einfach nur warm machen. Und mittlerweile ist ja auch das Öffnen der Dosen ein Kinderspiel - geht ganz einfach und rasch: Da gibt's meist diesen kleinen Ring, an dem muss man nur ziehen und schon ist die Dose auf. Zumindest in der Theorie.

Denn immer, wenn es wieder ganz besonders schnell gehen soll - mit hundertprozentiger Sicherheit genau dann, bricht dieser dumme Ring ganz einfach ab. Von wegen besonders einfach und besonders schnell. Dann muss man ihn halt doch wieder suchen, den altmodischen Dosenöffner, der sich irgendwo in der Schublade, meist im hintersten Winkel versteckt.

Solange die Dose verschlossen ist, nützt es mir nämlich wenig, dass sich der Inhalt recht rasch zubereiten lässt. Das beste Fertiggericht taugt nichts, wenn die Dose sich nicht öffnen lässt. Ohne einen Öffner, ist man da aufgeschmissen.

Liebe Schwestern und Brüder,

was da für Dosen gilt, das gilt nicht selten auch für Menschen. Manchmal wünsche ich mir so etwas ähnliches wie einen Dosenöffner auch für Menschen. Denn manchmal sind auch Menschen wie solch verschlossene Dosen.

Da ahnt man, dass da etwas drinnen steckt, dass in dem anderen etwas vorgeht, und nichts davon kommt wirklich zum Vorschein. Der andere bleibt verschlossen, wie eine Dose bei der der Öffnungsring abgebrochen ist. Kummer, Sorgen, Schmerzen oder Ärger und Verletzungen, die stecken ganz tief drin, ohne dass auch nur irgendetwas davon nach außen dringt.

Da wünsche ich mir dann manchmal, dass es auch für Menschen so etwas wie einen Öffner gäbe. Denn wie soll man jemandem helfen können, wenn er nicht sagt, dass ihm etwas fehlt? Wie kann jemand darauf hoffen, dass ich ihn um Verzeihung bitte, wenn ich gar nicht darum weiß, dass ich ihn verletzt habe, weil er die Kränkung, die ich ihm zugefügt habe, einfach in sich hineinfrisst? Oder wie kann er erwarten, dass er im Krankenhaus Besuch erhält, wenn er niemandem erzählt, dass jener Eingriff jetzt bevorsteht?

Wo Menschen so verschlossen sind, nichts aus sich herauslassen, dort entstehen Enttäuschungen, und Missverständnisse zu Hauf. Wo Menschen miteinander leben, dort ist Sprachlosigkeit eines der größten Übel.

Ich bin deshalb immer sehr vorsichtig, wenn Menschen sagen: "Bei uns hat es noch nie ein böses Wort gegeben!" Ich weiß dann meistens nicht was genau ich davon halten soll. Denn das kann ja auch bedeuten, dass man all das, was unangenehm hätte sein können, ganz einfach ausgeklammert hat, dass man darüber ganz einfach geschwiegen hat. Aber Schweigen, das ist im Miteinander meistens die allerschlechteste Alternative.

Viel wichtiger und weit bemerkenswerter ist es für mich, wenn Menschen sagen können: "Und auch, wenn wir uns dann gestritten haben, wir konnten uns am Ende wieder versöhnen, denn wir konnten letzten Endes miteinander über alles reden."

Im Miteinander von Menschen ist Schweigen oftmals nur Silber. Miteinander reden aber, das ist Gold.

Dabei liegt die Betonung wohlgemerkt auf dem "miteinander". Geredet wird nämlich in aller Regel viel. Meistens jedoch über einen anderen. Auch da wünsche ich mir dann so etwas wie einen Öffner: Dann wenn alle zwar hintenherum über einen Menschen herziehen und sich über ihn auslassen, aber keiner den Mut findet, mit ihm selbst zu reden und ihm vielleicht dadurch zu helfen, das, was allen auf den Wecker geht, zu ändern.

Auch da bräuchte es recht häufig einen Öffner, der solche Situationen dann aufbricht und aus dem über- ein miteinander reden macht.

Bisher hab ich solch ein Werkzeug leider noch nirgendwo gefunden. Auch Jesus hilft da offensichtlich nur sehr bedingt weiter.

Dort, wo jemand, wie jener Taubstumme aus dem heutigen Evangelium gar nicht sprechen konnte, dort, wo Menschen wirklich stumm gewesen sind, dort hat er oftmals eingegriffen, hat dem Taubstummen die Zunge gelöst und ihm die Gabe des Sprechens neu geschenkt. Diese Gabe aber dann auch wirklich einzusetzen, das nimmt er uns nicht ab. Diese Aufgabe überlässt er uns. Denn das ist etwas, wovon er offensichtlich meint, dass wir es ganz gut selber können müssten.

Gott hat uns einen Mund gegeben, und er hat uns auch eine Stimme zum Reden geschenkt. Das hat er uns geschenkt. Nutzen - daran führt kein Weg vorbei - nutzen müssen wir dieses Geschenk schon selber.

Amen.

(gehalten am 9./10. September 2000 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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