Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

13. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Mk 5,21-43)

In jener Zeit fuhr Jesus im Boot an das andere Ufer des Sees von Galiläa hinüber, und eine große Menschenmenge versammelte sich um ihn. Während er noch am See war, kam ein Synagogenvorsteher namens Jaïrus zu ihm. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie wieder gesund wird und am Leben bleibt. Da ging Jesus mit ihm. Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn. Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutungen litt. Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden. Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten an ihn heran und berührte sein Gewand. Denn sie sagte sich. Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt. Sofort hörte die Blutung auf, und sie spürte deutlich, dass sie von ihrem Leiden geheilt war. Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte. Wer hat mein Gewand berührt? Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch. wie sich die Leute um dich drängen. und da fragst du: Wer hat mich berührt? Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte. Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit. Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein. Während Jesus noch redete, kamen Leute, die zum Haus des Synagogenvorstehers gehörten, und sagten zu Jaïrus: Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger? Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher: Sei ohne Furcht; glaube nur Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus. Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Lärm bemerkte und hörte, wie die Leute laut weinten und jammerten, trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur. Da lachten sie ihn aus. Er aber schickte alle hinaus und nahm außer seinen Begleitern nur die Eltern mit in den Raum, in dem das Kind lag. Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf. Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute gerieten außer sich vor Entsetzen. Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben. (Mk 5,21-43)

Wovon berichtet das heutige Evangelium jetzt eigentlich? Von einer geheilten Frau? Einem auferweckten Kind? Von trauernden Eltern und lachenden Klagefrauen? Von schlechten Erfahrungen mit Ärzten und ganz viel Hoffnung?

Liebe Schwestern und Brüder,

es wird heute von so Vielem erzählt, dass man das Wichtigste fast aus dem Blick verlieren kann. Denn eigentlich berichtet dieser Text nur von einem: er berichtet von Jesus. Nichts anderes verbindet diese geheilte Frau, jenes Mädchen oder seine Eltern - ohne diesen Jesus wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, all diese Personen jemals in einem Atemzug zu nennen.

Dem Evangelium geht es nicht um die Schilderung dieser Wunderheilungen, so spektakulär sie auch sein mögen. Wie sie sich genau ereignet haben und ob sie tatsächlich an ein und demselben Tag geschehen sind, ist völlig unerheblich.

Natürlich macht es Sinn, über das Mädchen nachzudenken. Und es ist aufschlussreich, die Geschichte jener Frau, auf sich wirken zu lassen. Aber das ist für die Evangelisten damals alles zweitrangig. Keiner der Evangelienschreiber hat sich für die genauen Umstände oder die historischen Zusammenhänge wirklich interessiert.

Und erst recht hat niemand damals unsere heutigen Fragen und Probleme im Blick gehabt. Bei der Schilderung des Abendmahles hat niemand an ein römisches Messbuch gedacht oder beim Bericht über die Berufung der Zwölf an ein späteres kirchliches Amt oder irgendwelche Zugangsbedingungen dazu. Nirgendwo geht es um sakramententheologische Diskurse ja nicht einmal um moralische Grundsätze, die eine volle Mitgliedschaft in einer Kirche ermöglichen.

Dem Evangelium geht es um nichts anderes als diesen Jesus. Und es geht ihm so sehr um ihn, dass man sogar schon lange bevor es überhaupt schriftliche Evangelientexte gab, von dem Evangelium sprach und es verkündete. Und damit meinte man kein Buch, keinen Text, nicht irgendwelche Geschichten - das Evangelium war er selbst, Jesus Christus, das, was er gesagt was er getan und vor allem, wie er es getan hat.

Ich möchte ihn deshalb heute auch in den Mittelpunkt rücken. Und das ganz bewusst und sehr ausdrücklich an dem Tag, an dem wir unserer Kirchenpatrone gedenken. Wir denken in unserer Kirche nämlich meist an so viel, wir haben so viele Bräuche, unsere ganze Volksfrömmigkeit und dann natürlich der Alltag unserer Gemeinden mit dem tagtäglichen Trubel, es geht um so viel, dass er so manches Mal unterzugehen droht.

Nicht, dass Sie mich jetzt falsch verstehen. Natürlich kommt Jesus Christus tagtäglich vor. Jedes Gebet endet mit "... durch Christus, unseren Herrn", an jedem Kruzifix ist er dargestellt und Tausende von Bildern zeigen sein Konterfei.

Aber begegnet uns da wirklich der, von dem uns die Evangelien künden? Wir glauben zwar zu wissen, von was wir reden und haben immer gleich die entsprechenden Bilder im Kopf, aber Bilder eben, Vorstellungen, die sich im Laufe der Jahrhunderte festgesetzt haben und Gedankenkonstrukte, Spekulationen, die nur bedingt etwas mit dem wirklichen Jesus von Nazareth zu tun haben.

Manches Mal überkommt mich das Gefühl, als wäre er unter dem ganzen Berg unserer Überlegungen und Bilder richtiggehend verschüttet und vergraben. Manches Mal habe ich das Gefühl, wir müssten ihn erst wieder freischaufeln.

Nicht umsonst laden wir in den nächsten Monaten dazu ein, nach diesem Jesus zu suchen. In einem großangelegten Prozess - und erstmals gemeinsam mit Paul-Gerhardt - wollen wir uns auf die Suche machen, nach diesem Jesus fragen und vor allem danach fragen, was er uns zu sagen hat, in unserer Situation, allem voran in der Situation als christliche Gemeinden in einer Zeit des völligen Umbruchs.

Je älter ich werde, desto mehr frage ich mich, wie es ihm wohl ginge, wenn wir ihm heute gegenüberstünden; ihm, der immer den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt gestellt hat, der sich mit den religiösen Führern seiner Zeit angelegt hat, weil ihm der Mensch wichtiger war, wichtiger als der Sabbat, als das religiöse Gebot. Wie stünde er heute etwa zu unserem Kirchenrecht?

Welche Position würde er in all den Streitfragen der gegenwärtigen inenrkirchlichen Diskussion einnehmen?

Was würde er etwa sagen, zur Frage, ob man eine Kommunionfeier halten darf oder einen reinen Wortgottesdienst feiern muss, wenn ein Priester am Sonntagmorgen fehlt?

Jemand sagte mir kürzlich: Wahrscheinlich würde er nur den Kopf schütteln. Und wahrscheinlich würde er sagen: Teilt Brot, reicht Wein und vertraut ganz fest darauf, dass Gott da ist, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. Und dass ich Euch immer da unendlich nahe bin, wo ihr zu meinem Gedächtnis das Brot brecht!

Würde er, der selbst dem Judas das Brot gereicht hat, heute jemanden dieses Brot verweigern? Und kann jemand anders als er wirklich maßgebend für uns sein?

Ich will neu von ihm lernen, wirklich ihm folgen. Denn nur diese konsequente Haltung, die selbst vor der Nachstellung durch den Hohen Rat nicht zurückschreckte, kann wirklich Vorbild sein. Vorbild auch für uns als Gemeinde.

Das ist nicht ganz einfach. Sich an ihm zu orientieren, bedeutet, liebgewordenes über Bord zu werfen, sich von Überkommenem zu verabschieden. Es bedeutet, sich immer wieder neu in die Nesseln zu setzen und der Kritik, ja sogar der Anfeindung auszusetzen. Bequeme Wege sehen anders aus.

Aber sein Weg, das hat er uns verheißen, sein Weg ist der, der zum Leben führt. Gehen wir keinen anderen und gehen wir ihn gemeinsam. Gehen wir genau diesen Weg.

Amen.

(gehalten am 30. Juni / 1. Juli 2012 in den Kirchen der Pfarrei St. Peter, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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