Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

16. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Mk 6,30-34)

In jener Zeit versammelten sich die Apostel, die Jesus ausgesandt hatte, wieder bei ihm und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber man sah sie abfahren, und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange. (Mk 6,30-34)

Vermutlich ist es das Wetter: Anfangs der Woche habe ich mich stundenlang von einer Seite auf die andere gewälzt und konnte nicht einschlafen. Und langsam fing ich mich über mich selbst zu ärgern an. Da lag ich nun, eigentlich müde von all dem, was den Tag über war, hatte jetzt alle Zeit zum Schlafen und Ausruhen und schlief nicht ein.

Vor lauter Elend hab ich noch was gelesen - wohl wissend, dass ich am andern Morgen todmüde und gerädert aufwachen und mich den ganzen Tag nach dem Ausruhen sehnen würde.

Liebe Schwestern und Brüder,

vermutlich lag es an der Hitze. Ich hoffe es zumindest. Denn sonst wäre die Sache schon mehr als besorgniserregend: Da hat man Zeit zum Ausruhen und kann nicht schlafen.

Wenn das von Dauer wäre, müsste man was dagegen tun. Wenn ich nämlich nicht mehr Schlafen kann, wenn ich keine Ruhe mehr finde, dann macht mich das auf Dauer kaputt.

Die wenigen Stunden der Nacht sind schließlich so wertvoll!

Tagsüber findet man ja doch keine Ruhe. Tagsüber wird man aufgefressen, von all den Aktivitäten und wichtigen Aufgaben. Und je wichtiger die Dinge sind, die jemand zu tun hat, desto weniger Ruhe kann er sich leisten.

Kann man sich denn ruhig hinsetzen, wenn einem die Arbeit über den Kopf wächst? Wenn gar Menschen Schlange stehen, und Hilfe gebraucht wird?

Und da muss man nicht gleich an so wichtige Berufe, wie den Arzt etwa, denken. Da reicht es schon, wenn einem ein zwei Kinder am Rockzipfel hängen. "Eine Mutter kann sich keine Freizeit leisten", hat mir eine solche vor einiger Zeit einmal gesagt.

Nun, einer konnte es offenbar, und das war sogar ein Heiliger. Ein bedeutender Heiliger, ein Apostel gar.

Vom Apostel Johannes erzählt nämlich die Legende, dass er immer wieder da saß und einfach mit einem Rebhuhn spielte, das er geschenkt bekommen hatte. Ein Apostel sitzt da und spielt, spielt mit einem Rebhuhn. Das ist noch viel ungewöhnlicher als der Bundeskanzler am Baggersee oder der Bischof im Kino.

Der Apostel sitzt da und spielt. Und weiter wird erzählt, dass sich ein junger Jäger fürchterlich über diese Zeitverschwendung des Apostels aufregte. Da spielte der, anstelle sich der Meditation und dem Verfassen heiliger Schriften zu widmen.

Johannes habe den jungen Mann daraufhin angeschaut und ihn gefragt, was er denn in Händen halte. "Pfeil und Bogen" antwortete ihm der junge Mann. "Und was machst du damit" fragte ihn Johannes daraufhin. "Vögel und Tiere schieße ich damit." antwortete jener. Und sogleich demonstrierte er dem Apostel wie er den Bogen spannte und den Pfeil anlegt. Und dann entspannte er den Bogen wieder.

"Aber warum hast du den Bogen jetzt entspannt?" fragte der Apostel. "Das ist doch klar", meinte der Jüngling, "wenn er zu lange gespannt gehalten würde, würde er zu schwach werden, um die Pfeile abzuschießen!"

Der Bogen braucht Entspannung.

Nicht nur der Bogen.

Keine Arbeit kann so wichtig sein, kein Tag so erfüllt, keine Aufgabe so bedeutend, dass es keine Zeit zur Erholung und keine Zeit der Entspannung mehr geben könnte. Der Bogen braucht nämlich Entspannung, sonst wird er viel zu schwach, um die Pfeile abschießen zu können. Und solche Zeiten der Entspannung braucht jeder Mensch.

Zeiten, die leider anders sind, als die Stunden der Nacht. Denn die Nacht kommt von alleine, es wird jeden Abend dunkel, ob wir es einplanen oder nicht. Alle übrigen Ruhephasen, jede weitere Auszeit und all die anderen Entspannungen, die müssen wir einplanen, die müssen wir freischaufeln, die muss man sich nehmen.

Freizeit liegt nicht auf der Strasse. Man muss sie sich nehmen.

Und selbst die Zeiten im Leben, die einem gar angeboten werden - der Sonntag, die Ferien, der Ruhestand -, die Zeiten, auf die man ein Recht hat und die turnusmäßig oder gar automatisch von selber eintreten, selbst diese Zeiten muss man gestalten, sonst gleiten sie einem durch die Finger, so wie eine Nacht, in der man sich von einer Seite auf die andere wälzt, nicht schlafen kann und letztlich nichts - aber auch gar nichts - von dieser Zeit der Ruhe hat. Freizeit muss man gestalten, man muss sie füllen, so, dass sie gut tut, dass sie Entspannung bringt und mein eigenes Ich wieder stärkt, damit ich erneut ausstrahlen und meinen Aufgaben wieder neu nachkommen kann.

Der Apostel Johannes macht es uns nicht von ungefähr vor. Er hat es von Jesus gelernt. Jesus hat seine Jünger schließlich mitgenommen, hat gesagt, kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus.

Nichts - nichts wichtiges und nichts wertvolles - kann ich nämlich auf Dauer tun, wenn ich zwischendurch nicht auf mich selber achte, wenn ich die Zeiten der Zerstreuung nicht nutze und keine Erholung suche. Wenn ich nicht mehr in der Lage bin, neben all meiner Umtriebigkeit, all meinem Tun und all meinem täglichen Angespannt-Sein, wenn ich nicht mehr in der Lage bin, darüber hinaus einfach zu genießen, ich darf mich nicht wundern, wenn ich selbst dann auf die Dauer ungenießbar werde. Jesus macht es uns vor. Und heute ruft er es uns allen zu: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus.

Und das immer wieder.

Amen.

(gehalten am 20. Juli 2003 in der Peters- und Pauluskirche - Bruchsal)

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