Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

14. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Mk 6,1b-6)

In jener Zeit kam Jesus in seine Heimatstadt; seine Jünger begleiteten ihn. Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen! Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab. Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie. Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie. Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Und Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte dort. (Mk 6,1b-6)

Das ist unerhört! Das muss man sich einmal vorstellen! Sie nehmen Anstoß an ihm und lehnen ihn ab! Jesus von Nazareth, der Herrn selbst, wird abgelehnt, weil Menschen sich einbilden ihn zu kennen und sich deshalb absolut nicht vorstellen können, dass er ihnen etwas zu sagen hätte.

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn das schon Jesus so geht, wie muss es dann seinen Jüngern gegangen sein. Der Fischer Simon, der seine Frau und Familie zu Hause zurückgelassen hatte, um mit diesem Jesus herumzuziehen, der konnte in seinem Heimatort sicherlich keinen Blumentopf mehr gewinnen - von Normalsterblichen ganz zu schweigen.

Ist das nicht schlimm? Lehnt man Menschen, die man zu kennen glaubt, immer gleich ab?

Wenn dem so wäre, dann wäre es schlecht um uns bestellt, dann sehe ich nämlich schwarz: schwarz für die Zukunft.

Die Zukunft unserer Gemeinden hängt nämlich davon ab, dass Menschen, die man kennt, von anderen akzeptiert werden. Es wird nämlich nicht gehen, ohne dass Menschen aus den eigenen Reihen in unseren Gemeinden in die Bresche springen.

Und ich rede jetzt nicht von den vielen Aufgaben, die sich schon heute auf die Schultern so vieler verteilen. Das haben wir schließlich in langen Jahrzehnten gelernt, dass Gemeinde nur funktionieren kann, wenn viele mithelfen: in der Betreuung der Gebäude, bei der Organisation der vielen Feste und Veranstaltungen, beim Austragen von Pfarrbriefen und Sammeln von Geldern. Das funktioniert bereits. Das ist schon so selbstverständlich geworden, dass kaum noch jemand wirklich Danke dafür sagt.

Ich rede jetzt aber nicht von Organisation, ich spreche jetzt von den Inhalten, von der Verkündigung und von den gottesdienstlichen Feiern. Unsere Gemeinden werden ganz stark lernen müssen, dass es Menschen braucht, die andere zusammenrufen - ohne dass sie jemand von "oben" gefragt hätte -, zum Gottesdienst laden, Gottesdienste feiern und über den Glauben sprechen.

Natürlich würde es auch anders gehen. Natürlich wird es auch auf Zukunft hin Pfarrer geben - da und dort. Und sie werden auch ab und an einmal vor Ort sein. Aber meist wird man, so man einen Pfarrer erleben möchte, die Füße in die Hand nehmen, sich hinters Steuer setzen und dort hinfahren müssen, wo noch etwas geboten wird.

Nur: je mehr das getan wird, je mehr Menschen fahren werden, um noch Gottesdienste mit dem Priester zu erleben, desto weniger wird vor Ort sein, desto weniger wird vor Ort leben.

Damit St. Paul eine Zukunft hat und St. Anton und St. Peter, dazu braucht es Menschen, die begreifen, dass hier Glaube gefeiert werden muss, dass hier ein Ort sein muss, an dem Menschen zusammen kommen, um sich über diesen Glauben auszutauschen, ihn zu vertiefen und miteinander zu teilen. Wenn die Gemeinden eine Zukunft haben wollen, dann nur, wenn die Menschen in ihnen entdecken, dass es genau darauf ankommt.

Und dafür werden sie kämpfen müssen. In den Bistumsleitungen wird es vor allem darum gehen, was zumutbar ist, damit eine Versorgung mit Gottesdiensten noch einigermaßen gewährleistet bleibt. Da wird man darauf schauen, dass man die noch übrig bleibenden Zentren einigermaßen erreichen kann. Dass das Leben vor Ort nicht erstirbt, darum wird sich kaum jemand anders kümmern, als eben die Menschen vor Ort, diejenigen, die begreifen werden und begriffen haben, dass es niemand tun wird, wenn sie es sie nicht selbst in die Hand nehmen!

In diesen Wochen läuft bei uns ein ganz spannender Prozess. Wir beschäftigen uns nicht nur mit einem biblischen Thema, einem alten Propheten. Wir versuchen die Zukunft einzuüben. Wir versuchen zu spüren, dass wir uns gegenseitig unendlich viel zu geben haben und dass wir das können, ohne amtlich bestellt zu sein, allein aufgrund von Taufe und Firmung.

Wir üben das "Miteinander-Glauben-Teilen", in kleinen Gruppen, in unseren Gemeindehäusern, mit den Menschen, die wir kennen, die im normalen Alltag nichts mit Pfarrei und Kirche zu tun haben, die ganz normalen Berufen nachgehen eben einfache Menschen sind; die aber begriffen haben, dass es sie braucht, damit Gemeinde vor Ort auch morgen noch lebendig ist.

Es gibt solche Menschen, es gibt sie unter uns. Und das ist das schönste, was ich in den Gemeinden hier erlebe: Es gibt sie in großer Zahl. Menschen die Glaubensangebote setzen, die Wortgottesdienste gestalten, Andachten und Glaubensgespräche.

Aber ich höre schon jetzt die Stimmen: Was muss die sich denn da vorne produzieren! Will der jetzt plötzlich etwas Besseres sein! Und warum soll ich mir von jenem etwas sagen lassen!

Wie war das noch? Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Leben nicht seine Schwerstern hier unter uns? Und sie lehnten ihn ab! Diejenigen, die das damals in Jesu Heimatstadt gesagt haben, waren am Ende die Blamierten. Und ihre Blamage ist umso größer, als sie bis heute in den Kirchen rund um den Erdball vorgelesen wir.

Bei uns muss das nicht so sein, wenn wir es jetzt einüben, wenn wir jetzt lernen, wie Gemeinde der Zukunft bestehen kann, weitab jeglicher Planungen an jedweden grünen Tischen dieser Welt. Noch haben wir alle Zeit dazu, noch haben keine Not. Aber nutzen wir die Zeit, lernen wir in der Zeit, damit wir haben in der Not.

Amen.

(gehalten am 5. Juli 2009 in der Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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