Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

6. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Lev 13,1-2. 42ac. 44a. 45-46 mit Mk 1,40-45)

Der Herr sprach zu Mose und Aaron: Wenn sich auf der Haut eines Menschen eine Schwellung, ein Ausschlag oder ein heller Fleck bildet, liegt Verdacht auf Hautaussatz vor. Man soll ihn zum Priester Aaron oder zu einem seiner Söhne, den Priestern, führen. Der Priester soll ihn untersuchen. Stellt er eine Schwellung fest, die wie Hautaussatz aussieht, so ist der Mensch aussätzig; er ist unrein. Der Priester muss ihn für unrein erklären. Der Aussätzige, der von diesem Übel betroffen ist, soll eingerissene Kleider tragen und das Kopfhaar ungepflegt lassen; er soll den Schnurrbart verhüllen und ausrufen: Unrein! Unrein! Solange das Übel besteht, bleibt er unrein; er ist unrein. Er soll abgesondert wohnen, außerhalb des Lagers soll er sich aufhalten. (Lev 13,1-2. 42ac. 44a. 45-46)

In jener Zeit kam ein Aussätziger zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde. Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es - werde rein! Im gleichen Augenblick verschwand der Aussatz, und der Mann war rein. Jesus schickte ihn weg und schärfte ihm ein: Nimm dich in acht! Erzähl niemand etwas davon, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring das Reinigungsopfer dar, das Mose angeordnet hat. Das soll für sie ein Beweis meiner Gesetzestreue sein. Der Mann aber ging weg und erzählte bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die ganze Geschichte, so dass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch außerhalb der Städte an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm. (Mk 1,40-45)

Ein Gramm pro Tonne - ein Gramm reicht aus. Ein Gramm Schwermetall, Schadstoffe, Erdöl - nur ein Gramm verseuchen eine ganze Tonne guten Wassers oder eine Tonne wertvollen Erdreichs.

Liebe Schwestern und Brüder,

das lehrt uns die Physik: Winzige Teile, kaum zu sehen - sie reichen aus, um große Mengen zu verunreinigen. So schnell wird Wasser, wird Erdreich, so schnell werden riesige Gebiete unbrauchbar.

Und was hier für unsere Umwelt gilt, das gilt auch für Menschen, das gilt auch für Völker.

Israel hat darum gewusst. Wenn etwas unrein ist, dann verunreinigt es alles andere in seiner Umgebung auch. Und Unreines, einen Menschen, der unrein ist, den muss man deshalb aussondern. Wer unrein war, wer nicht hundertprozentig in Ordnung war, der musste außen vor bleiben. Nur so konnte man schließlich die Reinheit bewahren, nur so blieb man selbst unversehrt: man musste sich von allem Unreinen, von allem Krankhaftem, von allem, was nicht ganz auf der Höhe ist, fernhalten.

Auf diesem Hintergrund sind die Reinheitsvorschriften des Alten Testamentes zu sehen. Die Reinheit des Volkes, die Reinheit des Ganzen, musste bewahrt werden. Alles Unreine, alle unreinen Menschen mussten deshalb ausgesondert werden.

Logisch eigentlich - aber grausam und nutzlos zugleich.

Denn ein Gramm pro Tonne reicht aus. Unreines kann ich auf Dauer nicht aussondern. Schon die kleinste Berührung reicht und die Verunreinigung zieht ihre Kreise. Schon das kleinste Vergehen, die kleinste Abnormität und jedes neue Versagen reichen aus, um weite Teile des Volkes in Mitleidenschaft zu ziehen.

Und die biblische Geschichte belegt dies ja. Es gab keine Zeit, in der das Volk wirklich heiliges Volk gewesen wäre. Alle Reinheitsvorschriften haben nichts daran geändert, dass immer wieder Teile des Volkes vom Glauben abfielen, zu anderen Göttern liefen, Götzen anbeteten und auf diese Art und Weise unrein wurden. Alle Reinheitsvorschriften haben die Reinheit des Volkes nicht zu schützen vermocht.

Die Theologen des Alten Testamentes trösteten sich in der Folge damit, dass es ja nicht auf die große Masse ankäme, dass die Qualität wichtiger wäre als die Quantität. Und ein heiliger Rest, der würde eben verbleiben. Nur ein heiliger Rest würde eben die Reinheit wirklich bewahren - aber auf den käme es Gott ja auch an.

Das erinnert mich, an so manche Einschätzung, die einem ja auch heute wieder begegnet. Wenn manche davon sprechen, dass die Kirche der Zukunft zwar eine kleine, aber eine heilige Kirche sei, dann muss ich an den Heiligen Rest aus der biblischen Geschichte denken. Nur ein Rest bleibt eben übrig, aber auf den - auf diesen Rest -, darauf käme es schließlich an. Und deshalb kann alles, was den hohen Reinheitsansprüchen nicht genügt, auch außen vor bleiben, abgesondert, ausgeschlossen bleiben. Manche Tendenzen in unserer Kirche weisen auch heute genau in diese Richtung.

Jesus gibt ein anderes Beispiel. Er sondert den Aussätzigen nicht ab, er heilt ihn. Und er macht dabei auf eindrückliche Art und Weise deutlich, dass solch eine Heilung nur funktioniert, wenn man den anderen, selbst den Unreinen, nicht etwa aussondert, sondern - ganz im Gegenteil - nur wenn man ihn nahe herankommen lässt. Er lässt ihn sogar auf Tuchfühlung heran kommen. Er berührt ihn und wird - nach biblischem Verständnis - dadurch sogar selbst unrein.

Aber genau so heilt er ihn.

Denn Heilung geschieht nicht dadurch, dass ich Krankes einfach auf die Seite schiebe und nicht mehr daran erinnert werden will. Heilung ist dort möglich, wo ich genau hinschaue, nach den Wurzeln frage und mich dann ganz dem Kranken zuwende. Aber dazu muss man das Kranke, das Aussätzige, das Schuldbeladene erst einmal an sich rankommen lassen. Nur so kann man Krankes heilen.

Das müsste uns ja schon aus dem Umgang mit uns selbst klar werden. Von all dem, was mir an mir selber nicht gefällt wird sich nämlich nichts ändern, wenn ich es einfach ausblende, verberge, zu verdecken suche - es lediglich nicht mehr wahrnehme. Dann verdränge ich nur.

Aber all das, was einfach nur verdrängt ist, zieht insgeheim seine Kreise und macht am Ende alles krank. Ich muss auch meine Schattenseiten an mich rankommen lassen, ich muss auch meine Fehler anschauen können und ich muss mir darüber im Klaren sein, dass ich auch diese Schattenseite habe, dass ich auch dieser schuldbeladene und alles andere als tolle Kerl - dass ich das auch bin. Wenn ich das nicht nüchtern betrachten lerne, werde ich nie eine Basis haben, auf der ich vernünftig weiterbauen kann.

Und was für mich gilt, das gilt für jeden Organismus - auch für den Organismus Kirche. Wir sind weder eine reine Kirche, noch eine Kirche der Heiligen. Wir sind eine Kirche der Sünder und wenn jemand etwas anderes behauptet, dann läuft er mit Scheuklappen durch die Gegend.

Der Papst ist Sünder, die Bischöfe sind Sünder, die Pfarrer alle mal und jeder einzelne in dieser Kirche auch. Und keiner von uns muss deshalb außen vor bleiben. Kein einziger, nicht einmal der größte Verbrecher müsste deswegen ausgesondert werden. Denn Jesus lässt uns an sich ran. Er sucht genau die Sünder, denn nur so kann er sie heilen.

Das ist eben die andere Möglichkeit. Entweder man hält sich - wie es die Pharisäer getan haben - von allem Unreinen fern, oder man heilt es.

Jesus hat sich für die zweite Möglichkeit entschieden.

Aber nur dort, wo das Kranke und Unreine nicht verdrängt wird, nur dort, wo es auch einen Platz hat, wo es offen angegangen werden kann, nur dort kann es auf Dauer auch wirklich geheilt werden.

Amen.

(gehalten am 15. Februar 2003 in der Peterskirche, Bruchsal)

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