Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

12. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (2 Kor 5,14-17)

Brüder! Die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben. Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde. Also schätzen wir von jetzt an niemand mehr nur nach menschlichen Maßstäben ein; auch wenn wir früher Christus nach menschlichen Maßstäben eingeschätzt haben, jetzt schätzen wir ihn nicht mehr so ein. Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. (2 Kor 5,14-17)

"Riechen Sie die Bratkartoffel?"

Liebe Schwestern und Brüder,

so versuchte ein Breisacher einem der immer mehr werdenden "Hergloffenen" und "Rie'gschmeckten" bei einer Fasnachtssitzung den Breisacher Ruf zu erklären. In Breisach heißt es nämlich nicht "Narri" und "Narro" und erst recht nicht "Ahoi", in Breisach ruft man - vor allem nach den Pointen einer Büttenrede - ganz einfach "Schmäcksch de Brägel?" Und alle antworten selbstredend mit "Ah jo!"

"Schmäcksch de Brägel?" - "Riechen Sie die Bratkartoffel?" das ist ohne Zweifel eine wörtliche Übersetzung dieses wunderbar traditionellen Rufes, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass der verdutzte Norddeutsche mit dieser Übersetzung sehr viel hatte anfangen können. Da hilft kein wörtliches Übertragen. Um diesen Satz verständlich zu machen, muss man schon ein wenig umschreiben.

Die Redensart "den Braten riechen!" kommt vielleicht noch am nächsten. So müsste man etwa übersetzen mit: "Riechen Sie den Braten?" Oder, je nach Situation ganz einfach: "Na, haben Sie's kapiert?" Und die Antwort lautet dann selbstredend: "Aber ja doch!" Für mich ist das wieder einmal eines der vielen Beispiele, dass es nicht damit getan ist, einfach Wort für Wort zu übersetzen.

Das ist vor allem bei Texten schwierig, die von unserem Sprachempfinden ganz weit entfernt sind, wie etwa bei biblischen Texten. Und deshalb tue ich mich auch ganz schwer, wenn mich Menschen immer wieder nach einer möglichst "wörtlichen" Übersetzung der Bibel fragen. Damit meinen sie schließlich meist, eine wirklich richtige Übersetzung der Bibel. Die aber wird es nicht geben. Mit "riechen Sie die Bratkartoffel" ist es eben nicht getan. Ich muss nicht nur die Worte übersetzen, ich muss übersetzen, was diese Worte meinen. Sonst bleibt die Übersetzung weithin unverständlich. Wer schon einmal im Internet einen Text hat automatisch übersetzen lassen, der weiß, wovon ich spreche.

Aber wenn ich den Sinn eines Textes suche, dann beginne ich auch schon immer mit einer Interpretation, einer Auslegung. Und da gibt es dann immer auch verschiedene Möglichkeiten, zwischen denen ich abzuwägen habe. Und ganz selten ist es, dass eine Möglichkeit wirklich alle Aspekte umfasst.

Hinzu kommt dann noch, dass natürlich auch noch eine Rolle spielt, wofür eine solche Übersetzung gedacht sein soll. Wenn ich einen wissenschaftlichen Text benötige, dann kann der auch ruhig mal holprig sein, wenn er in die Lebenssituation von jungen Menschen sprechen soll, dann darf die Sprache nicht zu antiquiert klingen, und wenn die Übersetzung für den gottesdienstlichen Gebrauch gedacht ist, dann sollte man sie auch gut vortragen können und sie sollte irgendwie auch schicklich sein.

Vergangenen Dienstag zum Beispiel hat unsere Lektorin in der Abendmesse die Stelle aus dem 21. Kapitel des 1. Königbuches vorgetragen, in der Gott androht, dass er von Ahabs Geschlecht alles ausrotten werde, "was männlich ist". Das stimmt, ist aber alles andere als wörtlich. Wörtlich steht da, nicht "alles was männlich ist", wörtlich heißt es, "alles, was an die Wand pisst". Entschuldigung, aber das steht da. Aber so kann man das im Gottesdienst eben kaum vorlesen und wenn die Übersetzung für den Zweck, für den sie gedacht ist, nicht taugt, dann ist es auch keine gute Übersetzung. Deshalb ist der Ausdruck "alles, was männlich ist", in diesem Zusammenhang wohl auch vollkommen richtig. Denn nicht immer ist die wörtliche Übersetzung auch die richtige. Übersetzen heißt eben nie einfach Wort für Wort zu übertragen. Übersetzen heißt den Sinn der Worte in eine andere Sprache zu überführen und den Text damit natürlich auch zu interpretieren. Eine interpretationsfreie Übersetzung gibt es nicht, sie wäre geistlos und meist auch sinnlos. Wenn man die wörtliche Übertragung immer einer interpretierenden, einer wirklichen Übersetzung vorziehen müsste, dann müsste demnächst wohl auch in den Königsbüchern jene Stelle mit "alles männliche" durch jenen wörtlicheren Ausdruck - den mit der Wand eben - geändert werden. Das wäre vielleicht lustig, aber eigentlich Quatsch. Der Sinn ist doch das wirklich entscheidende.

Aber woher weiß ich, wann ich diesen Sinn wirklich treffe? Woher weiß ich , dass ich richtig übersetzt habe, dass eine Übersetzung gut ist und ich ihr trauen kann?

Nun, einmal hängt das natürlich damit zusammen, wie erfahren ein Übersetzer in der Sprache und in den Zusammenhängen des Stoffes ist, den er zu übertragen hat. Einem guten Übersetzer kann man schon manches zutrauen.

Gerade dann aber, wenn es an die Interpretation geht, dann sind Gewährsleute sehr hilfreich. Am besten sind da Menschen, die den Autor kennen, oder wissen, was er wohl damit gemeint hat, wenn er in seiner Sprache so und nicht anders formulierte. Sie können ganz wichtige Hilfestellungen zu manchen problematischen Stellen geben. Sie können uns zeigen, wie man sie wohl adäquat in unsere Sprache überträgt.

An einer Stelle, die in letzter Zeit viel diskutiert wurde, haben wir einen sehr guten Gewährsmann, einen der das Anliegen Jesu gut zu interpretieren wusste, so gut, dass wir seine Schriften selbst nicht minder als heilige Schriften verehren.

Sie wissen, in den letzten Wochen wurde viel darüber diskutiert, für wen Christus in seinem Sterben sein Blut vergossen hat. Der Gewährsmann, den ich eben meinte, das ist der Apostel Paulus. Und der gibt in diesem Zusammenhang eine sehr eindeutige Auskunft. Wir haben sie eben in der Lesung gehört. Er sagt es sogar gleich mehrfach: "Einer ist für alle gestorben. also sind alle gestorben. Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde."

Damit ist eigentlich autoritativ geklärt, dass Christus sein Blut für alle vergossen hat. Im Hochgebet soll es zukünftig nicht mehr "für alle" sondern "für viele" heißen. "Für viele" mag wörtlich sein. Hoffentlich gehört diese Übersetzung dann aber nicht zu jenen, die bei Klassenarbeiten rot unterschlängelt würden. Manchmal ist wörtlich nämlich haarscharf daneben und manchmal ja sogar ein ganzer Fehler.

Amen.

(gehalten am 24. Juni 2012 in der Antonius- und Peterskirche, Bruchsal)

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