Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

4. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Mk 1,21-28)

In Kafarnaum ging Jesus am Sabbat in die Synagoge und lehrte. Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre, denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten. In ihrer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen. um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes. Da befahl ihm Jesus: Schweig und verlass ihn! Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei Da erschraken alle, und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl. Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa. (Mk 1,21-28)

Liebe Schwestern und Brüder,

meine Mutter hat das noch so erzählt bekommen. Als sie klein war, so in dem Alter, in dem die kleinen Mädchen ihren Eltern anfangen, Löcher in den Bauch zu fragen, da hat man ihr das noch so erzählt: die kleinen Kinder, die würden halt vom Storch gebracht werden.

Damit haben sich die Eltern damals beholfen, damit sind sie den quälenden und bohrenden Fragen ihrer Tochter ausgewichen. Sie haben versucht, das, was für sie unsagbar gewesen ist, das, wofür sie absolut keine Worte gefunden haben, sie haben es versucht, in einer Geschichte zu verpacken, einer Geschichte, die für ihr Kind eben nachvollziehbar sein sollte, und ein Bild, mit dem Kinder ja offensichtlich auch etwas anfangen konnten. Das Denken ganzer Kindergenerationen war schließlich - was das Kinderbekommen angeht - von diesem Bild vom Storch geprägt.

Ich will jetzt natürlich nicht darüber diskutieren, ob das ein gelungenes Bild gewesen ist, ob dieses Vorgehen pädagogisch gesehen nicht mehr Schaden angerichtet hat als es hilfreich war. Wichtig ist mir hier einzig und allein, dass es ganz einfach so ist, dass Menschen dann, wenn für sie etwas unsagbar zu sein scheint, auf Bilder zurückgreifen, dass sie Geschichten verwenden, und in vielfältigen Farben ausmalen, was man zu sagen ganz einfach nicht in der Lage ist.

Das passiert immer dann, wenn ich zum Einen - wie bei diesem Bild mit dem Storch - etwas nicht sagen will, mich ganz einfach nicht traue, etwas auszusprechen, es passiert aber auch, und vielleicht sogar in noch viel größerem Maße, dort, wo ich etwas ganz einfach nicht aussprechen kann, wo ich ganz einfach nicht in der Lage bin, etwas in Worte zu kleiden, wo Sprache eben bei weitem zu kurz greift, um ausdrücken zu können, was ich eigentlich sagen möchte. Wenn ich etwas nur ganz dunkel erahne, wenn ich etwas spüre und fühle, aber kaum recht beschreiben kann was es ist oder gar wie es ist, dann brauche ich Bilder, dann brauche ich Geschichten, dann brauche ich solche Medien, um davon reden zu können, um andere an diesem Erahnten und Gefühlten teilhaben zu lassen.

Ich denke, genau auf diesem Hintergrund entstanden in der Menschheitsgeschichte die Mythen, die großen Sagen, die Erzählungen und Geschichten, in denen Menschen ihre Ahnungen und ihre Erfahrungen zum Beispiel mit dem Göttlichen ins Wort zu bringen versucht haben. In Bildern und Geschichten haben Menschen ihren Ahnungen Ausdruck verliehen, Bilder und Geschichten brauchten sie, um das Unsagbare, das uns umgibt, ins Wort bringen zu können. Nicht weil sie es nicht anders sagen wollten, ganz einfach, weil sie es nicht anders sagen konnten.

Und das ist ein Unterschied, ein Unterschied, den ich erst langsam kennenlernen musste, den ich zu begreifen lernen musste. Denn nicht alles, was in eigenartigen Bildern ausgedrückt wird, liegt auf der gleichen Ebene wie das Bild vom Klapperstorch.

Vielleicht ist das genau das Handicap, das meine Generation mit auf den Weg bekommen hat. Ich habe von Anfang an gelernt, dass diese Geschichte mit dem Klapperstorch Quatsch ist. Ich habe gelernt, dass es für alles eine vernünftige Lösung gibt, dass man nur dahinterschauen müsse, dass man nur analysieren und rational durchdringen müsse. Und ich sagte mir, wenn ich also den Klapperstorch nicht mehr brauche, dann komme ich auch ohne die anderen Bilder aus, ohne Geister, und ohne Mythen, ohne Sagengestalten und Geschichten.

Es hat recht lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass ich nicht ohne sie auskomme, dass ich genauso, wie alle Menschengenerationen vor mir und vermutlich wie auch alle nach mir, diese Sprache der Mythen, diese Bilder brauche, ja, dass ich geradezu mit ihnen und in ihnen lebe.

Beinahe alles, was mir wirklich wichtig ist, kann ich gar nicht anders ausdrücken, ohne auf solche Bilder zurückzugreifen. Schon wenn ich mir vorstellen möchte, dass Gott mich liebt, und dass er mich trägt, schon dabei komme ich ohne das Bild vom Hirten, vom Felsen, oder gar der großen Hand, die mich auffängt, überhaupt nicht aus.

Und das, obwohl ich genau weiß, dass diese Bilder für sich genommen alle völlig falsch sind. Gott ist kein Hirt und er ist auch kein Fels. Aber diese Bilder, die sind so etwas wie der Durchgriff zu einer tief in der Wirklichkeit verwurzelten Wahrheit; einer Wahrheit, die mich sogar unmittelbar angeht, einer Wirklichkeit aber, der ich mich anders als in solchen Bildern gar nicht nähern kann.

Seit ich das begriffen habe, seit ich die Bedeutung dieser Bilder im Blick auf mein Sprechen von Gott besser einzuschätzen weiß, seither bin ich auch vorsichtiger geworden, wenn es darum geht, die anderen Bilder, die uns in der Schrift begegnen, zu beurteilen, die Dämonen, die wir beispielsweise im Evangelium immer wieder antreffen; noch vor einigen Jahren hätte ich die sicher in den gleichen Topf wie den Klapperstorch geworfen. Bilder und Mythen, wie sie halt vor Jahrhunderten von den Menschen geprägt worden sind, von Menschen, die es eben noch nicht besser gewusst haben, die halt noch nicht wussten, dass es so etwas eben nicht gibt.

Heute ist mir klar, dass das, was die Menschen damals mit diesen Bildern auszudrücken versucht haben, diese Menschen beschäftigt hat, dass sie darin Ahnungen und Erfahrungen zur Sprache gebracht haben, die sie einfach nicht anders ausdrücken konnten. Ängste und Bedrohungen, die sie als reale Größen erlebt haben. Eine Wirklichkeit, die für mich nur noch sehr schwer greifbar geworden ist, die aber trotz allem, trotz aller rationaler Verdrängung immer noch da zu sein scheint.

Und dass dies so ist, dafür ist für mich der beste Beweis, dass ausgerechnet in unserer hochtechnisierten Welt immer mehr Menschen, wieder genau davon gepackt werden, dass der Bereich des Okkulten und Geheimnisvollen wieder Hochkonjunktur hat.

Was sich hinter diesen Bildern genau verbirgt; ich weiß es nicht. Ich weiß nicht ob dahinter nur urmenschlichen Ängste stecken, die tief in unserem Innern angesiedelt sind, oder ob gar tatsächlich durch diese Ängste hindurch eine Wirklichkeit greifbar wird, die jenseits meines Verstehens liegt. Ich traue mir hier mittlerweile keine Urteile mehr zu.

Aber eines weiß ich, und das macht mir diese Stellen im Neuen Testament augenblicklich immer wichtiger. Eines weiß ich: unabhängig davon, was ich heute von den Dämonen, die Jesus hier begegnen, halte, ja, selbst unabhängig davon, was ich jemals in meinem Leben davon halten werde. Egal was sich hinter Dämonen und Geistern auch verbergen mag. Egal ob es jetzt Bedrohungen von Innen oder ob es tatsächlich Gefahren von außen sein mögen. Ich brauche nichts und niemanden anderen, der mir dagegen hilft, ich brauche keine Esoterik und keine Geheimwissenschaften. Denn ich weiß, dass Jesus Christus derjenige ist, der uns von allen nur erdenklichen Gefahren befreit. Ob ich sie kenne oder nicht.

Er macht im heutigen Evangelium die in der Gestalt des Dämons geschilderte Bedrohung des Menschen nicht nur offenbar, er befreit den Menschen auch aus dieser Umklammerung.

Und das heutige Evangelium bezeugt damit ganz eindrücklich, Jesus Christus stellt sich auf meine Seite und zwar gegen alle möglichen und auch gegen alle unmöglichen Gefahren, die ich mir auch nur auszumalen im Stande bin. Ich brauche nichts und niemanden anders, denn dieser Gott, der mir in Jesus Christus nahe kommt, bewahrt mich in seiner Liebe vor allem, was mich je bedrohen könnte.

Und mit Paulus weiß ich: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur, nichts kann uns scheiden von dieser Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.

Amen.

(gehalten am 30. Januar 1994 in der Schlosskirche Mannheim)

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