Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

13. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Mk 5,21-24. 35b-43)

In jener Zeit fuhr Jesus im Boot an das andere Ufer des Sees von Galiläa hinüber, und eine große Menschenmenge versammelte sich um ihn. Während er noch am See war, kam ein Synagogenvorsteher namens Jaïrus zu ihm. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie wieder gesund wird und am Leben bleibt. Da ging Jesus mit ihm. Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn. Unterwegs kamen Leute, die zum Haus des Synagogenvorstehers gehörten, und sagten zu Jaïrus: Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger? Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher: Sei ohne Furcht; glaube nur Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus. Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Lärm bemerkte und hörte, wie die Leute laut weinten und jammerten, trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur. Da lachten sie ihn aus. Er aber schickte alle hinaus und nahm außer seinen Begleitern nur die Eltern mit in den Raum, in dem das Kind lag. Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf. Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute gerieten außer sich vor Entsetzen. Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben. (Mk 5,21-24. 35b-43)

Stellen Sie sich jetzt bitte 'mal folgende Szene vor: Sie gehen durch eine Straße, und plötzlich hören Sie, wie hinter Ihnen ein Wagen mit quietschenden Reifen angebraust kommt. Sie können gerade noch im letzten Moment zur Seite springen, da hält der Wagen auch schon. Zwei Typen springen heraus mit Gewehren im Anschlag, und ballern wie wild auf einen Passanten. Dann fährt das Auto so wie es gekommen ist wieder davon. Zurück bleibt ein Mann, mitten auf der Straße in einer riesigen Blutlache.

Stellen Sie sich vor, Sie springen nun auf den Verletzten zu, schreien vielleicht noch irgendetwas aus lauter Verzweiflung und versuchen ihm krampfhaft zu helfen. Und stellen Sie sich weiter vor, der Mann steht jetzt ganz einfach auf, ist ungeheuer aufgebracht und sagt Ihnen wütend ins Gesicht: "Sie Idiot, jetzt haben Sie mir die ganze Szene vermasselt!" Und neben Ihnen steht dann plötzlich der Kameramann, der Regisseur und die Leute vom Ton. Und alle sagen dann so nette Dinge, die ich jetzt besser nicht wiederhole.

Liebe Schwestern und Brüder,

Sie kennen solche Szenen sicher aus irgendwelchen Komödien. Ich glaube es gibt keine Variation, in der so etwas nicht schon einmal verfilmt worden wäre. In Wirklichkeit erlebt man so etwas natürlich nicht.

Aber versuchen Sie sich trotzdem einmal in diese Situation hineinzuversetzen, versuchen Sie sich trotzdem einmal vorzustellen, wie es Ihnen ginge, wenn Ihnen so etwas passieren würde. Da wollen Sie helfen, sind zu Tode erschrocken, im Innersten ergriffen, und da müssen Sie feststellen, dass der andere nur gespielt hat, dass Sie für Ihre Hilfeleistung sogar noch angeschrieen werdet.

Wenn Sie sich in diese Situation hineinversetzen können, ich glaube, dann können Sie einigermaßen nachfühlen, wie es Jesus gegangen sein muss, als er das Haus des Jaïrus erreichte. Er hatte sich abgemüht, mit dem Vater durch die Menge hindurchgedrängt, um ja noch rechtzeitig dem sterbenden Mädchen zu Hilfe zu eilen. Und die Menschen kommen ihnen schon mit der Schreckensnachricht entgegen: "Es ist zu spät, die Kleine ist tot." Innerlich aufgewühlt kommen sie vor dem Haus an. Dort ist die Totenklage bereits in vollem Gang - ein Brauch, den es seit alters her in Israel gab.

Immer wenn jemand im Sterben lag, oder gerade unmittelbar zuvor verstorben war, kamen ursprünglich die Nachbarn oder Bekannte vor das Haus des Betreffenden. Sie versammelten sich dann um die Angehörigen, weinten und klagten mit ihnen, und machten dem Schmerz und der Trauer in gemeinsam gesprochenen Gebeten oder auch Liedern Luft. Für die Angehörigen eines Verstorbenen war das ursprünglich mit Sicherheit eine ganz wichtige Sache. Sie durften erleben, dass sie in ihrem Schmerz nicht alleingelassen waren, dass sie getragen waren, von denen, die sie kannten und die jetzt gemeinsam mit ihnen um den Toten trauerten.

Diese Totenklage war jetzt in vollem Gange, als Jesus und Jaïrus, der Vater des Mädchens, zum Haus kamen. Und das muss man sich so richtig orientalisch vorstellen, ungeheuer emotional und vor allem lautstark.

Jesus muss unheimlich aufgewühlt gewesen sein, angesichts des Weinens und Klagens. Er muss so gepackt gewesen sein, dass er zunächst sogar den Vater stehen ließ, und zuerst auf die Frauen zuging, die dort über die Verstorbene jammerten, dass er zuallererst sie zu trösten versuchte: "Keine Angst, es wird schon alles gut, das Mädchen schläft nur!"

Und jetzt denken Sie an die Szene, mit dem Schauspieler und dem Film, die ich eingangs erwähnt habe!

Es muss für Jesus wie ein Schlag ins Gesicht gewesen sein. Erst jetzt bemerkte er, erst jetzt fiel es ihm auf: Diese Frauen trauerten ja gar nicht. Sie machten nur so! Sie waren wie Schauspieler, die jetzt Trauer spielten.

Er hatte es vielleicht im Eifer des Gefechtes vergessen, vielleicht zum ersten Mal in dieser Form so überhaupt erlebt: Bei der Totenklage waren es zu seiner Zeit schon lange nicht mehr die Nachbarn und Bekannten, die sie vollzogen, sie war schon längst zu einer festen Institution, zu einem Ritus geworden. Und für diese Zeremonie gab es mittlerweile bald in jedem Ort eine Gruppe von Frauen, die man mieten konnte, die gegen Bezahlung kamen, wenn jemand gestorben war, und unter lautem Geschrei, mit Weinen und Klagen, die Totengesänge darbrachten. Klageweiber nannte man sie.

Und Matthäus schildert in seiner Version dieses Wunderberichtes sogar ganz ausführlich, wie sie bei ihrer Tätigkeit von Flötenspielern unterstützt wurden. Die Totenklage, diese Zeremonie, die ursprünglich aus der Anteilnahme der Nachbarn und Bekannten erwachsen war, war im Laufe der Jahre längst zu einer professionellen Sache geworden.

Und die Frauen vor dem Haus des Jaïrus verstanden ihr Geschäft. Sie klagten so vortrefflich, dass Jesus zuallererst zu ihnen ging, dass Jesus glaubte, zuallererst sie trösten zu müssen. "Keine Angst, es wird schon alles gut, das Mädchen schläft nur!"

Sie lachten ihn aus. "Was willst Du denn? Stör uns nicht und lass uns weitermachen. Die ist tot, das erleben wir jeden Tag." Und sie lachten ihn aus.

Versuchen Sie sich vorzustellen, wie sich Jesus gefühlt haben muss! Wie kann man Mitgefühl spielen! Wie kann man Schmerz und Trauer in Szene setzen! Das, was ursprünglich einmal dazu da war, die Angehörigen in ihrem Schmerz aufzufangen, ihnen zu zeigen, dass sie von den Freunden und Bekannten nicht alleingelassen sind, es war zum blutleeren Ritual, zur bloßen Zeremonie verkommen, zu einem liturgischen Spiel, das von Berufstrauernden vollzogen wurde.

Jesus war nicht nur entsetzt, Diese gespielte Trauer, sie trieb ihm den Zorn ins Gesicht. Sie haben gehört, wie er reagierte. Die Einheitsübersetzung schreibt: "Er schickte alle hinaus." Und das ist noch geschönt!

Da spürt man deutlich, dass hier Übersetzer am Werk waren, die schon fast über die Maßen dafür sorgten, dem Text alle Härten und Kanten zu nehmen, damit er sich auch unter allen Umständen harmonisch in einen Gottesdienst einfügen kann. Das Wort "ekballo", das der griechische Urtext an dieser Stelle verwendet, meint weit mehr, als einfach nettes, freundliches Hinausschicken. Man muss das hier übersetzen mit: "Er warf Sie hinaus."

Jesus wirft die ganze Gesellschaft hinaus, genauso wie er später die Händler aus dem Tempel hinaustreiben wird, ein Anlass, für den Markus dann wieder genau das gleiche griechische Wort verwenden wird: "ekballo" - hinauswerfen. Er wirft sie hinaus.

Angesichts dieser Klageweiber ist es vorbei mit dem lieben, freundlichen Jesus, da hat seine Sanftmut dann ein Ende, da packt ihn dann der heilige Zorn. Nicht, dass er etwas gegen Schauspiele hätte, aber hier stand ein Vater und eine Mutter - Menschen in existentieller Not, denen war die Tochter gestorben, und da waren einige, die jetzt Mitgefühl spielten, die jetzt vorgaben, etwas zu empfinden, was gar nicht da war.

Schon schlimm genug, wenn eine gottesdienstliche Feier, wie diese Totenklage, zum blutleeren Ritus werden kann, zum liturgischen Spiel, das mich selbst nicht mehr berührt. Wenn aber selbst mein Mitgefühl gespielt ist, wenn Mitmenschlichkeit zum Schauspiel verkommt, dann grenzt das an Heuchelei. Und wenn es eines gab, was Jesus tatsächlich in Rage versetzte, wenn es etwas gab, was ihm den Zorn ins Gesicht trieb, dann war es so ein Vortäuschen von Mitmenschlichkeit, die man absolut nicht besaß.

Denn Vortäuschen von Gefühlen ist Heuchelei, und Heuchelei, das ist etwas, was Jesus auf den Tod nicht ausstehen kann.

Amen.

(gehalten am 30. Juni 1991 in der Schlosskirche Mannheim)

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