Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

3. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Jona 3,1-5. 10)

Das Wort des Herrn erging an Jona: Mach dich auf den Weg, und geh nach Ninive, in die große Stadt, und droh ihr all das an, was ich dir sagen werde. Jona machte sich auf den Weg und ging nach Ninive, wie der Herr es ihm befohlen hatte. Ninive war eine große Stadt vor Gott; man brauchte drei Tage, um sie zu durchqueren. Jona begann, in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag lang und rief: Noch vierzig Tage, und Ninive ist zerstört! Und die Leute von Ninive glaubten Gott. Sie riefen ein Fasten aus, und alle, groß und klein, zogen Bußgewänder an. Und Gott sah ihr Verhalten; er sah, dass sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten. Da reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er führte die Drohung nicht aus. (Jona 3,1-5. 10)

Waren Sie schon einmal in Florenz? Eine herrliche Stadt! Ich war schon acht oder neun mal dort, und das jeweils für eine ganze Woche. Und obwohl die Altstadt von Florenz eigentlich recht klein ist, habe ich immer noch das Gefühl, jedes mal Neues zu entdecken.

Natürlich, man braucht eigentlich nur einen halben Nachmittag, um die Altstadt zu durchqueren, aber trotzdem behaupte ich: Wer nur einmal kurz in Florenz gewesen ist, vielleicht sogar nur einen Tag, der war eigentlich fast gar nicht dort.

Liebe Schwestern und Brüder,

war Jona dann in Ninive? Ninive soll eine riesige Stadt gewesen sein, viel größer, als die Altstadt von Florenz jemals war. Allein drei Tage soll man gebraucht haben, um die Stadt nur zu durchqueren.

Erinnern Sie sich noch daran, wie lange Jona in Ninive gepredigt hat? Genau einen Tag lang ist er dort umhergegangen, in einer Stadt, bei der man allein drei Tage benötigt, um sie zu durchqueren! Einen Tag lang hat Jona den Bewohnern von Ninive gepredigt. Nach einem Tag, da ist er nicht einmal bis zum Marktplatz vorgedrungen! Und von Ninive selbst, hat er nach einem Tag sicher kaum etwas gesehen.

Und das lag nicht daran, dass er etwa keine Zeit gehabt hätte. Jona war ja nicht mit einer Reisegruppe unterwegs, die eben nach einigen Stunden schon wieder aufgebrochen ist, um eine andere Stadt zu besuchen. Jona hätte alle Zeit der Welt gehabt. Er hatte einfach keine Lust. Er wollte in Ninive nicht verkünden! 

Ninive war nämlich eine gottlose Stadt und es war weithin bekannt, dass alle Laster der Welt und alle Verbrechen in Ninive zuhause waren. Und alle zerrissen sich die Mäuler über diese Stadt. Dorthin hatte der Herr den Jona gesandt. Er sollte den Bewohnern von Ninive verkünden, dass sie umkehren und sich zum Herrn bekehren sollten.

Aber Jona wollte das nicht! Jona hatte nämlich Angst. Er befürchtete, dass diese Botschaft Wirkung zeigen würde. Er hatte Angst davor, dass die Bewohner von Ninive sich auf seine Predigt hin tatsächlich bekehren könnten. Davor hatte er Angst, denn er wusste genau, dass Gott den Menschen in Ninive dann schon wieder verzeihen würde!

Das wusste Jona genau. Und genau das wollte er nicht. Die hatten die Strafe doch verdient! Denen würde doch recht geschehen, wenn sie mit Sack und Pack untergehen würden.

Jona wollte den Auftrag Gottes in Ninive gar nicht erfüllen. Er wollte nämlich gar nicht, dass sich die Menschen dort bekehrten, und er wollte erst recht nicht, dass sich Gott wieder einmal barmherzig zeigen würde. Einen Tag lang ging er in dieser riesigen Stadt umher, in einer Stadt, bei der man allein drei Tage benötigt, um sie einmal zu durchqueren! Mehr als halbherzig führte er Gottes Auftrag aus, damit nur ja keiner auf Gottes Botschaft hören, damit sich ja keiner zu Gott hinkehren würde. Denn das wusste er: Gott würde sich dann wieder barmherzig zeigen, und genau das wollte er verhindern!

Die Geschichte vom Propheten Jona, der den Auftrag Gottes nicht erfüllen wollte, die erzählte man sich in Israel ganz bewusst. Man erzählte sie, weil ein Stück von diesem Jona eigentlich in uns allen steckt.

Wir reden zwar immer davon, wie großartig es sei, dass Gott barmherzig und voller Vergebung ist - und wir meinen das auch, wenn es uns betrifft. Wenn aber andere Dreck am Stecken haben, wenn es darum geht, dass andere weit hinter Gottes Erwartungen zurückgeblieben sind, dann sieht es meist ganz anders aus. Dann sprechen wir davon, dass da endlich einmal ein Exempel statuiert werden müsste, oder dass dem oder jener völlig recht geschehen würde, wenn sie endlich einmal die Konsequenzen zu spüren bekämen! Und eigentlich müsste ja sowieso viel härter durchgegriffen werden, damit wieder klar werde, dass man die Gebote zu beachten habe. Wo wir hingekommen seien, nachdem gerade die Kirche über Jahrzehnte hinweg die Zügel so hätte schleifen lassen, das könne man heute ja überdeutlich sehen.

So denken Menschen immer wieder, und so dachte auch Jona. Nur Gott, der dachte ganz anders.

Jona musste lernen, dass Gott nicht den Tod des Sünders möchte, sondern dass er umkehrt und lebt. Und er musste lernen, dass der Mensch, der sich anmaßt andere zu verurteilen und sich selbstgerecht über sie zu erheben, dass der am Ende vor Gott als der eigentlich Ungerechte dasteht.

Jona, der Gottes Gerechtigkeit erzwingen wollte, war am Ende der einzige, der froh sein musste, dass Gott so barmherzig ist. Die Menschen von Ninive, die hatten sich nämlich bekehrt. Jona aber war immer noch verstockt, und er zürnte Gott sogar. Er war wütend darüber, dass Gott sein Strafgericht nicht verübt hatte. Der einzige, der sich nun noch gegen Gott versündigte, das war der Gottesmann selbst, der Prophet Jona.

Welch ein Glück für den Jona, für den Selbstgerechten, dass Gott auch mit ihn barmherzig ist. Welch ein Glück für uns...

(gehalten am 22./23. Januar 2000 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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