Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

9. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (2 Kor 4,6-11)

Brüder! Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi. Diesen Schatz tragen wir Apostel in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt. Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. Wohin wir auch kommen, immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird. Denn immer werden wir, obgleich wir leben, um Jesu willen dem Tod ausgeliefert, damit auch das Leben Jesu an unserem sterblichen Fleisch offenbar wird. (2 Kor 4,6-11)

Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Und nicht nur die Schwüre von Treue, wie es in dem bekannten Lied heißt. Am Aschermittwoch endet auch so manch schöne Fassade. Wenn die Masken und die Kostüme abgelegt werden, dann ist es vorbei mit dem schönen Schein.

Hinter manch strahlendem Fasnachtsprinzen, dem beim Umzug die Herzen aller Frauen zugeflogen sind, verbirgt sich schließlich bei Licht besehen nichts anderes als ein langweiliger Buchhalter. Und manche prachtvoll kostümierte Schöne der Nacht entpuppt sich am Aschermittwoch eben wieder als einfache graue Maus.

Liebe Schwestern und Brüder,

das ist halt das Problem mit den Verkleidungen und Maskeraden: man muss sehr aufpassen, dass man nicht einfach auf den schönen Schein hereinfällt. Und das nicht nur an Fasnacht. Das ganze Jahr über muss man sich schließlich davor hüten dem Schein zu erliegen.

Jeder, der zum Beispiel schon einmal Pralinen gekauft hat, kann ein Lied davon singen. Wenn man die Verpackung, all das Papier und Plastik abzieht, dann bleibt für die Schokolade meist nicht mehr viel übrig.

Das ist offensichtlich. Und doch fallen wir immer wieder darauf herein. Und die Industrie weiß darum nur zu gut. Sie weiß, dass Menschen sich immer wieder vom reinen Schein blenden lassen. Und sie macht ganz gute Geschäfte damit! So gute, dass sich wahrscheinlich kaum jemand leisten kann, ein Produkt ohne vielversprechende Verpackung, ohne ansprechendes Gehäuse, ohne den entsprechenden Schein auf den Markt zu werfen.

Wir haben uns schon so sehr an diesen Umstand gewöhnt, dass wir ganz große Mühe haben, damit zurecht zu kommen, wenn jemand dieses Spiel durchbricht. Wenn jemand plötzlich keinen Wert auf Schein legt, kein aufwendiges Geschenkpapier verwendet einen Schatz etwa in Zeitungspapier einwickelt, dann haben wir ganz große Mühe damit, überhaupt noch zu entdecken, dass es sich dabei ja um einen Schatz handelt. Wir sind schon so daran gewöhnt, die Dinge von der Verpackung her zu beurteilen, dass wir Mühe haben ohne das Drumherum den eigentlichen Wert zu begreifen.

Kein Wunder, dass wir uns mit unserem Gott da manchmal recht schwer tun. Denn er gehört zu denen, die dieses Verpackungsspiel nicht mitspielen. Er legt keinen Wert auf Schein. Er braucht keine Maskerade und er gibt sich auch nicht mit irgendwelchen Fassaden ab.

Er legt seinen größten Schatz in ganz zerbrechliche Gefäße, wie Paulus in der Lesung eben gesagt hat. Einen Menschen, in dessen Herz er selber wohnt, einen Menschen, den er liebt, der ihm unendlich viel bedeutet, einen solchen Schatz, den packt er in einen Körper, der allem entspricht, nur nicht dem Ideal, das wir aus der Werbung kennen.

Jeder und jede von uns, davon bin ich überzeugt, hätte den Körper in den er hineingesteckt worden ist, schon mehr als einmal am liebsten auf den Mond schießen wollen. Nicht nur weil er viel mehr Runzeln hat, als wir uns selber eingestehen wollen, weil der Bauch etwas zu dick und die Haare etwas zu dünn geraten sind, nein, vor allem, weil dieser Körper eben immer wieder einmal anfängt weh zu tun, weil es Schmerzen gibt und vieles dann nicht mehr so geht, wie wir es uns vorstellen, weil immer wieder ganz deutlich wird, dass wir in keiner großartigen Verpackung sondern eher in einem manchmal recht schwerfälligen, schmerzenden und nur bedingt funktionierenden Etwas, beherbergt sind.

Einen Schatz würden wir sicherlich da nicht hineinpacken, denn bei der Verpackung, da fällt es schon mehr als schwer diesen Schatz überhaupt noch zu entdecken.

Vielleicht ist die Lesung von heute deshalb so wichtig. Vielleicht ist sie deshalb sogar notwendig.

Es tut ab und an Not, wieder einmal daran erinnert zu werden, dass nicht die Glätte der Haut und der makellose Teint über den Wert eines Menschen entscheiden, dass nicht die volle Funktionsfähigkeit und wirtschaftliche Tauglichkeit die Bedeutung menschlichen Lebens ausmachen und auch dass nicht Krankheiten oder Behinderungen darüber entscheiden, welches Leben sinnvoll und welches lebensunwert geworden sein soll.

Die Äußerlichkeiten, die zu unserem Leben gehören und es prägen, sind nicht unser Leben. Sie sind ein sehr zerbrechliches Gefäß, ein Gefäß aber, in dem ein Schatz ruht: jener Mensch, der von Gott geliebt und von diesem Gott zu einem ganz besonderen Menschen gemacht worden ist.

Es ist gut, wenn wir ab und an daran erinnert werden. Denn wir dürfen nicht verlernen manchmal eben zweimal hinzuschauen, damit wir nicht bei den Äußerlichkeiten hängen bleiben, damit wir Menschen nicht nach dem Schein beurteilen, sondern wirklich dahinter blicken, auf das was wirklich ist.

Nicht die Verpackung macht den Wert aus. Verpackung ist nur Fassade, nur Schein, nur Maskerade. Und wie man sich in Maskeraden täuschen kann, das können wir in diesen Tagen ja ganz besonders lernen.

Schauen wir zweimal hin. Und schauen wir hinter die Masken. Entlarven wir den falschen Schein.

Natürlich entpuppt sich dann mancher Prinz lediglich als aufgeblasenes Landei. Aber solche Enttäuschungen sollten wir ruhig in Kauf nehmen. Denn hinter mancher Fassade, in manch zerbrechlichem Gefäß ruht noch so mancher unentdeckte Schatz.

Hinter manch hässlicher und furchterregender Hexenmaske verbirgt sich nämlich im Letzten ein ganz anmutiges Gesicht.

Amen.

(gehalten am 4./5. März 2000 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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