Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

15. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Am 7,12-15)

In jenen Tagen sagte Amazja, der Priester von Bet-El, zu Amos: Geh, Seher, flüchte ins Land Juda! Iss dort dein Brot und tritt dort als Prophet auf! In Bet-El darfst du nicht mehr als Prophet reden; denn das hier ist ein Heiligtum des Königs und ein Reichstempel. Amos antwortete Amazja: Ich bin kein Prophet und kein Prophetenschüler, sondern ich bin ein Viehzüchter, und ich ziehe Maulbeerfeigen. Aber der Herr hat mich von meiner Herde weggeholt und zu mir gesagt: Geh und rede als Prophet zu meinem Volk Israel! (Am 7,12-15)

Propheten waren selten gerne gelitten. Ganz im Gegenteil. Entweder man ging ihnen aus dem Weg, oder man hat sie vertrieben - der Amos aus der Lesung eben kann da ein Lied davon singen - schlimmstenfalls hat man sie sogar umgebracht.

Liebe Schwestern und Brüder,

dabei war es überhaupt nichts Außergewöhnliches, was sie gemacht haben. Propheten haben nichts Besonderes gesagt. Die Botschaft, die sie brachten, die Predigten, die sie gehalten haben, und die Worte, die sie den Mächtigen entgegenschmetterten, die waren ja alle weithin bekannt.

Eigentlich haben Propheten zu allen Zeiten, gar nichts Neues gesagt. Sie haben lediglich auf den Punkt gebracht, was Gott zum Verhalten seines Volkes - und vor allem zum Verhalten der Repräsentanten dieses Volkes - was Gott am Ende dazu sagen würde.

Dazu hätte es eigentlich gar keiner Propheten bedurft. Wer mit offenen Augen und mit wachem Sinn die Dinge beobachtet hatte, der wusste auch so, wo der Hase im Pfeffer lag. Eigentlich hätte es nur des gesunden Menschenverstandes bedurft, um zu erkennen, dass die Armen mit Füßen zu treten und Lasten auf die abzuwälzen, die sich nicht wehren konnten, ein Gräuel in den Augen Gottes darstellt. Eigentlich hätte man sich an fünf Fingern abzählen können, dass Gott solchem Treiben auf Dauer nicht zuschaut.

Damals haben Propheten den Finger in die Wunde gelegt. Es gibt nicht wenige, die das Fehlen von Propheten heute bedauern. Nicht wenige sagen, wie schade es ist, dass es keine Propheten mehr gibt, wie zu Zeiten eines Amos, Jesaja oder Jeremia. Und sie haben ausgesprochen recht.

Aber wir können dieses Fehlen kompensieren. Wir können die Lücke, die die Propheten hinterlassen haben, durchaus schließen. Wir müssen nur die Augen aufmachen, mit wachem Verstand und einfühlsamem Herzen das was um uns herum geschieht einfach genau beobachten. Wer die Augen davor nicht verschließt, der wird sehr deutlich sehen, hören, nachfühlen was Gott von diesem Treiben letztlich hält.

Oder brauchen wir mehr, als das Beispiel des Reichen und des armen Lazarus, um ermessen zu können wie unser Gott das findet, wenn wir uns in der Festung Europa einigeln, um die Armen, die sich auf den Weg gemacht haben, die vom Kuchen des Wohlstandes ein wenig abbekommen wollen, möglichst auf Abstand zu halten?

175 Kilometer lang soll der Zaun werden, den Ungarn jetzt zu bauen gedenkt, ein Zaun, um der Armut den Weg zu verbauen. Braucht es erst Eingebungen und Visionen, um zu wissen, was Gott wohl davon hält?

Wir wissen doch, was er dazu sagt, wenn bei uns Arme in gute und schlechte Arme eingeteilt werden. Die Guten, das sind die, die vor Kriegen fliehen müssen, möglichst mit kleinen Kindern auf dem Arm. Die Schlechten, das sind die, die "nur" aus wirtschaftlichen Gründen auf der Flucht sind. Wer aus wirtschaftlichen Gründen unsere Hilfe verlangt, der sei nämlich nichts anderes als einer, der in unsere Sozialsysteme einwandern will, ein Schmarotzer eben. Wirtschaftliche Not sei kein Grund, um Hilfe zu bekommen.

Haben Sie das mit dem "wirtschaftlich" eigentlich schon mal zu übersetzen versucht? Wirtschaftliche Not heißt umgangssprachlich ausgedrückt nichts anderes als Armut. Was soll Armut denn anderes sein, als dass man nicht das Nötigste hat, um in diesem Leben eine Perspektive zu finden? Braucht es mehr als das Beispiel eines Franz von Assisi, um uns vor Augen zu führen, dass Gott immer schon auf der Seite derer stand, die in wirtschaftlicher Not, die in Armut, lebten?

Ach so, wir müssten uns vor der Überfremdung schützen. Reicht ein Blick in die Heilige Schrift nicht aus, um zu erkennen, dass die selbsternannten Retter des sogenannten christlichen Abendlandes mit ihren Aktionen das Beispiel Christi gleichsam mit Füßen treten? Dass da, wo Asylbewerberheime angezündet werden Christus wahrlich noch einmal ans Kreuz geschlagen wird?

Muss uns denn erst jemand die Augen dafür öffnen, um zu sehen, dass es unchristlich bis zum geht nicht mehr war, wenn in den zurückliegenden Jahren Rentner und Arbeitslose in Griechenland dafür bluten mussten, damit diejenigen, die sich mit ihren Anleihen gewaltige Zinsen versprochen haben, ihren Gewinn auch tatsächlich einfahren konnten? Dass es nicht die Faulheit eines Volkes ist, die die Menschen in Not bringt, sondern die Korruptheit von Politikern, die Ignoranz von Mächtigen, die Raffgier von Managern und menschenverachtende Wachstumsbessenheit von Kapitalgesellschaften und Großkonzernen?

Wussten Sie, dass eine Jeanshose gerade mal 50 Cent, 50 Cent teurer sein müsste, damit diejenigen, die sie produzieren, davon leben könnten? Glaubt denn irgendjemand, das sei ein gottgefälliges Werk, unser Wettbewerb, der die Preise auch noch im Zentel-Cent-Bereich drückt und die Gewinne verschiebt auf die Konten derer, die sowieso schon nicht mehr wissen, wohin sie damit sollen?

Braucht es denn erst Visionen und Eingebungen, um den Willen Gottes heute zu erkennen? Wir brauchen doch nur mit offen Augen durch unsere Gesellschaft zu gehen.

Es braucht gar keine neue Propheten. Es braucht nur Menschen, die es wagen, die Dinge offen auszusprechen. Und dann braucht es nur noch die Mutigen, diejenigen, die dann anfangen, wirklich Konsequenzen daraus zu ziehen.

Amen.

(vorbereitet für den 12. Juli 2015 in der Kirche St. Hedwig, gehalten am 1.11.2015 in St. Martin, Karlsruhe)

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