Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

12. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Mk 4,35-41)

An jenem Tag, als es Abend geworden war, sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren. Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; einige andere Boote begleiteten ihn. Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass es sich mit Wasser zu füllen begann. Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich, und es trat völlige Stille ein. Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? Da ergriff sie große Furcht, und sie sagten zueinander: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen? (Mk 4,35-41)

Es war Jahrmarkt in einer Kleinstadt, ein großes Fest für Jung und Alt. Schausteller aus allen Teilen des Landes hatten ihre Buden aufgebaut und überall duftete es nach allerlei Leckereien. Die große Attraktion jenes Tages aber war eine Artistenfamilie, die ein Seil über den ganzen Marktplatz gespannt hatte. Ohne Netz und in schwindelerregender Höhe zeigte Sie ihre Kunststücke, und Höhepunkt der Darbietung war, als einer aus der Truppe - hoch oben auf dem Seil - den Marktplatz überquerte, und das indem er eine Schubkarre vor sich her über das Seil schob, eine Schubkarre, in der ein mit Kartoffeln voll gefüllter Sack lag. Alles blickte nun wie gebannt auf den jungen Artisten, bis er mit der Karre wieder auf dem festen Podest angelangt war. Dann brach stürmischer Beifall los, den erst eine ausdrucksstarke Geste des Artisten wieder zum Verstummen brachte. Mit wohlgesetzten Worten begann der junge Mann nun zu reden und sagte: "Hochverehrtes Publikum. Ich bitte nun um Ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Es folgt jetzt der absolute Höhepunkt unseres Programmes. Mit verbundenen Augen werde ich nun diese Schubkarre zurück über das Seil schieben. Ich bin vollkommen davon überzeugt, dass ich es heute schaffen werde, und ich denke, auch Sie trauen es mir jetzt uneingeschränkt zu!" Die Zuschauer applaudierten überaus kräftig, und bekundeten damit ihre Zuversicht, dass dies eine großartige Darbietung werden würde. Noch einmal bat der Artist ganz theatralisch mit einer Handbewegung die Menge um Ruhe und sagte: "Das war aber eine recht mäßige Zustimmung, das möchte ich schon noch einmal etwas genauer wissen. Sie da unten..." Und damit zeigte er auf einen etwas rundlichen Mann in der Menge, der sich durch seinen lautstarken Beifall ganz besonders hervorgetan hatte, "... Ja, Sie da in der dritten Reihe, sind Sie tatsächlich überzeugt davon, dass ich die Überquerung mit verbundenen Augen schaffen werde?" "Natürlich schaffen sie es!" rief der Mann von unten hoch und begann erneut ganz laut zu applaudieren. "Also gut", sprach der Artist, nahm seine Schubkarre, drehte sie kurz herum, so dass der Kartoffelsack vom Seil herunter laut platschend auf die Erde fiel, "Also gut, wenn Sie so überzeugt davon sind, wenn es also keinen Zweifel für Sie gibt, dass ich es schaffen werde, dann kommen Sie jetzt auf das Seil und setzen sich hier in meine Schubkarre!"

Liebe Schwestern und Brüder,

ich brauche die Geschichte nicht weiter zu erzählen. Der Mann ist natürlich nicht auf das Seil geklettert, und er hat sich natürlich auch nicht in die Schubkarre des Artisten hineingesetzt. Davon zu sprechen, dass man einem anderen etwas zutraut das ist eine Sache. Sich dann aber selbst tatsächlich auf Gedeih und Verderb dem anderen auszuliefern, sich ganz in seine Hand zu geben, das ist dann noch einmal etwas ganz anderes.

Die einen machen diese Erfahrung auf dem Jahrmarkt, andere wenn sie mit dem Boot auf dem See unterwegs sind. Denn genauso wie dieser Mann letztendlich entdecken musste, dass er von den Fähigkeiten des Artisten gar nicht mehr so überzeugt war, als es nicht mehr darum ging, einen Kartoffelsack zu transportieren, als es vielmehr um ihn selber ging, genauso mussten die Jünger erfahren, dass ihr Vertrauen in diesen Jesus von Nazaret, als es sie dann selber betraf, sehr schnell an seine Grenzen stieß.

Ich kann noch so stark erleben, was jemand kann und vermag, ich kann noch so sehr von seinen Fähigkeiten und Qualitäten begeistert sein, Vertrauen, oder gar Glaube, habe ich dadurch noch lange nicht. Was mein Vertrauen in einen anderen wert ist, das zeigt sich erst, wenn ich selbst davon betroffen bin.

Als der Mann selber auf das Seil klettern sollte, als das Boot mit den Jüngern zu schwanken begann, da blieb von all der Zuversicht nichts anderes als Angst. Und Jesus bringt es ganz deutlich auf den Punkt: Wer Angst hat, hat noch keinen Glauben. Wer Angst hat, kann nicht von sich sagen, dass er schon richtig glauben würde, und schon gar nicht an den christlichen Gott.

Da hilft es auch nichts, wenn ich mir selbst noch so oft einrede, dass ich Gott schließlich alles Mögliche zutraue, ihn für mächtig ja gar für allmächtig halte, und sogar Allmächtiger zu ihm sage. Oftmals ist diese Vorstellung von Gott dem Allmächtigen ja gerade der Grund für noch größere Angst, Angst vor diesem unberechenbaren, allgewaltigen, unbeherrschbaren und allmächtigen Gott. So etwa wie die Jünger erschraken, als sie erlebten, wie Gott in Jesus Christus den Sturm besänftigte, und sich als Herr über die Naturgewalten erwies. Es ergriff sie große Furcht, heißt es, und sie sagten zueinander: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen!

"Warum habt ihr solche Angst?" und da spricht traurige Betrübtheit aus Jesu Worten, "Habt ihr noch keinen Glauben?"

Es tut Not, unsere eigene Vorstellung von Gott, nach Ängsten und Befürchtungen zu durchforschen. Jesus fordert uns geradewegs dazu auf: "Fürchtet euch nicht!" Mit dieser Aufforderung beginnt die Ankündigung seiner Geburt durch die Engel, mit diesem Satz leitet er selbst jede Begegnung mit ihm nach seiner Auferstehung ein. "Fürchtet euch nicht!"

Gottesbegegnung geschieht wo Furcht überwunden wird. Denn Glaube fängt da an, wo ich aufhöre; aufhöre vor einem allmächtigen Gott zu zittern.

Glaube beginnt, wo ich anfange, anfange zu begreifen, dass dieser Gott deshalb der Allmächtige ist, weil er mächtig ist, und zwar mächtig alles für mich zu tun. Glaube heißt, anfangen zu begreifen dass dieser allmächtige Gott mein Gott ist, weil er all dessen nicht nur mächtig ist, sondern weil er für mich all dies auch tut.

Ja, Herr, ich glaube, hilf du meinem Unglauben.

Amen.

(gehalten am 22. Juni 1997 in der Stadtkirche Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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