Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

12. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Ijob 38,1. 8-11)

Da antwortete der Herr dem Ijob aus dem Wettersturm und sprach: Wer verschloss das Meer mit Toren, als schäumend es dem Mutterschoß entquoll, als Wolken ich zum Kleid ihm machte, ihm zur Windel dunklen Dunst, als ich ihm ausbrach meine Grenze, ihm Tor und Riegel setzte und sprach: Bis hierher darfst du und nicht weiter, hier muss sich legen deiner Wogen Stolz? (Ijob 38, 1.8-11)

"Na, wer hats erfunden?"

Nein, ich meine jetzt nicht das bekannte Kräuterbonbon, das Sie sicher - zumindest aus der Werbung - kennen. Sie wissen doch: die mit den etwas untersetzten Herren in der Sauna, die in gebrochenem Deutsch von sich geben:
"Deshalb haben wir Schweden erfunden köstliches Kräuterbonbon" wo dann postwendend der kleine Schweizer die penetrante Frage stellt: "Na, wer hats erfunden?"

Liebe Schwestern und Brüder,

nein, Ricola meine ich jetzt nicht, auch wenn ich zugegebenermaßen daran gedacht habe, bei der heutigen Lesung. Hat ja was davon - von dieser Frage: "Wer hats erfunden?" Oder - in unserem Fall - besser gesagt: "Wer hats gemacht?"

Hier ist es nur kein kleiner Schweizer der diese Frage stellt, hier kommt sie von Gott selbst. Und es geht auch nicht um ein Kräuterbonbon! In der Lesung eben, aus dem Buch Ijob, da ging es unter anderem - erinnern Sie sich? - um die Wolken und um das Wetter.

Wer hats gemacht, das Wetter?

Und sagen Sie jetzt blos nicht: der Petrus! Auch wenn unsere Peterskirche in diesen Tagen gleichsam ihren Namenstag feiert - man muss es trotzdem so deutlich sagen: Dass der Petrus fürs Wetter zuständig wäre, das ist schlicht und ergreifend frommer Blödsinn und taugt bestenfalls für nette Geschichten und erbauliche Witze.

Im Himmel hat die arbeitsteilige Gesellschaft noch immer keinen Einzug gehalten. Warum sollte sie das auch. Gott hat die Fäden in der Hand und zwar alle - und das ist auch gut so.

Nur weil Petrus einen Schlüssel als Attribut trägt, heißt das noch lange nicht, dass er den himmlischen Wasserhahn auf- oder zuschließen würde. Der Petrus macht unser Wetter nicht.

Wer hats gemacht?

"Wer verschloss das Meer mit Toren, als schäumend es dem Mutterschoß entquoll, als Wolken ich zum Kleid ihm machte, ihm zur Windel dunklen Dunst, als ich ihm ausbrach meine Grenze, ihm Tor und Riegel setzte und sprach: Bis hierher darfst du und nicht weiter, hier muss sich legen deiner Wogen Stolz?"

Ja, wer hat das alles gemacht? In der Frage Gottes, in diesen poetischen Zeilen steckt die Antwort ja gleichsam schon drin.

Und wir können nicht anders, als in diese Antwort einzustimmen. So wie in der Werbung dann alle dasitzen und Ricola singen, so bleibt uns nichts anderes übrig als uns die Antwort der Schrift zu eigen zu machen: Gott war es, er hat Himmel und Erde geschaffen und er lenkt sie in den Bahnen seiner Ordnung. Er spendet Regen zur rechten Zeit und Sonne und Wärme, wie wir es brauchen. In einem großen Gedicht, einer gewaltig angelegten Gottesrede, aus der wir hier nur einen verschwindend kleinen Bruchteil gehört haben, macht das Buch Ijob deutlich, dass Gott der Urheber aller Dinge ist.

Aber es sagt noch viel mehr. Denn eigentlich geht es an dieser Stelle ja nicht um Meer oder Wolken oder Wetter. Eigentlich geht es um eine Antwort, um die Antwort auf die Frage des Ijob nämlich: Antwort auf die Frage nach dem "Warum?" Vielleicht die Frage, die Menschen Gott am häufigsten stellen und auf die sie in den seltensten Fällen eine Antwort erhalten.

Warum regnet es, wenn es nicht regnen soll? Warum geht es dem, der es in unseren Augen doch nicht verdient, ganz gut? Und der, dem es eigentlich gut gehen müsste, leidet unsäglich? Warum setzen sich die Starken immer durch und die, die sich an Gott halten, ziehen dauernd den Kürzeren? Warum gibt es Regionen mit Überfluss und Regionen, in denen die Menschen Hungers sterben? Warum gibt es Naturkatastrophen in einer Welt, die doch nach Gottes Ordnung funktionieren soll? Warum sterben Kinder? Und warum gibt es das Leid? Das alles soll Gottes Werk sein?

Ijob opponiert mit der ganzen Kraft seiner Unschuld gegen die augenscheinliche Ungerechtigkeit Gottes. Und er fordert von Gott, dass er die Dinge anders handhaben solle, gerechter - so, wie man es eigentlich mit seinem gesunden Menschenverstand auch erwarten dürfte.

In dieser Situation - so schildert es die Bibel - ergreift Gott das Wort. Nicht aber, um die Frage nach dem Warum zu beantworten, nicht um sich zu rechtfertigen, er überschüttet den Ijob gleichsam mit einem Berg von Fragen: "Wer hats gemacht?"

"Wo warst du denn, als ich die Erde gründete? Sag an, wenn du so große Einsicht hast! Wer setzte fest ihr Maß? Du weißt es ja. Wer spannte über sie die Messschnur aus? Worauf sind ihre Pfeiler eingesenkt, und wer hat ihren Eckstein eingefügt...."

Es ist ein richtiger Schwall von Fragen, der über Ijob ausgegossen wird. Und er steht dann auch da wie ein begossener Pudel.

Was soll er da entgegnen? Gott hat ihn ganz gewaltig in die Schranken verwiesen. Als ob ein Mensch in der Lage wäre, all die Zusammenhänge zu durchblicken, um einen wirklichen Sinn zu entdecken.

Aber Gott verweist den Ijob nicht nur in seine Schranken. Er macht noch etwas ganz anderes. Er stellt ihm die entwaffnende Frage: "Wer hats gemacht!"

"Gott", kann der gläubige Mensch nur antworten. Und dieser Gott ist nicht nur der Schöpfer des Himmels und der Erde, er lenkt die Welt an jedem Tag.

"Wer machts?" Nichts anderes bleibt uns, als zu antworten: "Du!"

Und Gottes ganze Rede klingt wie eine einzige Bitte: "Dann vertrau mir doch auch!"

Ein ganz klein wenig mehr Vertrauen - darum geht es Gott. Das ist fast schon die Quintessenz des Ijobbuches.

Die Antwort auf unser Fragen erhalten wir nicht. Was aber alles Gott für uns bereits getan hat, das macht er uns aufs Neue deutlich. Er hats gemacht und niemand sonst. Und er wirkt es jeden Tag aufs Neue. Und ein bisschen mehr Vertrauen, ein klein wenig mehr Vertrauen in ihn, das würde er sich da so manches Mal schon wünschen. Ein klein wenig mehr Gottvertrauen, könnte er da doch eigentlich von uns erwarten...

(gehalten am 24./25. Juni 2006 in den Kirchen der Seelsorgeeinheit St. Peter, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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