Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

13. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Weish 1,13-15; 2,23-24)

Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum Dasein hat er alles geschaffen, und heilbringend sind die Geschöpfe der Welt. Kein Gift des Verderbens ist in ihnen, das Reich des Todes hat keine Macht auf der Erde; denn die Gerechtigkeit ist unsterblich. Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht. Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt, und ihn erfahren alle, die ihm angehören. (Weish 1,13-15; 2,23-24)

Wer kennt ihn nicht, den Paradiesesbaum? Auf unzähligen Bildern ist er dargestellt: der Baum, an den niemand rühren durfte und mit dem die ganze Misere begann, als schon die ersten Menschen ihre Finger nicht davon lassen konnten.

Den Paradiesesbaum kennt jeder. Die wenigsten aber wissen, dass das gar nicht der wichtigste Baum war, dass es neben dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse ja noch einen zweiten Baum gab. Und der stand genauso mitten drin in der Mitte des Gartens. Und dieser Baum ist eigentlich der weit wichtigere, der eigentliche Paradiesesbaum.

Liebe Schwestern und Brüder,

im Schöpfungsbericht steht es ganz klar drin:

"Gott, der Herr, ließ aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen, verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse."

In der Mitte des Gartens gab es noch einen Baum. Und von dem sollten die Menschen sogar essen, denn der war für sie bestimmt. In der Mitte des Gartens ließ Gott den Baum des Lebens wachsen, denn er wollte, dass seine Geschöpfe das Leben haben.

Das was der Schöpfungsbericht hier bildhaft ausmalt, sagt die heutige Lesung ganz ausdrücklich:

"Zum Dasein hat Gott alles geschaffen, und heilbringend sind die Geschöpfe der Welt. Kein Gift des Verderbens ist in ihnen, das Reich des Todes hat keine Macht auf der Erde... Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht."

Der Baum des Lebens in der Mitte des Gartens ist beredter Ausdruck dafür. Und er ist für den Menschen bestimmt, weil Gott das Leben will und nicht den Tod.

Und warum sterben Menschen dann? Warum gibt es dann Leid und Tod?

Gott hat das nicht gemacht, sagt die Bibel - Ganz im Gegenteil. Er hat alles drangesetzt, dass es dem Menschen gut gehen und sein Leben glücken kann: Iss wovon du willst, mach alles, was dir in den Sinn kommt, aber hüte dich davor, von der einen Frucht zu nehmen, Gut und Böse, schlichtweg alles in die eigenen Hände nehmen zu wollen, mit allem machen zu wollen, was du willst. Hüte dich davor, selbst Gott spielen zu wollen - das rächt sich nämlich, das geht nicht gut, denn dieser Schuss muss nach hinten losgehen!

Und er ging es ja auch. In seiner ganzen Erbärmlichkeit stand der Mensch da. Ganz langsam musste er begreifen lernen, dass überall dort, wo Menschen selbst anfingen, Gott zu spielen, wo sie sich ihrer Verantwortung vor dem Schöpfer nicht mehr bewusst sind, wo sie selbstherrlich in das Räderwerk einzugreifen beginnen, am Ende das Leben nur noch beschwerlicher, mühseliger, elender geworden ist.

So dass im Buch der Psalmen das dann schon fast resignierende Fazit gezogen wird: "Das Leben des Menschen währt siebzig Jahre und wenn es hoch kommt sind es achtzig. Das meiste davon ist Mühsal und Beschwer" So, dass Tod in vielen Fällen sogar Erlösung bedeuten kann.

Gott sei Dank währt dieses Leben nun nicht ewig. Gott sei Dank gibt es im Sterben auch eine Erlösung aus dem Leid. Gott sei Dank gibt es kein ewiges Leiden.

Und die Bibel versucht deutlich zu machen, dass wir dies tatsächlich Gott verdanken! Nachdem der Mensch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse gegessen hatte, jetzt, nachdem das Leben des Menschen elend geworden war, hat Gott nur noch eine Sorge: "Dass er jetzt nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt, davon isst und ewig lebt!"

Gott, der Herr, schickte den Menschen aus dem Garten Eden weg, damit er den Ackerboden bestellte, von dem er genommen war. Und stellte östlich des Gartens von Eden die Kerubim auf und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten - nicht als Strafe, nicht um dem Menschen zu pisacken; einzig und allein aus Sorge, aus Fürsorge für den Menschen: dass er nicht auch vom Baum des Lebens esse und dieses elend gewordene Leben auch noch verewigen würde, deshalb hielt Gott den Menschen von diesem Baum fern.

Aus und vorbei - so zumindest schildern es die großen Erzählungen, aus den anderen Kulturen - aus denen des Zweistromlandes oder der anderen Völker des alten Kanaan. Denn dort gab es ganz ähnliche Überlieferungen, auch dort wird davon berichtet, dass es Pflanzen gibt, die für den Menschen unerreichbar geworden sind, weil die Götter sie den Menschen vorenthalten. Dass die Götter dafür sorgen, dass die Menschen sterblich bleiben und die Pflanze des Lebens nicht erreichen können.

Großartige Dichtungen gibt es da, von Helden, die sich auf die Suche nach dem verlorenen ewigen Leben machen, aber nichts anderes erreichen, als die Einsicht, dass dieses Leben eben verloren und nie mehr zu erlangen sein wird.

Die Botschaft der Bibel ist eine ganz andere: Gott hält vor dem Menschen nichts zurück. Er schützt den Menschen, bewahrt ihn, vor einem verewigten elenden Leben.

Aber - und das weiß das Alte wie das Neue Testament - er hält beständig daran fest, dass der Mensch nicht zum Sterben, dass er zur Unvergänglichkeit erschaffen ist, dass er zum Leben nicht zum Tod berufen ist. Und Gott will das Leben. Und er geht - um im gleichen Bild zu bleiben - deshalb so weit, einen neuen Baum aufzurichten, einen neuen Baum des Lebens.

Das Kreuz ist für uns zu diesem neuen Lebensbaum geworden. In Jesus Christus, im Kreuz des leidenden Gottesknechtes, errichtet Gott selbst einen neuen Lebensbaum - und das mitten unter uns, mitten in unserem endlichen, vom Tod überschatteten Leben. Und er macht endgültig klar, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.

Das Leben, das wir hier erleben und erfahren, ist nicht von Dauer, dabei bleibt es - und das 'Gott sei Dank'! Aber all das, was uns ausmacht, das trägt Gott durch den Tod hindurch in eine neue Dimension von Leben. Er erneuert - oder besser - er vollendet seine Schöpfung und zwar so, wie er sie gewollt hat. Er bricht dem Leben neue Bahn, denn Gott will das Leben, nicht den Tod. Er will unser Leben, weil er uns will.

Amen.

(gehalten am 2. Juli 2006 in der Petrs- und Pauluskirche Bruchsal)

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