Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

14. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Ez 1,28b-2,5)

In jenen Tagen als ich die Erscheinung der Herrlichkeit des Herrn sah, fiel ich nieder auf mein Gesicht. Und ich hörte, wie jemand redete. Er sagte zu mir: Stell dich auf deine Füße, Menschensohn; ich will mit dir reden. Als er das zu mir sagte, kam der Geist in mich und stellte mich auf die Füße. Und ich hörte den, der mit mir redete. Er sagte zu mir: Menschensohn, ich sende dich zu den abtrünnigen Söhnen Israels, die sich gegen mich aufgelehnt haben. Sie und ihre Väter sind immer wieder von mir abgefallen, bis zum heutigen Tag. Es sind Söhne mit trotzigem Gesicht und hartem Herzen. Zu ihnen sende ich dich. Du sollst zu ihnen sagen: So spricht Gott, der Herr. Ob sie dann hören oder nicht - denn sie sind ein widerspenstiges Volk -, sie werden erkennen müssen, dass mitten unter ihnen ein Prophet war. (Ez 1,28b-2,5)

Das ist ihnen sicher auch schon aufgefallen: Von Politikern bekommt man ganz selten eine klare Antwort. Und je wichtiger das Amt ist, das sie bekleiden, desto schwammiger werden meist die Sätze, die sie sagen. Die können dann eine Viertelstunde am Stück reden, ohne dabei wirklich etwas ausgesagt zu haben.

Liebe Schwestern und Brüder,

wahrscheinlich bringt das ein Amt eben mit sich: Man kann nicht mehr sagen, was man denkt, man muss immer an die Wirkung denken, darf keinen Aspekt außen vor lassen und sich vor allem nicht so festlegen, dass man am Ende nicht behaupten kann, man hätte eigentlich etwas ganz anderes gesagt.

Für mich ist das die erschreckendste Folge eines übernommenen Amtes, dass der Mut zu klaren Worten, zu eindeutigen Stellungnahmen oder auch nur zum Bekenntnis der eigenen Ohnmacht rapide sinkt.

Auch bei kirchlichen Amtsträgern lässt sich so etwas ja feststellen. Nicht so extrem - gewiss -, aber auch hier gehen viele bei so vielen Äußerungen immer gleich in die Verteidigungshaltung. Kein Bischof wird sagen: Die Lage ist katastrophal, immer wird gleich hinzugefügt, dass man doch auch das Positive sehen müsse, und dass es doch auch neue Aufbrüche gäbe und man da und dort doch wirkliche Fortschritte gemacht habe.

Und schon bei Pfarrern werden Sie solch eine Tendenz feststellen. Klare Worte sehen anders aus.

Aus der Schrift erfahren wir, dass auch die Amtsträger in Israel offenbar nicht diejenigen waren, von denen die klaren Worte zu erwarten waren. Es waren die Propheten, die sich dieser Aufgabe annahmen.

Propheten sprachen vielleicht in Bildern, aber nie darum herum. Sie nannten Ross und Reiter, sagten dass etwas gut war, wenn es wirklich gut gewesen ist, nannten aber genauso klar beim Namen, was daneben war und in die Irre führte. Und es war ihnen völlig egal, ob sie bei den Menschen deswegen beliebt waren oder nicht. Und sie waren alles andere als beliebt! Wer die Wahrheit sagt, dem jubelt kaum jemand zu.

Aber genau solche Leute braucht es. Und es bräuchte sie so dringend gerade heute. Wir bräuchten wieder Menschen, die offen sagen, was Sache ist, die in Sachen Politik, die Dinge wieder klar benennen, die uns reinen Wein einschenken, was die Entwicklung der Banken angeht, wohin unsere Finanzpolitik steuert, wo wir - nicht in Griechenland, nicht irgendwo anders auf der Welt - wo wir hier bei uns unverantwortlich über unsere Verhältnisse leben und die Zukunft der kommenden Generation schon jetzt verprassen.

Wir bräuchten gerade heute Menschen, die den Finger in die Wunden legen und uns schonungslos und offen den Spiegel vorhalten. Menschen, die auch was unsere Kirche angeht, deutlich machen, wo wir von Aufbruch sprechen, aber den Rückzug meinen, klar benennen wo, wir wirklich das Evangelium leben und wo wir uns lediglich in formelhafter Gesetzesfrömmigkeit gefallen. Wir bräuchten heute Menschen, die uns die Augen öffnen.

Herr, sende sie uns, denn auch wir sind ein Volk, halsstarrig, wie zur Zeit Deiner Propheten. Sende uns Menschen, die zu uns sagen: So spricht Gott, der Herr. Sende sie uns. Ob wir dann hören oder nicht, denn wir sind ein widerspenstiges Volk, auch wir werden am Ende erkennen müssen, dass mitten unter uns prophetische Menschen waren.

(gehalten am 7./8. Juli 2012 in den Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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