Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

10. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Mk 3,20-35 in Verbindung mit Mi 6,2-8)

In jener Zeit ging Jesus in ein Haus, und wieder kamen so viele Menschen zusammen, dass er und die Jünger nicht einmal mehr essen konnten. Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen. Die Schriftgelehrten, die von Jerusalem herabgekommen waren, sagten: Er ist von Beelzebul besessen; mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus. Da rief er sie zu sich und belehrte sie in Form von Gleichnissen: Wie kann der Satan den Satan austreiben? Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben. Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben. Und wenn sich der Satan gegen sich selbst erhebt und mit sich selbst im Streit liegt, kann er keinen Bestand haben, sondern es ist um ihn geschehen. Es kann aber auch keiner in das Haus eines starken Mannes einbrechen und ihm den Hausrat rauben, wenn er den Mann nicht vorher fesselt; erst dann kann er sein Haus plündern. Amen, das sage ich euch: Alle Vergehen und Lästerungen werden den Menschen vergeben werden, so viel sie auch lästern mögen; wer aber den Heiligen Geist lästert, der findet in Ewigkeit keine Vergebung, sondern seine Sünde wird ewig an ihm haften. Sie hatten nämlich gesagt: Er ist von einem unreinen Geist besessen. Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben vor dem Haus stehen und ließen ihn herausrufen. Es saßen viele Leute um ihn herum und man sagte zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir. Er erwiderte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter. (Mk 3,20-35)

Hört zu, ihr Berge, beim Rechtsstreit des Herrn, gebt acht, ihr Fundamente der Erde! Denn der Herr hat einen Rechtsstreit mit seinem Volk, er geht mit Israel ins Gericht: Mein Volk, was habe ich dir getan, oder womit bin ich dir zur Last gefallen? Antworte mir! Ich habe dich doch aus Ägypten heraufgeführt und dich freigekauft aus dem Sklavenhaus. Ich habe Mose vor dir hergesandt und Aaron und Mirjam. Mein Volk, denk daran, was Balak plante, der König von Moab, und was ihm Bileam antwortete, der Sohn Beors; denk an den Zug von Schittim nach Gilgal, und erkenne die rettenden Taten des Herrn. Womit soll ich vor den Herrn treten, wie mich beugen vor dem Gott in der Höhe? Soll ich mit Brandopfern vor ihn treten, mit einjährigen Kälbern? Hat der Herr Gefallen an Tausenden von Widdern, an zehntausend Bächen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen hingeben für meine Vergehen, die Frucht meines Leibes für meine Sünde? Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott. (Mi 6,2-8)

Liebe Schwestern und Brüder,

wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter - das sagt sich so leicht! Wer den Willen Gottes erfüllt! Was ist das aber? Was ist das, der Wille Gottes? Wie soll ich wissen, was Gott jetzt im Augenblick will? Wie soll ich das wissen, wenn er's mir nicht sagt!

Wie oft bin ich schließlich schon dagestanden und habe mich gefragt: Was soll ich denn jetzt tun? Was ist denn jetzt richtig? Was ist jetzt wohl Gottes Wille? Und es kam keine Stimme vom Himmel, ja nicht einmal eine innere Eingebung. Ich bin allein dagestanden und wollte ihn gerne tun, den Willen Gottes. Aber wie soll ich es anstellen, wenn ich nicht weiß, was er will, wenn er's mir nicht sagt!

Und hinzu kommt dann ja noch das dumpfe Gefühl, ob ich's überhaupt könnte; wenn ich diesen Gotteswillen, dann wirklich erkennen würde, wenn ich wirklich wüsste, was er jetzt von mir verlangt, vielleicht wäre ich dann ja überfordert, vielleicht wäre es dann ja zu viel, was er von mir wollte, vielleicht würde ich dann ja auch gar einen Rückzieher machen, so nach dem Motto, das möchte ich jetzt aber nicht, das ist mir zu schwer, oder das will ich jetzt aber nicht aufgeben.

Was Gott eigentlich von mir will, und - wenn ich's wüsste - wie ich dann wohl reagieren würde, das ist ein Problem, das mich seit langem ungeheuer beschäftigt. Und es ist eine Frage mit der ich wohl endgültig nie zu Rande kommen werde.

Ich bin aber mittlerweile - so denke ich - zumindest einen Schritt weiter gekommen, und dabei hat mir ein Text aus dem Alten Testament ungeheuer viel geholfen.

Ein Text, der für mich deshalb auch mit zu den schönsten und wichtigsten Stellen in der ganzen Bibel geworden ist. Leider ist er als Lesung für die Sonntage überhaupt nicht vorgesehen, die Liturgen, die unsere Leseordnung zusammengebastelt haben, haben ihn aus unerfindlichen Gründen einfach ausgeschieden. Und ich fürchte, dass ihn deswegen die meisten so auch gar nicht kennen.

Ich habe ihn für heute daher extra ausgewählt, denn ich glaube, dass er mit am besten beleuchtet, was das denn eigentlich ist, das, was wir Wille Gottes nennen.

Sie haben diesen Text eben als Lesung gehört. Es handelt sich um den Anfang des sechsten Kapitels des Michabuches.

Sie erinnern sich: da steht nun ein Mensch genau in dieser Situation. Er steht vor Gott mit der Frage: Was soll ich denn tun? Was will denn dieser Gott von mir? Welche Leistungen verlangt er denn alle von mir? Was muss ich tun, um ihm gerecht werden zu können?

Und dieser Mensch bekommt nun eine Antwort, die vielleicht die kürzeste und prägnanteste Umschreibung des Gotteswillens überhaupt ist. Der Prophet Micha sagt: Stell dich doch nicht so an! Es ist dir doch gesagt worden, was der Herr von dir erwartet! Es ist Dir gesagt worden was gut ist! Und nichts anderes erwartet Gott von dir, nichts anderes, als das, was gut ist. Und das meint im letzten nichts anderes, als das, was gut für dich ist!

Das ist nach Ausweis der Bibel der Wille Gottes! Nichts anderes, als das, was gut für mich ist, genau das will Gott. Und er will es auch nicht von mir. Er will es für mich!

Die großartigste Umschreibung des Gotteswillens, die ich kenne: Gott will nichts anderes, als das, was gut für mich ist. Keine gewaltigen Leistungen, keine unmotivierte Askese und Aufopferung, keine Griesgrämigkeit oder Trauermiene! Er will das, was für mich gut ist.

Und ich brauche mich deshalb auch nicht nach einem abstrusen Gotteswillen zu fragen, ich brauche nicht abstrakt zu fragen, was ist denn jetzt wohl der Wille Gottes. Seit ich diese Michastelle kenne, kann ich ganz einfach und ganz konkret fragen, was ist denn jetzt wohl gut für mich! Denn genau das ist es, was Gott letztlich für mich will!

Freilich ist das, was wirklich gut für mich ist, nicht immer identisch mit dem, was ich jetzt gerade will. Ich darf es deswegen nicht einfach verwechseln mit der Erfüllung all meiner Wünsche, meiner Vorstellungen oder irgendwelcher Begierden. Und es hat auch nichts zu tun, mit egoistischem Streben, persönlichem Vorteil oder irgendeiner billigen Selbstverwirklichung. Das Streben nach dem, was für mich gut ist, das ist kein Freibrief für den Einsatz von Ellenbogen oder den Marsch über Leichen.

Wenn Gott das Gute für mich im Blick hat, dann geht es ihm nicht um kurzfristige Glückserlebnisse, nicht um oberflächliche Zufriedenheit oder gar um eine bequeme Sorglosigkeit. Als wenn es uns schon zufrieden machen würde, wenn wir keine materiellen Sorgen mehr hätten.

Wenn es Gott um das Gute für mich geht, dann ist dieses Gute anscheinend immer eingebettet, in das Gute auch für den anderen Menschen. Denn das, was wirklich gut für mich ist, das scheint gleichzeitig auch das zu sein, was auch für den anderen jetzt im Augenblick das Beste ist.

Und wenn ich ehrlich bin, dann spüre ich das ja auch - zumindest ab und zu. Ich habe doch meist genau dann das erfüllendste und beglückendste Gefühl, wenn ich mich wirklich ganz für jemanden anders eingesetzt habe, wenn ich 'mal gar nicht zuerst an mich gedacht habe, wenn es mir wirklich um den andern ging. Ich spüre doch immer wieder, wenn auch meist erst im Nachhinein, dass es genau richtig war, nicht das zu tun, wovon ich mir jetzt den größten Nutzen versprochen habe, mein Tun und Handeln an dem auszurichten, was mir jetzt für den anderen am sinnvollsten schien. Ich spüre immer wieder, dass dies dann doch auch genau das war, was mir letztlich am besten tut. Das was für mich gut ist, das ist meist genau das, was auch andern gut tut, was unserer miteinander fördert, und was uns gemeinsam weiterbringt.

Deswegen konkretisiert der Prophet Micha den Gotteswillen auch in dieser ungeheuer prägnanten Formulierung. Deswegen umschreibt er das, was für mich im Letzten gut ist auch mit diesen - für mich - so ungeheuer großartigen Worten: Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist, und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Gerechtigkeit üben, Güte und Treue lieben, und in Dienmut, in Dienmut wandern mit deinem Gott.

Das ist nach Ausweis der Bibel der Wille Gottes, das will Gott von uns. Und er will es, weil es für uns gut ist. Ich habe eingangs bereits gesagt, dass mein Problem damit nicht gelöst ist, ich weiß in den verschiedenen Situationen dadurch immer noch nicht, was jetzt konkret getan werden muss, und was heute und jetzt genau das richtige ist. Meine Frage, was willst du denn jetzt wirklich, und wie soll ich mich denn jetzt tatsächlich entscheiden, die ist damit immer noch nicht beantwortet.

Aber seit mir durch den Propheten Micha ganz neu bewusst geworden ist, dass das, was Gott von mir möchte, genau das ist, was am Ende auch gut für mich ist, seither hat dieses Fragen etwas von seiner Bedrohlichkeit verloren. Und seither kann ich zumindest, mit einer ganz anderen Intensität und auch mit einem weitaus größeren Vertrauen darum beten, dass letztlich nicht mein, sondern Dein Wille geschehe.

Amen.

(gehalten am 5. Juli 1994 in der Schlosskirche Mannheim)

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